Kinowunder im Web-Zeitalter

Gedanken über den Standort des Kinos im Zeitalter der reduzierten Aufmerksamkeit

Aktuell ist der Medienmarkt weltweit von massiven Umbrüchen betroffen. Die Veränderungen treffen dabei mehr oder weniger jeden, der kreativ auf dem Mediensektor tätig ist, nicht zuletzt aber auch die Kinos und die Kinobesucher. Nachfolgend einige Reflexionen über den »Stand der Dinge« aus amerikanischer Perspektive – getragen vom Bemühen, angesichts der Veränderungen und Konsequenzen nicht allzu pessimistisch zu werden.

Von Franz Everschor, FILMDIENST 25/2017

Kaum ein Wort taucht in den Titelregistern der Filme dieses Jahres so oft auf wie das Wort »Wunder«. Von »Wonder Woman« über »Wonderstruck« bis »Wonder Wheel« beschwören vor allem amerikanische Filmemacher das Wunder des Kinos und der Geschichten, die sich darin erzählen lassen. Sie machen das vielversprechende Wort zum Bestandteil ihrer Titel, als wollten sie damit bekräftigen, dass sich an der Faszinationskraft der »laufenden Bilder« nichts geändert hat.

Das alles mag Zufall sein. Aber in dem durch neue Verbreitungsmethoden nachhaltig gestörten und verunsicherten Umfeld, in dem viele Kinos ums Überleben kämpfen, nimmt die Wortwahl leicht noch eine andere Bedeutung an. Die Hartnäckig­keit, mit der das Wort »Wunder« auch durch die Filmseiten in Presse und Internet geistert, kommt fast schon einem Hilferuf gleich. Treue Filmfans wollen nicht daran glauben, dass David Lynch Recht hat, wenn er sagt, Fernsehen sei das beste Arthouse-Kino. Manche lehnen sich denn auch gegen alle Gerüchte vom bevorstehenden Ende der Filmtheater auf, indem sie demonstrativ jede Initiative unterstützen, die zur Erhaltung der ihnen lieb gewordenen Kinokultur beitragen könnte.

Die Leidenschaft fürs Kino lebt

Es hat Spendenaktionen gegeben, um in kleinen amerikanischen Städten den Exitus der Kinos zu verhindern. Es gibt in den USA ein selbstbewusstes Stamm­publikum, das anspruchsvolle Filmzeitschriften wie »Film Comment« oder wenigstens die Website »rogerebert.com« liest und jede Woche oder jeden Monat in eines der überlebenden Arthouse-Kinos geht – nicht zuletzt deshalb, weil es sich darauf verlassen kann, dort Filme anzutreffen, die in den uniformen Multiplexen nicht auftauchen. Sogar unter jungen Menschen, die mit den Errungenschaften der digitalen Medien aufgewachsen sind, lässt sich nach wie vor eine in der Diskussion oft übersehene oder unterschlagene Leidenschaft für das Kino finden. Sie hat durchaus mit der Vorliebe für opulente Franchise-Filme zu tun, die heutzutage das meiste zum Umsatz der Hollywood-Studios beitragen. Filme wie »Guardians of the Galaxy 2« und »Wonder Woman« bedürfen der im Vergleich zum Heimkino über­dimensionalen Ausstattung der Kinos in Projektion und Ton, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Nie ist das klarer geworden als bei der Ende September in den USA gestarteten Fernsehserie »Marvel’s Inhumans« im Vergleich zu den im Kino laufenden Marvel-Filmen. Obwohl sorgsam bestrebt, vertraute Figuren und Elemente des Marvel Cinematic Universe auf den Bildschirm hinüberzuretten, bleibt die Story von zwei rivalisierenden Brüdern auf einer Mond­kolonie der Inhumans schwach auf der Brust und lassen sich die – zum Teil sogar mit IMAX-Kameras gedrehten – Actionszenen und Special Effects allenfalls als halbherzige Reduktionen des von der Leinwand Gewohnten goutieren.

Man kann (und will) nicht mehr wegdiskutieren, dass die immer stärkere Verbreitung von On Demand und Video Streaming den Zugang zu alten und neuen Filmen in einem Maß erleichtert, wie es zu keiner anderen Zeit der Filmgeschichte der Fall war. Es bleibt aber – zumindest vorläufig – eine Tatsache, dass sich in den USA mehr als die Hälfte aller Geringverdienenden den Zugriff auf diese neuen Verbreitungsformen nicht leisten kann. Filmtheater waren immer eine massenfreundliche, weil billige Unterhaltungsstätte, ganz zu schweigen von dem Gemeinschaftserlebnis, das sie fundamental von den die Isolation fördernden Digitalangeboten unterscheidet. Kommunikations- und Sozial­wissenschaftler bezweifeln deshalb in wachsender Zahl, dass die Umorien­tierung vieler Konsumenten vom Kino über das Fernsehen zu Tablets und Smartphones gesellschaftlich wünschenswert (wenn auch wohl nicht aufzuhalten) ist.

