Annäherung an eine Lady

Interview mit der Schauspielerin Gillian Anderson über »Der Stern von Indien«

Im Historienmelodram »Der Stern von Indien« von Gurinder Chadha (hier die FILMDIENST-Kritik) spielt Gillian Anderson die Ehefrau des ­englischen Vizekönigs Lord Mountbatten, die ihn 1947 nach Indien begleitet, mit ihm die politische Lage analysiert, Pläne schmiedet und immer wieder seine Entscheidungen kritisch ­hinterfragt. Dabei spürt man deutlich die Zuneigung der US-amerikanischen Schau­spielerin, Regisseurin, Autorin und Aktivistin zu »ihrer« Lady Edwina Mountbatten.

Das Gespräch führte Michael Ranze, FILMDIENST 17/2017

Wie reagieren Sie darauf, dass viele Sie noch immer mit »Akte X« identifizieren?

Anderson: Es gab schon eine Zeit, in der mir das sehr auf die Nerven ging. Besonders, als wir die letzte Staffel abgedreht hatten. Ich versuchte mich von Scully, von der Identifizierung mit ihr, zu lösen. Manchmal war das frustrierend, und ich habe es sehr weit von mir gewiesen. Bis ich dann zu der Überzeugung gelangt bin, dass man solche Rollen auch umarmen und als Geschenk sehen muss, in mehr als einer Hinsicht. Und dann war ich der Rolle auch nicht mehr böse.

Sie und David Duchovny wurden zu Ikonen der Fernsehlandschaft. Ist es schwer, sich davon zu lösen?

Anderson: Das hängt davon ab. In Großbritannien zum Beispiel kann eine Schauspielerin wie Judi Dench leicht zwischen Kino und Fernsehen wechseln; die Fernseharbeit hat keine negativen Auswirkungen auf ihre Karriere. In den USA galt das Fernsehen lange Zeit als niedere Unterhaltung für die Massen, jetzt aber wird es anders wahrgenommen. Schauspieler fühlen sich darum ermutigt, Teil einer großen Fernsehserie zu werden.

Sie leben als Amerikanerin in Groß­britannien. Wie sehen Sie die Faszination der Engländer für die Monarchie?

Anderson: Ich respektiere diese Begeisterung, besonders die Herausforderung, als Königin neutral zu bleiben und sich nicht in die politischen Alltagsgeschäfte einzumischen. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, ein solides und verläss­liches Staatsoberhaupt zu haben – und was passiert, wenn dem nicht so ist. Man sieht das aktuell, und auch im Vereinigten Königreich hat es Zeiten gegeben, wo sich die politische Lage sehr viel dünnhäutiger darstellte. Aber: Es war immer die Krone da. Sie bringt ein Element der Sicherheit ein, der Gesundheit.

Wie sehr betrifft Sie der Brexit?

Anderson: Ironischerweise hat meine Tochter einen deutschen Pass (ihr Vater ist Deutscher), sie lebt in England und geht dort zur Schule. Das wirft für sie viele Fragen auf, über sich selbst, über ihr Verhältnis zu ihren Freunden. Was bedeutet das alles? Wie sehr berührt der Brexit unser Leben? Im Moment lassen sich die Folgen noch nicht absehen, aber es ist schon beunruhigend.

Waren Sie vor den Dreharbeiten zu »Der Stern von Indien« mit der ­britisch-indischen Geschichte vertraut?

Anderson: Nicht sehr. Die meisten Fakten waren neu für mich. Ich hatte noch nicht einmal gewusst, dass Großbritannien 300 Jahre lang in Indien Kolonialmacht war. Mehrere hundert Millionen Menschen, geführt von einer fremden Macht, mit allen Auswirkungen, die das auf ihr Leben hatte! Es war faszinierend, sich in die Fakten dieser Grausamkeit einzuarbeiten. Es war aber auch traurig. Die Entscheidungen einiger weißer Männer hatten einen riesigen Einfluss auf Millionen von Menschen.

Wie haben Sie sich dem Charakter der Lady Mountbatten genähert?

