Filmanalyse und -kritik im Internet

Von Sven von Reden

 

27.10.

Könnten Sie irgendeine Filmmusik eines Superhelden-Blockbusters der letzten Jahre pfeifen? Ich nicht. Ähnlich geht es Tony Zhou, Macher des hier schon vorgestellten Videoessay-Blogs „Every Frame a Painting“. In seinem letzten Monat veröffentlichten Videoessay „The Marvel Symphonic Universe“ beschäftigt er sich daher mit der Frage, warum zwar jeder das „Star Wars“-Thema summen kann, aber niemand auch nur eine Melodie aus einem „Avengers“-Film.

Interessant ist, dass Zhou in sein Videoessay traditionelle journalistische bzw. dokumentarische Techniken einfließen lässt - allzu weit von einem klassischen TV-Beitrag ist sein Video nicht mehr. Er beginnt und beendet „The Marvel Symphonic Universe“ zum Beispiel mit Passanten-Interviews auf der Straße seiner Heimatstadt Vancouver. Als Fremdmaterial benutzt er nicht nur Ausschnitte aus Filmen, sondern auch ein Roundtable-Gespräch, das der Hollywood Reporter mit Filmkomponisten geführt hat. Diese verschiedenen Stimmen verbindet er mit seiner eigenen Analyse zu einem auf den ersten Blick sehr schlüssigen Gesamtargument.

Für die Eintönigkeit heutiger Blockbuster-Filmmusiken macht er vor allem die so genannte „temp music“ verantwortlich, also „temporäre“ Musik, die während des Schnitts benutzt wird, um schon einmal ein Gefühl für den fertigen Film zu bekommen. Oftmals gewöhnt sich der Regisseur im Laufe des langen Montageprozesses so sehr an diese Musik, dass der eigentliche Filmmusikkomponist am Ende nicht mehr machen soll, als die „temp music“ ungefähr nachzuahmen. Wenn man sich die Beispiele aus Zhous Video anhört, wundert es einen, dass in Hollywood nicht ständig Plagiatsklagen geführt werden.

Hier liefert Zhou ergänzend noch mehr Beispiele:

Zhou, der auch als Film Editor arbeitet, ist wie immer gut darin, den Zuschauer seine Argumentation anhand von Beispielen selber nachzuvollziehen zu lassen. Allerdings basiert sein Argument hinsichtlich der „temp music“ auf falschen Annahmen. Das zeigt ein Videoessay, das der Australier Dan Golding wenige Tage nach „The Marvel Symphonic Universe“ als Antwort gepostet hat. In „A Theory of Film Music“ stimmt er Zhou zu, dass moderne Blockbuster-Filmmusiken austauschbar-anonym geworden sind. Allerdings hängt das nicht notwendigerweise mit dem Gebrauch von „temp music“ zusammen. Denn wie Golding zu Recht bemerkt: „temp music“ ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Auch bei „Star Wars“ wurde sie zum Beispiel verwendet. Daher klingt John Williams berühmtes Titelthema so verdächtig nach Erich Wolfgang Korngolds Musik zum Western „King’s Row“, andere Melodien im Film ahmen etwa Tschaikowskys „Le sacre du printemps“ nach.

Filmmusiken wurden in Hollywood schon immer ziemlich offen zusammengeklaut. Was aber neu ist, ist wie eng der Pool an Zitatmaterial im heutigen Blockbustkino geworden ist. Statt sich wie Lucas/Williams bei Komponisten von Tschaikowsky bis Korngold zu bedienen, scheinen gerade die Marvel-Filme sich nur noch an anderen Musiken erfolgreicher Filme aus den letzten Jahren zu orientieren. Dass diese wiederum kaum noch wiedererkennbare Melodien enthalten und stattdessen eher mit rhythmischen Texturen arbeiten, dafür macht Golding durchaus plausibel einen Deutschen verantwortlich: Hans Zimmer.

Es wäre toll, wenn es weitere Antworten auf Zhou geben, wenn sich also wirklich so etwas wie ein Videodiskurs zum Thema entwickeln würde. Ich bin kein Experte für Filmmusik, aber mir scheint, dass die beiden Videoessays noch längst nicht alle Facetten dieses Themas angesprochen haben. Denn das Problem besteht nicht nur im Blockbuster-Segment. Auch viele sich anspruchsvoll dünkende Arthouse-Filme haben musikalisch oftmals nicht mehr zu bieten als dahinwabernde Soundflächen aus dem Computer mit ein paar darübergetupften Klavierfiguren. Sie sind ebenfalls seltsam unbestimmt und bleiben daher nicht im Gedächtnis haften.