Opfer der »Short Attention Span«

Filmkritiker haben überall in den USA die Diskussion über die Auswirkungen des Video Streamings aufgegriffen. Dabei wird deutlich, dass der einstige Erzfeind Fernsehen überhaupt nicht mehr im Mittelpunkt der Debatte über die Zukunft des Kinos steht. Kabelfernsehsender wie HBO, FX und AMC haben längst bewiesen, dass eine unter anderen wirtschaftlichen und künstlerischen Regeln funktionierende Produktion von eigenständigen TV-Programmen möglich ist, die vom Publikum als Alternative zum Kinofilm wahrgenommen und genutzt werden. Die Diskussion entzündet sich neuerdings mehr an dem Trend zu immer kleineren und immer kürzeren Formaten, die im Zeitalter der »Short Attention Span«, der immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne, nicht nur traditionelle Erzählformen zerstören, sondern auch vor neue pädagogische und soziale Probleme stellen.

Der in den letzten Jahrzehnten auf den Sektoren des Spiel- und Animationsfilms ungemein innovative und einflussreiche Produzent Jeffrey Katzenberg, der einst mit Steven Spielberg zusammen das Produktionsstudio DreamWorks gegründet hat, peilt mit einem neuen Unternehmen gerade die Zerschlagung bisheriger filmischer Gestaltungs- und Verbreitungsmethoden an. Auf einer Zusammenkunft der führenden Industriekapitäne des Silicon Valley stellte Katzenberg im Juli seine jüngste Firma vor, die er WndrCo (»Wonder Company«, fast ohne Vokale) nennt. Auch hier wieder das Wort »Wunder«, wieder die Hoffnung auf ein »nomen est omen«. Katzenbergs Firma soll es um nichts Geringeres gehen als um die Kreation einer neuen Form von Unterhaltung für die allseits so begehrte Altersschicht der 18- bis 34-Jährigen: »Kurzform-Video«, wie er es nennt, Dramen wie »Empire« und »Scandal« in Zehn-Minuten-Episoden, gerade so lange dauernd wie die getestete Aufmerksamkeitsspanne der meisten jungen Menschen.

Allein im ersten Quartal dieses Jahres sahen in den USA 168 Mio. Menschen kurze Videos auf ihren Smartphones an. Gleichzeitig breitet sich auf dem Buchmarkt ein Trend zu kürzeren Romankapiteln aus, unter anderem bei den Bestsellerautoren Dan Brown und James Patterson. Katzenberg sieht einen Großteil des Fernsehens in Zukunft als Kurzform-Video: spannende Geschichten in kleinen Kapiteln. Alles sehr weit hergeholt? Die Fantasie eines Spinners? Durchaus nicht. Katzenberg ist nur dabei, die Realität zu beschleunigen. Schon vor einem halben Jahr kam AT&T mit der Vorstellung heraus, die HBO-Serie »Game of Thrones« in 20-Minuten-Versionen zu vermarkten. Das französische Digitalstudio Blackpills hat grünes Licht für 50 kurzformatige Serien gegeben. Und Vivendis Studio+, das schon 20 derartige Serien hergestellt hat, will das »stark süchtig machende Format« (Werbung) nach einem Start in Brasilien in den nächsten Monaten weltweit verfügbar machen.

Bedrohte Exklusivität des Kinos

Bis zur Verwirklichung von Katzenbergs Plänen wird es noch eine Weile dauern. Inzwischen aber stehen immer mehr hochbetuchte Firmen von Amazon und Apple bis zu Google und Facebook bereit, in großem Stil in das Streaming-Geschäft einzusteigen. Auch die Diskussion um eine Verkürzung der exklusiven Auswertungsrechte der Filmtheater wurde wieder mächtig angefacht. Nach bisheriger Praxis dürfen in den USA alle neuen Filme erst 90 Tage nach ihrer Kino-Premiere auf DVD oder im Video Streaming angeboten werden. Alle Verhandlungen der Studios mit den großen amerikanischen Kinoketten über eine Verkürzung dieser Exklusivität auf 45 Tage sind bisher gescheitert.

