Interview mit Ildikó Enyedi zu "Körper und Seele"

Jeder ist ein Universum

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat sich mit wenigen Filmen als eine der originellsten Filmemacherinnen Europas etabliert. Ihr Erstlingsfilm »Mein 20. Jahrhundert« gewann 1989 die »Caméra d’or« in Cannes. Im Frühjahr diesen Jahres gewann ihr fünfter Film »Körper und Seele« (Hier die FILMDIENST-Kritik) bei der »Berlinale« den »Goldenen Bären«. Mit surrealistischen Einschüben erzählt Ildikó Enyedi darin die Geschichte der ungewöhnlichen Begegnung zweier scheinbar gewöhnlicher Menschen: Endre und Mária arbeiten tagsüber in einem Schlachthof, träumen nachts aber voneinander – in Hirschgestalt.

Von Barbara Wurm, FILMDIENST 19/2017

Ihre Hirsche sind so großartig wie Ihre Akteure…

Ildikó Enyedi: Sie sind sogar perfekte Schauspieler. Ich fand einen tollen Tiertrainer, der lebt in Berlin. Eine ganze Philosophie steht dahinter. Er hat Wölfe, Hirsche, Bären, mit denen er fürs Kino arbeitet.

Mária und Endre sind ganz besondere ­Charaktere…

Enyedi: Sie kommen uns vielleicht sehr eigenwillig vor, aber sie sind eigentlich nicht besonders. Es gibt sie. Ich war eine solche Mária, bevor ich Kinder hatte. Natürlich nicht so extrem. Aber ich war sehr unbeholfen in sozialen Situationen.

Eine kontaktscheue Filmemacherin?

Enyedi: Wenn es ein konkretes Ziel gab, lief es sehr gut. Aber beim Smalltalk war ich eine Null. Gleichzeitig wünschte ich mir wirklich eine Beziehung. Wer so verschlossen ist, bleibt oft allein, aber das bedeutet nicht, dass man nicht irgendwo andocken will. Ich hatte einen Riesenwunsch nach einer Beziehung, wusste nur nicht, wie das geht. Filmemachen ist ein Idealfall des Zusammenseins. Man hat ein Ziel, muss wie verrückt daran arbeiten, die Kommunikation intensiviert sich. Jedes Wort, jede Geste, freundlich oder nicht, ist wichtig. Am Filmset konnte ich kommunizieren. Aber wenn es eine Party gab, fand ich immer eine gute Ausrede, um nicht hingehen zu müssen. Mária ist vielleicht extrem, aber ich glaube, viele Menschen haben dieses Problem.

Und Endre? Ist der auch ein Außenseiter?

Enyedi: Das ist ein Mann, der schon ein Leben hinter sich hat, ein großes. Und dann: der Schlaganfall. Ich habe das oft beobachtet, wenn einem großen Menschen so etwas widerfährt. Wenn dieser Löwe zum ersten Mal von der jungen Frau »gebissen« wird, ist das zum Weinen. Man sieht seine Würde, seine Klasse… und die Verwundbarkeit. Das ist berührend, spannend – und wichtig. Es erweitert den Horizont, Menschen mit einem so reichen Lebensschatz zu zeigen, die gleichzeitig verwundbar sind.

Dass Endre einen Schlaganfall hatte, lassen Sie die Zuschauer lediglich erahnen. Ebenso wie die Hintergrundgeschichten vieler Nebenfiguren.

Enyedi: Es gibt eine Drehbuch-Schule, die will, dass man beim Schreiben mit der Kindheit beginnt. Ich bin kein Fan davon. Für Endres Figur habe ich mir aber teilweise Notizen gemacht. Er hatte Familie, ist geschieden, es gibt eine erwachsene Tochter; er lebt allein, in dieser Wohnung mit den vielen abgelagerten Lebensschichten. Zu viel Information mag ich nicht. Man muss eine Figur spüren können.

Nach einem Zwischenfall im Schlachthof besticht Endre einen Polizisten mit einer Extraportion Fleisch. Ist das ein Hinweis auf Korruption?

Enyedi: Das ist die ungarische Wirklichkeit. Wenn man als Polizist zufällig in ein Schlachthaus kommt und zwei Stunden Zeit hat, ist klar: Es gibt Steaks.

Endre, der Intellektuelle, wirkt aber dennoch souverän, auch wenn der ungebildetere Polizist mehr Macht hat…

Enyedi: Es ist – nicht ganz zufällig – nur ein kleiner Fall. Etwas Peinliches ist passiert, aber keine Tragödie. Geben wir ihm also Fleisch, und gut ist es. Die Nebenrollen sind wichtig; ich wollte mehr erzählen als die Liebesstory. In der Schlachthaus-Kantine gibt es an jedem Tisch interessante ­Konstellationen. Doch die Leinwand-Zeit ist wertvoll, und der Fokus liegt auf Endre und Mária. Also muss man verdichten. Während sonst pro Figur oft nur eine Farbe ins Spiel kommt, machen meine Nebenfiguren alle eine kleine Reise. Jede bringt ein kleines Universum in den Film. Ich habe lange daran gearbeitet, dass das klappt, in nur wenigen Sekunden.