Vielleicht liegen die tieferen Ursachen auch weder in technischen Neuerungen noch im Einfluss einzelner Komponisten, wie es Zhou und Golding vermuten, sondern eher in größeren kulturellen Entwicklungen. Eine Filmmusik, die sich mit ihren Melodien in den Vordergrund drängt, die emphatisch ist, die genau vorgibt, was der Zuschauer fühlen soll, passt nicht mehr in die Zeit. So wie uns heute die Redestile von Politikern früherer Jahrzehnte zu agitierend, zu emotional, zu autoritär erscheinen – dafür muss man nicht bis ins Nazideutschland zurückgehen, man schaue sich nur mal Bundestagsreden aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten an -, so wirken auch Filmmusiken der klassischen Hollywoodära im heutigen Kontext als zu dick aufgetragen.

Mir scheint, dass die Filmmusik in einem Dilemma steckt: Sie darf heute nicht zu offen manipulativ sein, das durchschaut das Publikum, aber zugleich soll sie natürlich auch nicht austauschbar wirken. Ein Balanceakt, der oftmals nicht gelingt. Auf Musik öfter mal komplett zu verzichten, wäre eine Lösung, aber das wird im kommerziellen Kino kaum gewagt. Oft muss die Musik schließlich auch Schwächen in der Regie, beim Schauspiel oder Schnitt übertünchen. Am Ende haben die Filmmusiken das gleiche Problem wie heutige Politiker jenseits von Populisten à la Trump: Irgendwie wirken sie austauschbar

 

7.9.2016

Als Ziel dieses Blogs habe ich zu Beginn formuliert, einen weit gefächerten Blick auf „Filme über Film“ im Internet zu werfen. Bislang ging es aber an dieser Stelle in erster Linie um Video-Essays, die von Enthusiasten aus dem angloamerikanischen Raum auf Streaming-Plattformen wie Youtube oder Vimeo gestellt werden. Heute will ich einen Exkurs nach Deutschland wagen und zu den Angeboten traditionellerer Medienhäuser: Wie gehen eigentlich deutsche Zeitungsverlage in ihren Internetauftritten mit den Möglichkeiten um, filmkritische oder filmvermittelnde Videos online zu stellen? Das letzte Mal habe ich mich vor ein paar Jahren systematisch durch die Angebote geklickt – und war enttäuscht. Hat sich in diesem für das Internet langem Zeitraum irgendetwas verbessert? Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: erstaunlich wenig.

Ich fange bei der Süddeutschen Zeitung an. Seit 2011 gibt es auf deren Homepage eine Videoserie mit dem Titel „zoom – Die Kinopremiere“. Die Filmredakteure der Zeitung stellen pro Woche einen Film in einer wenige Minuten langen „Video-Kolumne“ vor. Fritz Göttler, David Steinitz und Susan Vahabzadeh sprechen vor der Kamera über einen Film, zwischendrin werden Ausschnitte gezeigt, manchmal laufen beide Ebenen mit Hilfe eines Splitscreens auch parallel. Ein nur scheinbar einfaches Format. Im besten Falle sind Text und Filmbild gleichwertig und verhalten sich nicht nur illustrierend zueinander. Das hinzubekommen, ist eine anspruchsvolle und zeitintensive Puzzlearbeit. So viel Mühe wurde sich hier nicht gemacht.

Die Videos der Süddeutschen wirken sehr disparat. Mal sind Schnitte durchdacht, mal scheinen sie völlig beliebig, mal verhält man sich recht respektvoll gegenüber den Filmausschnitten, mal scheinen sie beliebige audiovisuelle Verfügungsmasse – was auch daran liegt, dass bei Blockbustern sicher nicht der gesamte Film für den Schnitt zur Verfügung stand, sondern nur das sogenannte „Electronic Press Kit“. Und natürlich unterscheiden sich auch die „Performances“ vor der Kamera je nach Talent und Neigung. Während Vahabzadeh und Steinitz scheinbar frei vor der Kamera wie in einem Interview reden, liest Göttler Texte ab, die irgendwo hinter der Kamera platziert sind. Das wirkt unweigerlich hölzern und didaktisch, ermöglicht aber auch geschliffenere Texte. So richtig scheint man sich in der Filmredaktion über die Funktion der Videos nicht einig zu sein: Sind es einfache Filmtipps, die die Entscheidung an der Kinokasse erleichtern sollen, oder feuilletonistische Analysen?