Anderson: Sie ist eine sehr liebenswerte Frau. Ich war überrascht, wie sehr ich sie respektierte. Zuvor hatte ich gar nicht so viel über sie gewusst, habe dann eine Biografie gelesen. Ihr früheres Leben war vor allem das einer Gesellschaftslöwin, mit vielen Liebhabern und Abenteuern. Erst mit Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sie ihren Fokus komplett, und diese Veränderung diktierte von da an ihren Lebensstil. Es ist ideal, wenn man sich in einen Charakter, den man spielen soll, verliebt, das hilft sehr. Ich erinnere mich daran, wie ich »Der letzte König von Schottland« drehte; Forest Whitaker musste Idi Amin spielen, und er musste ihn mögen – bis zu dem Punkt, wo er glaubte, dass Idi Amins Beweggründe gerechtfertigt seien. Man muss sich in die Mentalität eines Menschen hineindenken, anders geht es nicht.

Was war dann die größte ­Herausforderung?

Anderson: Technisch gesehen, war es vor allem der Akzent. Ihre Art zu sprechen ist so piekfein. Den Mund in einer Art und Weise zu gebrauchen, die ich nicht gewohnt bin, war anstrengend, ich musste mich sehr konzentrieren.

Sie sagten, Lady Mountbatten sei eine ­liebenswerte Person. Was hat Sie am ­meisten an diesem Charakter interessiert?

Anderson: Sie hat nicht geschlafen. Sie war draußen auf den Straßen. Sie arbeitete von morgens bis weit nach Mitternacht. Sie hat sich selbst in unangenehme Situationen gebracht, um ihre Ziele zu erreichen. Dann die schwierigen Lebensumstände, von den Mitteln des Transports bis zum Klima. Nicht zu vergessen die verschiedenen Regionen mit ihren Prinzen, mit denen sie auch sprechen musste, die sie überzeugen musste, um wieder zu einem friedvollen Zusammenleben zu kommen. Lady Mountbatten nahm sehr viel auf sich, um durch den Subkontinent zu reisen, nach außen hin ohne Anstrengung – all das, um einen Frieden zu erreichen in einer Zeit, die unruhig und aufgewühlt war. Die Mountbattens hatten eine Mitschuld an den Verhältnissen, sie waren da, waren das Establishment, das die Probleme erst ausgelöst hatte.

Sie haben in den letzten Jahren viele Filme gedreht, auch Romane geschrieben…

Anderson: Ich mag es nicht, zu Hause herumzusitzen. Aber jetzt, wo ich darüber rede: Eigentlich möchte ich die Arbeit herunterfahren und mehr Raum für mich finden. Irgendwann komme ich dahin, aber es ist doch schwer loszulassen. Plötzlich entscheide ich mich, ein Buch zu schrei­ben, dann kommt ein Film, und schon sitze ich wieder im Flugzeug. Es ist eine ständige Herausforderung, aber auf der anderen Seite habe ich es mir auch so ausgesucht.

Sie haben bei einer »Akte X«-Episode Regie geführt. Würden Sie gerne auch einen Kinofilm inszenieren?

Anderson: Ich habe die Option auf ein Buch, das ich nun schon seit 15 Jahren adaptiere. Eigentlich ist der Schreibprozess abgeschlossen, doch zum jetzigen Zeitpunkt ist es mir unmöglich, eine lange Auszeit zu nehmen, um einen Film zu inszenieren. Darum habe ich das Projekt zur Seite gelegt. Doch ich werde es bestimmt wieder aufgreifen.

Worum geht es in dem Buch?

Anderson: Eigentlich möchte ich nicht so gerne darüber sprechen, wenn das in Ordnung ist. Es unterscheidet sich doch sehr vom Film, und fertig ist es auch noch nicht.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit Prioritäten? Ist Ihnen zum Beispiel das Schreiben wichtiger als das Schauspielern?

Anderson: Ich hoffe doch sehr, dass meine eigentliche Priorität meine Kinder sind. Im Moment kümmere ich mich um »Der Stern von Indien«, in einigen Wochen mache ich mich wieder an die Arbeit für das Buch. Es gibt bei diesen Dingen keine Hierarchie. Ich brauche bloß eine gewisse Zeit, um etwas fertig zu stellen.

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Gillian Anderson
Geb. am 9.8.1968 in Chicago
Ab 1992 spielte sie neun Jahre lang die Rolle der Special Agent Dana Scully in der Serie Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI.


Kino-/Serienrollen u.a. in:
1998 The Mighty – Gemeinsam sind sie stark
2000 Haus Bellomont
2006 Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht
2008 New York für Anfänger
2011 Große Erwartungen
2012 Winterdieb, Shadow Dancer
2013 Mr. Morgan’s Last Love
2015 The Fall – Tod in Belfast
2017 American Gods, Der Stern von Indien

(Fotos: ©Tobis)