Zentrale Nebenfigur ist der junge Arbeiter Sándor, Endres »Konkurrent«.

Enyedi: Ich wollte zunächst, dass ihn jeder so verachtet wie Endre. Wollte ihn dumm, als Macho, negativ zeichnen. Gleichzeitig wollte ich dieses Schamgefühl aufrechterhalten, das einen überkommt: »Mein Gott, ist doch auch nur ein großes Kind, das geliebt und akzeptiert werden will.« Der Zuschauer sollte genau so fühlen. Schon in der nächsten Szene ist Sándor ein anderer. Wir sind zu vorschnell mit unseren Urteilen.

Ist Ihr Anliegen auch, uns – vielleicht auch die Ungarn – zu ändern?

Enyedi: Ich bin vorsichtig, nur wenig Menschen gehen noch ins Kino. Aber: ja! Ich habe diesen Wunsch. Ich habe für HBO Europe eine Psychologen-Serie gedreht, »In Treatment«. Es geht da weniger um mentale Krankheiten, sondern um schwierige Lebensphasen, Trauer, versteckte Konflikte. Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Ungarn ist es eine Schande, einen Psychologen aufzusuchen; das bedeutet, dass man gaga ist. Männer gehen noch seltener, das ist »unmännlich«. Klar, es ist nicht billig, aber die Menschen sprechen einfach nicht über ihre Probleme. Keiner merkt heute noch, dass miteinander sprechen der einfachste Weg ist. Diese Serie hat in Ungarn definitiv etwas bewegt, eine kritische Masse erreicht und die Gesellschaft in Kleinstädten und Dörfern, die sehr konservativ ist und nur das Fernsehen kennt, ein Stück vorwärts gebracht.

Ich sehe Ihren Film als Alternativvorschlag zu dem, was wir Zivilisation nennen. Eine Mission, in Gespräch und Berührung einen neuen Umgang der Menschen miteinander zu zeichnen, auch in Bezug auf Tiere, die hier auf keinem Teller liegen…

Enyedi: Ich glaube, wir befinden uns an einer kulturellen Kreuzung. Ja, wir müssen viel befürchten. Aber es gibt auch positive Perspektiven. Nehmen wir die Sonnen- und Windenergie. Trotz Trump: Es gibt da eine Industrie, eine Bewegung, eine Chance. Dasselbe beim Konsum: Warum sollte man wie verrückt arbeiten, nur um mehr zu konsumieren, dafür aber kein wirkliches Leben mehr zu haben, ohne Freunde. Vielleicht geht alles gerade in die falsche Richtung, aber ich glaube an den Tropfen auf der anderen Waagschale. Es ist doch total absurd, die Luft genau da zu vergiften, wo man schläft. Mein Film wird das nicht ändern. Aber wir als Einzelne können etwas tun und tun es auch. Vor 50 Jahren durfte ein Lehrer ein Kind schlagen. Es war gesellschaftlich sogar gewollt. Heute ist das unmöglich.

Ob er Mitleid mit den Tieren hätte, fragt Endre seinen Mitarbeiter. Als dieser verneint, meint er: »Dann solltest du nicht im Schlachthaus arbeiten.« Warum dieser Ort?

Enyedi: Wir hätten auch in China, in einer iPhone-Fabrik, drehen können, dann wäre es um Menschen, nicht um Tiere gegangen. Ich habe mein Team vor der Scheinheiligkeit gewarnt. Ein Schlachthaus ist Teil der Realität. Die Menschen, die dort arbeiten, machen das auf eine wunderbar sanfte Weise. Es geht nicht ums Töten, das ist eine Sache von einer Sekunde. Es geht um die Zeit vor dem Sterben. Diese Augen… Ich esse Fleisch, aber wenig. Als wir drehten, aß ich jeden Tag Fleisch. Wir aßen das Fleisch aus dem Schlachthaus, in dem wir drehten. Wir aßen die Tiere, die wir zuvor getroffen hatten. Ich wollte, dass wir verstehen: Fleisch zu essen, ist kein Problem, aber man soll wissen, wie es auf den Teller kommt. An unseren Augen sieht man, dass wir Raubtiere sind. Wir sind keine Hirsche, die die Umwelt scannen, unsere Augen sind vorne, es geht ums Jagen. Aber: Schau dieser Tatsache ins Gesicht! Und wenn es okay für dich ist, iss es! Aber nur dann!

»Körper und Seele«, das ist ein schön runder Titel.

Enyedi: Körper und Seele. Das eine bewegt das andere. Oder blockiert es. In beide ­Richtungen. Es ist nicht so, dass die Seele immer Recht hätte. Manchmal sagt einem der Körper auch, was die Seele zu tun hat.