Ähnlich sieht es bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus. Hier heißen die „Video-Kolumnen“ „Videokritiken“, ansonsten unterscheiden sie sich wenig. Dietmar Dath, Verena Lueken, Bert Rebhandl, Andreas Kilb und Julia Bähr wechseln sich ab. Als ich vor ein paar Jahren auf der Seite der FAZ nachgeschaut hatte, wurden noch die Kritiken aus der Zeitung einfach über Filmausschnitten vorgelesen, was in erster Linie eins belegte: Lesetexte eignen sich nicht als Off-Texte über einer mehr oder minder beliebigen Bebilderung. Mittlerweile hat man erkannt, dass man etwas mehr Arbeit investieren muss, und sich offenbar an der Süddeutschen orientiert. Das Spektrum reicht bei der FAZ von Dietmar Dath, der seine wie immer originellen Gedanken recht locker vor der Kamera vorträgt, bis hin zu Andreas Kilb, der sich gar nicht zeigen will - er lässt seine Texte aus dem Off über Filmbilder vorlesen. Anders als auf sueddeutsche.de werden bei faz.net die Video-Filmkritiken auf der gleichen Seite wie die Printkritiken präsentiert, beides ergänzt sich also.

Bei beiden Angeboten nervt die Werbung, die man vor einer Video-Kolumne/Kritik über sich ergehen lassen muss. Natürlich ist es völlig legitim, dass die Verlage versuchen, ihre Gratis-Internetauftritte mit Werbung zu finanzieren. Wenn man allerdings erst einen 30-sekündigen Spot überstehen muss, um eine gerade einmal 1:46 Minuten lange Internet-Filmkritik von Andreas Kilb sehen zu können, stellt sich die Frage, ob die Verhältnisse stimmen.

Die Finanzierung der Webinhalte dürfte das Kernproblem sein: Mit anspruchsvollen filmvermittelnden Videos lässt sich kein Geld verdienen, dementsprechend stehen sie weit unten auf der Agenda der Verlage. Allerdings stellt sich die Frage, warum man sich im Internet mit einer handwerklichen Qualität zufrieden gibt, die im Printprodukt nie geduldet würde? Wäre es nicht besser, gar nichts anzubieten, statt Halbherziges? Das Problem ist: Die Verlage wollen sich zukunftsorientiert geben, wollen als multimediale Inhaltelieferanten glänzen, dafür fehlen ihnen aber schlicht die Mittel. Anders als hippe Start-Up-Unternehmen können sie keine Millionen verbrennen.

Dass eine blinde „publish or perish“-Strategie nicht funktioniert, zeigen allerdings die Klickzahlen auf den Youtube-Kanälen von SZ und FAZ, die Videos der FAZ erreichen hier meist nicht einmal hundert Zuschauer, die SZ macht die Videos seit einiger Zeit nur noch über die eigene Homepage zugänglich, ältere Beispiele haben auf Youtube meist Zuschauerzahlen im niedrigen dreistelligen Bereich erreicht. Andere überregionale deutsche Tageszeitungen produzieren keine eigenen Videoinhalte zum Thema Kino. Die Zeit hat ihre Versuche offenbar eingestellt, auf zeit.de findet man nur zwei audiovisuelle Filmtipps, einer aus dem Jahr 2014, einer aus dem Jahr 2015.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Man fragt sich, warum die großen Verlage nicht mit Video-Essay-Regisseuren kooperieren, die schon bewiesen haben, dass sie exzellente Arbeiten liefern. Da sie meist aus dem englischsprachigen Raum stammen, müssten Übersetzungen finanziert werden. Ansonsten würden sich die Kosten wahrscheinlich in Grenzen halten, wenn man den Machern weiterhin das Recht einräumt, ihre Videos auf den eigenen Seiten zu präsentieren.

In diesem Blog könnten die deutschen Verlage auf jeden Fall Tipps finden, an wen sie sich wenden sollten.

 

18.7.2016

Willkommen im Sommerloch. Wirklich herausragende Beispiele für aktuelle filmvermittelnde Filme im Internet waren in den letzten Wochen rar. Zwei kleinere Arbeiten von Kevin B. Lee, einem der prominentesten Video-Essayisten, machen noch einmal deutlich, was ihn von vielen seiner Kollegen unterscheidet: Er versteht Video-Essays als Instrument der Kritik und nicht nur der Analyse oder des Fantums.

In seinem neuesten Beitrag für den Vimeo-Kanal der Streamingseite Fandor nimmt er sich »Ghostbusters« vor, bzw. die absurde Empörungswelle, die dadurch losgetreten wurde, dass die Hauptrollen im aktuellen Remake/Reboot von Paul Feig nur mit Schauspielerinnen besetzt wurde. Lees Essay zeigt, wie beschränkt die Rollen von Frauen im Original aus dem Jahr 1984 waren – wenn auch wahrscheinlich in der Hinsicht nicht schlimmer als die meisten Actionfilme der damaligen Zeit. Im aktuellen Fall sollte man also vielleicht weniger von umgekehrten Sexismus sprechen als von ausgleichender Gerechtigkeit.

Lees kurzes Video, das er anlässlich des Todes von Abbas Kiarostami Anfang Juli gemacht hat, ist deswegen bemerkenswert, weil hier die Kritik nicht nach außen gerichtet ist, sondern an sich selbst bzw. an die Scharen von Video-Essayisten, die Genre-Routinen entwickelt haben ohne deren Beschränkungen zu hinterfragen. Er kommt dabei zu einer ähnlichen Kritik, wie sie auch in diesem Blog schon formuliert wurde.

Eigentlich wollte Lee einen Supercut montieren mit typischen Szenen, die im Werk Kiarostamis immer wieder auftauchen. Doch bei der Arbeit wurde ihm klar, dass man damit einem wichtigen Aspekt der Arbeit des großen Filmemachers nicht gerecht wird: der toten Zeit, dem Aushalten langer Einstellungen, deren Wirkung sich vielleicht erst nach dem Kinobesuch richtig entfaltet. Den ADHS-Montagen der Supercut-Spezialisten setzt Lee eine lange Einstellung aus Kiarostamis „Quer durch den Olivenhain“ (1994) entgegen, die ungefähr zwei Drittel seines metakritischen Videoessays ausmacht.

Ich versuche, in diesem Blog möglichst aktuelle filmvermittelnde Filme vorzustellen. An dieser Stelle möchte ich eine Ausnahme machen, zum einen, weil sie gut zu Kevin B. Lees via Abbas Kiarostami vorgetragenem Plädoyer für „Filme, die das Publikum in den Schlaf wiegen“ im Gegensatz zu „Filmen, die einen in Geiselhaft nehmen“ passt, zum anderen, weil das Video-Essay aus dem Jahre 2014 gerade noch einmal im Online-Magazin World Picture Journal veröffentlicht wurde.

In „Philosophy in the Kitchen“ beschäftigt sich die Wissenschaftlerin Domietta Torlasco mit der Darstellung von Hausarbeit im Film. Mit Hilfe von Split-Screens und einem philosophisch-assoziativen Off-Text zeigt sie, „wie das Kino der Dauer – lange Einstellungen, wiederholende Gesten, langes Schweigen - in der Küche der vierziger Jahre geboren wurde und von da aus unser Verständnis von Zeit  und Sozialbeziehungen verändert hat“. Die potentiell nie endende Hausarbeit wird zu einem Vorläufer der modernen Berufswelt, in der Smartphone und E-Mail niemals Ruhe geben - außer vielleicht in wenigen glücklichen Sommerwochen.

www.worldpicturejournal.com/WP_11/Torlasco_11.html

 

14.6.16

Positiv aufgefallen ist mir bei den vielen Video-Essays und Supercuts, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, dass das audiovisuelle Arbeiten die Macher dazu bewegt, vor allem auf die Form der behandelten Filme einzugehen, bzw. wie Form und Inhalt sich bedingen, und nicht lediglich den Plot oder die Figuren in den Mittelpunkt zu stellen - wie es so oft in schlechten Printtexten der Fall ist. Negativ ist mir dagegen aufgefallen, wie wenig die allermeisten Video-Essays tatsächlich ihren Bildern vertrauen. Anders formuliert: Es sind meistens mehr Essays als Videos. Deutlich ist erkennbar, dass zunächst ein Text geschrieben wurde, der dann mit mehr oder minder passenden Bildern unterlegt wurde. Anders formuliert: Die Video-Essays ähneln eher dem Fernsehen als dem Kino - man könnte die Bildebene auch weglassen und sie würden immer noch funktionieren. Zudem werden die Filme, um die es geht - und die ja oft als große Kunstwerke gewürdigt werden sollen -, oftmals ziemlich brutal zerschnipselt und zum reinen Argumentationsbeweismaterial herabgewürdigt. Das ist umso unverständlicher je schlauer die Analysen sind.

Nur ein Beispiel: Drew Morton hat ein interessantes Thema für sein Video-Essay ausgewählt. In Reputation Is Everything geht es um die Bedeutung von Namen und den dazugehörigen Mythen in „Inglourious Basterds“, bzw. im Schaffen von Quentin Tarantino allgemein. Seine These: Zu Konflikten kommt es immer wieder, wenn Figuren merken, dass sie die Mythen, die sich um ihre Namen gebildet haben, nicht mehr kontrollieren lassen. So schön das Thema ist, so rücksichtslos geht Morton mit dem Filmmaterial um. In die zitierten Szenen schneidet er blitzartige Rück- und Vorblenden ein, die die Integrität des Originals komplett zerstören. Ein Gemetzel, das denen im Film in nichts nachsteht.

So gut manche Video-Essayisten dabei sind, Filmemacher, Genres oder aktuelle ästhetische Tendenzen zu sezieren, so schlecht scheinen sie darin zu sein, die Form ihrer eigenen Arbeiten zu hinterfragen. Oder haben sie nur Angst ihre Zuschauer zu verlieren? Auffallend ist, dass fast alle Video-Essays dem Zuschauer keine Zeit lassen, das gehörte auch visuell nachzuvollziehen. Die Bebilderung erfolgt parallel zum analysierenden Off-Text, dann geht es schon weiter zum nächsten Gedanken und Ausschnitt. Textfreie Filmausschnitte sind eine Seltenheit. Noch seltener ist, dass dem Zuschauer zugemutet wird, selber eine Brücke zu bauen zwischen Bild- und Textebene, wahrscheinlich weil dies eine Verlangsamung des Rhythmus erfordern würde. Man mag das dem brutalen Aufmerksamkeitswettbewerb im Internet zuschreiben. Auf der anderen Seite: Kein Redakteur zwingt den Video-Essayisten Quoten auf. So gut wie niemand dürfte damit wirklich Geld verdienen. Es sind die Werke von Nerds, Fans und Studenten.

Es würde sicher nicht schaden, wenn einige der Video-Essayisten sich mal näher mit Filmschnitt beschäftigten. Passenderweis hat Tony Zhou zu dem Thema gerade ein im positivsten Sinne didaktisches Video-Essay mit dem Titel How Does an Editor Think and Feel? veröffentlicht, das auch ein überzeugendes Plädoyer ist, dem Zuschauer auch mal mehr Zeit zu lassen.

 

Was „Pausen“ mit filmischer Ethik zu tun haben, zeigt Taking Time to Hear: Accented Rests in Michael Haneke's Cinema von Elsie Walker.

 

 Im Verhältnis zu den Video-Essays hat die Mehrzahl der sogenannten Supercuts, also reinen Zusammenschnitten von Filmausschnitten anhand bestimmter Motive, das umgekehrte Problem. Hier dominiert zwar nicht die Textebene, einen Off-Kommentar gibt es ja nicht, aber meist verfolgt auch die Montage kein erkennbares „Argument“. Filmschnipsel werden aneinander gefügt, weil sie zusammen „funktionieren“, aber nicht weil irgendeine Logik verfolgt wird, die über eine reine Addition hinausgeht.

Als Plattenliebhaber kann ich es mir aber nicht verkneifen Indy Vinyl: Close Ups. Needle Drops. Aerial Shots – Records in US Independent Cinema 1987 – 2015 (LP Version) zu posten. Ein Supercut für Fetischisten. Ungefähr in der Länge einer LP-Seite hat Ian Greenwood hier Szenen zusammengeschnitten, in denen sich Platten auf Plattenspielern drehen und Tonarme aufs Vinyl absinken - in allen möglichen Einstellungsgrößen und Winkeln. Versucht das mal mit Spotify!

 

 

10.5.2016

Son of Saul

Von der ersten Einstellung an hat mir „Son of Saul“ Unbehagen bereitet – und zwar nicht wegen seines Themas. Wer ihn bislang nicht gesehen hat: Laszlo Némés' Debütfilm beginnt mit einer handwerklich beeindruckenden Plansequenz, gefilmt auf 35mm-Material. Besonders die warmen Grün- und Brauntöne sind mir in Erinnerung geblieben. Die Farben haben eine Dichte, die nur analoger Film erzeugen kann. Von der ersten Sekunde an ist dieser Film also ein sinnliches Vergnügen – besonders für Cinephile.

Das Problem dabei ist: In „Son of Saul“ geht es um den Holocaust. Der Film folgt atemlos einem jüdischen Sonderkommando-Mitglied beim Versuch, seinen Sohn würdevoll zu beerdigen (ob es sich wirklich um den Sohn handelt, lässt der Film offen).

Kann das zusammengehen: ästhetisches Vergnügen und der Holocaust?

Anders formuliert: Was mich an „Son of Saul“ stört, ist die fehlende Demut dem Thema gegenüber. Letztlich stellt der Film mehr die Brillanz des Filmemachers in den Vordergrund als die Auseinandersetzung mit dem Holocaust - oder zumindest hat beides das gleiche Gewicht.

Mit solch einer Einschätzung nimmt man natürlich eine alte Diskussion auf, die in der Filmkritik mindestens zurückgeht bis zu Jacques Rivettes berühmter Kritik an Gillo Pontecorvos „Kapo“ aus dem Jahr 1961, in der er „absolute Verachtung“ äußert für eine Kamerafahrt, die den Todesmoment eines weiblichen KZ-Häftlings dramatisiert und ästhetisiert.

Was das mit dem Thema dieses Blogs zu tun hat?

Aus Anlass von „Son of Saul“ hat jetzt Leigh Singer für das British Film Institute die Geschichte der Diskussionen um die ethische Dimension von Holocaust-Verfilmungen in einem 12-minütigen Videoessay mit dem Titel „Barbaric poetry: can we really film the Holocaust“ aufgearbeitet.

Kennern der verschiedenen Positionen wird das Video-Essay nicht viel grundsätzlich Neues bieten, aber es fasst in kurzer Zeit klar strukturiert eine komplexe Diskussion zusammen und stellt am Ende den formalen Rigorismus etwa eines Claude Lanzmann in Frage. Leider überfordert Singer auf dem Weg dahin den Zuschauer. Oftmals laufen drei Informationsebenen parallel: Ein Voiceover, Texteinblendungen und Filmausschnitte. Die Menge an Informationen ist beim ersten Sehen nicht zu bewältigen. Ebenso lieblos behandelt Singer Filmausschnitte, etwa wenn er sein Voiceover über Filmdialoge legt. In einem Video-Essay, das so viel von der Ethik der Form handelt, sollte man mehr Respekt vor der Integrität der zitierten Filme erwarten.

 

Gone Girl: A Greek Tragedy

Tendenziell zu viele Parallelinformationen bietet auch Ivana Brehas „Gone Girl: A Greek Tragedy“. Man muss sich zumindest sehr konzentrieren, um folgen zu können. Dennoch ist ihr Video-Essay über die Ähnlichkeiten zwischen Gillian Flynns Roman bzw. David Finchers gleichnamigem Film und Euripides' Tragödie „Medea“ immer wieder verblüffend. Originalzitate aus dem antiken Drama legt sie über Filmausschnitte und die Parallelen werden sofort evident. Dazu braucht es oftmals gar nicht ihren zusätzlichen Off-Kommentar, der leider mit dem viel zu laut abgemischten Filmscore unterlegt wurde.

 

 

Which Movies Have the Greatest Cinematography?

Zum Abschluss wie beim letzten Mal eine Empfehlung für einen „Film über Film“, der allein schon durch seine grandiosen Bilder heraussticht. Scout Tafoya hat für den Streaming-Dienst Fandor einen Essay gemacht mit dem etwas in die Irre leitenden Titel „Which Movies Have the Greatest Cinematography?“. Es geht hier weniger um eine Auflistung der am besten fotografierten Filme als einen Essay über die Bedeutung der Kameraarbeit am Beispiel von einem Dutzend Meisterwerken der Kinogeschichte. Der vorgetragene Off-Text ist bisweilen etwas pathetisch geraten, aber auch voller intelligenter Einsichten und – das ist besonders wichtig - gut auf die Filmausschnitte abgestimmt. Ein ästhetisches Vergnügen. Die Auswahl der Filme und Kameramänner basiert auf einer Umfrage von „60 Filmkritikern und Cinephilen“ (leider wird nicht gesagt welche). Wie oft bei solchen Umfragen ist die abgebildete Vielfalt überschaubar: Keine Frau hat es etwa in die Liste geschafft, kein Russe, kein Japaner. Die Filmgeschichte wird hier weitgehend auf die westliche Hemisphäre beschränkt.

 

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

25.4.2016

Natürlich hat nicht erst das Internet „Filme über Film“ hervorgebracht. Es gibt eine lange Tradition von Experimentalfilmen, die sich künstlerisch mit Film, dessen Material, Technik und Geschichte, auseinandersetzen.

Das Fernsehen hat ebenfalls seit den sechziger Jahren mit eher didaktischem Ansatz aktuelle Produktionen und auch Filmhistorie in Sendereihen vermittelt. Und jeder kennt die auf DVDs gepackten, den Film ergänzenden Extras, die von kurzen Interviews mit dem Regisseur und Darstellern bis hin zu selber abendfüllenden Dokumentarfilmen reichen können. Über all diese Formen „filmvermittelnder Filme“ gibt es eine wunderbare Webseite: www.kunst-der-vermittlung.de. Hier finden sich über ein Dutzend Dossiers zum Thema. Zwei der Dossiers beschäftigen sich auch mit dem Internet. Leider wird die Seite seit 2012 nicht mehr aktualisiert. Dieses Blog ist also in gewisser Weise eine Fortführung des Projekts; weniger systematisch, dafür aber mit größerer Aktualität.

Was hat sich also getan in den letzten Wochen? Hier ein paar Beispiele für aktuelle „Filme über Film“, die mir aufgefallen sind.

Das Highlight zuerst: "Notes on Pickpocket" ist ein kurzes Videoessay über Robert Bresson von Filmscalpel. Bressons Bedeutung geht ja nicht nur zurück auf seine dreizehn Spielfilme, die er gedreht hat, sondern auch auf sein schmales, aber bedeutendes Werk als Filmtheoretiker - sein Band „Notizen zum Kinematographen“ wurde vor ein paar Jahren in einer Umfrage der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound auf den zweiten Platz der besten Filmbücher aller Zeiten gewählt. Dabei ist das kleine Buch ebenso faszinierend wie bisweilen frustrierend. Er besteht nur aus kurzen Aphorismen, die es - ebenso wie Bressons Filme - schaffen, größtmögliche Klarheit und Undurchdringlichkeit zu verbinden. Die Idee hinter „Notes on Pickpocket“ ist so einfach wie schlüssig: Das Video-Essay wendet Bressons Aphorismen auf seinen Film „Pickpocket“ an. Ausschnitte werden gezeigt, dazu erscheinen nach und nach Sätze aus „Notizen zum Kinematographen“ im Bild. Manchmal bleiben durch diese Gegenüberstellungen Sätze so enigmatisch wie zuvor („Empty the pond to get the fish“), manchmal wird erst einmal Rätselhaftes plötzlich verständlich, etwa wenn zum Satz „Unbalance so as to re-balance“ eine Einstellung zu sehen ist, die zwei Drittel der Bildfläche leer lässt - bis der Protagonist ins Bild kommt und sich in die „Leere“ setzt und so die Komposition in ein Gleichgewicht bringt. „Notes on Pickpocket“ ist nicht nur erhellend, sondern auch sehr sorgfältig gestaltet. Das Timing der Texteinblendungen ist präzise, schön sind auch kleinere gestalterische Gimmicks, etwa wenn der Text zunächst scheinbar vom Protagonisten verdeckt wird. Umso erstaunlicher ist, dass auch dieses Videoessay nicht kenntlich macht (etwa durch Schwarzkader), welche Schnitte im Film selber zu finden sind und welche von Filmscalpel gesetzt wurden.

Notes on Pickpocket from Filmscalpel on Vimeo.

Auf der schön gestalteten Seite filmscalpel.com finden sich noch weitere filmvermittelnde Filme und ein ganz hilfreiches Glossar, das etwa Unterschiede zwischen Supercuts, Mash-Ups, Fan Edits und Video Essays erklärt. Stöbern lohnt sich.

Das Tolle an „Notes on Pickpoket“ ist, wie hier der Zuschauer dazu angeregt wird, selber die Verbindungen zwischen Bild und Text herzustellen. Das Bild illustriert nicht einfach nur den Text. Diesen Vorwurf kann man der Analyse von Denis Villeneuves „Sicario“ von Must See Films machen. Letztlich würde das zwölfminütige Video auch ohne die Bilder funktionieren. Die Geschwindigkeit des Off-Kommentars erlaubt es dem Zuschauer allerdings auch nicht, Text und Bild selber zu verbinden. Es ist eher so, dass die Doppelung nötig ist, um dem rasanten Tempo folgen zu können. Bisweilen führt das eher zu unfreiwillig komischen Bebilderungen, etwa wenn ein Ying-und-Yang-Zeichen eingeblendet wird, nur weil im Off-Text ein Ying-und-Yang-Zeichen erwähnt wird. Auch wenn für meinen Geschmack der Film „Sicario“ hier zu sehr auf die Argumente des Autors zugerichtet wurde, ist die Analyse von Must See Films hervorragend. Insofern lohnt es sich hier reinzuschauen – oder auch nur zuzuhören.

Zum Abschluss noch ein Supercut, der Szenen aus Nicolas Winding Refns Filmen nach Farben ordnet. Der Erkenntnisgewinn ist überschaubar – es ist nicht unbedingt überraschend, wie der Regisseur etwa rot und blau einsetzt -, aber schön anzuschauen ist das auf jeden Fall.

Refn: Colors of Emotion from Alex Kalogeropoulos on Vimeo.

 

 

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

AUFTAKT

Worum geht es in „Film über Film“?

In diesem Blog stehen die vielfältigen (audio-)visuellen Auseinandersetzungen mit Kinofilmen im Internet im Mittelpunkt, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben. Sie können von Filmkritikern und -wissenschaftlern stammen, aber auch von Fans und Laien. Das Gebiet umfasst Videoessays und Videofilmkritiken, Supercuts, Remixe, aber auch sehr aufwändige Big-Data-Analysen oder scheinbar ganz simple animierte Gifs.

Sven von Reden beobachtet die vielfältigen (audio-)visuellen Auseinandersetzungen mit Kinofilmen im Internet. Sein Blog soll vor allem zweierlei leisten: unterschiedliche Formen solcher „Filme über Filme“ vorstellen und sie kritisch unter die Lupe nehmen.

Von den oben genannten „Genres“ haben Videoessays als neue, ernstzunehmende filmanalytische Form in den letzten Jahren am meisten Aufmerksamkeit bekommen. Wobei der Begriff sehr weit gefasst wird und es nicht wirklich ein neues Genre ist (dazu mehr in einem der nächsten Posts). Hier wird ein besonderer Fokus des Blogs liegen. Mit Kevin B. Lee hat das Videoessay auch schon so etwas wie einen ersten „Star-Regisseur“, dessen Filme bereits auf vielen Festivals auch in Deutschland gelaufen sind und dem das Österreichische Filmmuseum im April eine eigene Werkschau widmet.

Kurz noch ein paar Worte zu meiner eigenen Motivation:

Ich habe einige Jahre als Autor für die 3sat-Sendung „Kinomagazin“ „Filme über Film“ gemacht. Als jemand, der von der klassischen geschriebenen Filmkritik kommt, hat mich überrascht, wie unterschiedlich beide Aufgaben sind. So sehr man sich als Filmkritiker oftmals wünscht, in einen geschriebenen Text einen Filmausschnitt einfügen zu können, so sehr bringt das Nebeneinander von Text und Bild eigene Probleme mit sich. Es interessiert mich, wie andere diese Probleme lösen – oder an ihnen scheitern –, aber natürlich auch, wie aus dem Internet vielleicht neue Impulse für eine Filmkritik kommen können, der nicht nur die ökonomische Basis zunehmend entzogen wird, sondern die auch intellektuell in die Defensive geraten ist.

Die Form des Blogs scheint mir dafür am besten geeignet, weil sich das Feld ständig weiterentwickelt – und natürlich auch, weil so eine Verlinkung zu Beispielen einfach möglich ist. Bislang bin ich auf dem Feld der vielfältigen Beschäftigungen mit Film im Netz noch kein Fachmann, aber ich hoffe es mit der Zeit zu werden – zusammen mit den LeserInnen dieses Blogs.

Für den, der noch überhaupt keine Vorstellung von Filmanalysen und Filmkritiken im Netz hat, hier ein paar Beispiele für verschiedene Formen. In den nächsten Posts werde ich dann näher auf einzelne Genres eingehen.

Ein lehrreiches Videoessay über die spezifische Ästhetik von Schuss/Gegenschuss-Szenen in den Filmen der Coen-Brothers:

 

Ein Videoessay über den Regie-Stil von Yasujiro Ozu, das auf Off-Kommentar verzichtet und nur mit Gegenüberstellungen einzelner Szenen mit Hilfe von Split-Screens „argumentiert“:

 

Eine eher akademische Analyse einer Szene aus Nicolas Roegs „Don’t Look Now“, ebenfalls mit Hilfe komplexer Split-Screen-Gegenüberstellungen und Texteinblendungen:

 

Beispiel für eine Video-Filmkritik, die versucht, klassische Feuilleton-Kompetenz mit audiovisuellen Inhalten zu verbinden:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/zack-snyders-film-batman-v-superman-im-kino-kritik-14142318.html

 

Beispiel für einen „Supercut“, also einen Zusammenschnitt von Szenen, die ein einzelnes Element einer Filmhandlung isolieren. Hier sind es Kussszenen in Filmen von Alfred Hitchcock:

 

Beispiel für eine „Big Data“-Analyse. In dem Video wird das Projekt „Cinemetrics“ vorgestellt, in dem so etwas wie die „visuellen Fingerabdrücke“ von Filmen erstellt werden.

 

Beispiel für ein Gif, das filmhistorische Parallelen aufzeigt: http://45.media.tumblr.com/4ab653ed4725fe01c367ff75cf6f8864/tumblr_o3esjbSJit1r7213zo1_400.gif

 

Lesen Sie auch die übrigen Texte von Sven von Reden, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums im FILMDIENST publiziert wurden.