Nun aber kommen Leute wie Michael Burns von dem Verleiher Lionsgate sogar mit der Forderung heraus, die Sperrzeit dürfe nicht länger als 17 Tage dauern. Niemand zweifelt mehr daran, dass sich etwas ändern wird. Die Frage ist nur, wie und wann. Es liegt auf der Hand, dass eine neue Absprache – sollte sie denn ratifiziert werden – die Besucherzahlen der Kinos verringern würde. Deshalb werden die Theaterketten sicher auf einer wie auch immer gearteten Beteiligung an den Einnahmen aus dem On-Demand- und Streaming-Geschäft bestehen, aber die Attraktivität des Kinobesuchs dürfte gerade bei jenen Filmen, die nicht den Sog der Franchise-Filme auslösen, unvermeidbar leiden. Auch eingefleischte Kinogänger könnten sich versucht sehen, die wenigen Tage abzuwarten und sich die Filme dann zu Hause anzusehen. Wenig hilfreich ist bei der ganzen Diskussion, dass die namhaftesten unter den amerikanischen Filmregisseuren verschiedener Meinung sind: Christopher Nolan und James Cameron sind gegen eine Verkürzung der Kino-Exklusivität, Steven Spielberg und Martin Scorsese sind dafür.

Verschwindende Rituale

Nicht einmal auf Amerikas allseits verehrte »Kulturapostel« kann man sich bei der Auseinandersetzung zurückziehen. Susan Sontags oft zitierter Ausspruch, nicht noch so vieles Wehklagen könne die verschwundenen Rituale des dunklen Kinoraums wieder zum Leben erwecken, ist immerhin schon 20 Jahre alt. Und Roger Eberts Eloge auf die DVD als ein Medium »von unkalkulierbarem Wert für alle, die den Film lieben«, liegt auch schon lange zurück. Heute ist das Streaming dabei, nicht nur die alten Kino-Rituale aus dem Weg zu räumen, sondern auch die DVD schon wieder vom Markt zu verdrängen.

Aufschlussreich war im amerikanischen Blätterwald ein Streitgespräch zwischen A.O. Scott und Manohla Dargis, den beiden Chefkritikern der »New York Times«. Hauptargument für die Bewahrung des Kinoerlebnisses ist auch bei ihnen das Kino als Ort des Zusammenseins mit anderen Menschen: »Was Filme zu einer Massenkunst macht, ist vor allem, dass sie massenhaft für ein Massenpublikum gemacht werden, was auch noch wahr ist für Werke, die weitgehend auf Festivals oder in Arthouse-Kinos gezeigt werden. Was passiert mit dieser Kunst, wenn wir anfangen, die Menschen aus der Gleichung zu entfernen? Was passiert dann mit ihrem demokratischen Versprechen, das bestenfalls eine Fantasie, schlimmstenfalls eine Lüge sein mag, aber dennoch bestehen bleibt?«

An ein Wunder muss man glauben, um die vielen Fragen aufatmend beantworten zu können. So manche Filmfans tun es, indem sie zu »Wonder Woman« ins Multiplex drängen und gleichzeitig die Pfründe der Streaming-Angebote nach Klassikern und Independents durchsuchen. Sie finden Befriedigung in dem sich täglich vermehrenden Angebot und hoffen insgeheim darauf, dass ihnen die dauernde Qual der Wahl eines Tages durch ein futuristisches Medium erleichtert wird, das sich vielleicht sogar einmal aus der »Virtual Reality« entwickeln könnte.

Vorerst bleiben die Fragen. Werden die Studios mit ihrer Überhand nehmenden Konzentration auf Franchise-Produkte die Kinos in Abspielstätten ausschließlich massenfreundlicher Durchschnittsware verwandeln, wo Anspruch und Vielfalt keinen Platz mehr haben? Werden die Independents, die sich mit ein paar wenigen Großstadtkinos zufriedengeben müssen, einmal ganz auf den Bildschirm verdrängt? Werden die »Oscars« als weithin wahrgenommenes Aushängeschild der Kinokultur den Mut aufbringen, wirklich für die Fortexistenz der Filmtheater zu kämpfen, oder werden sie sich von Netflix und Co. einvernehmen lassen? Vor allem aber: Wird das Publikum auch zukünftig den Traum von den »schönen Kinostunden« weiterträumen oder der banalen Vision eines Steven-Spielberg-Films im 20-Minuten-Takt verfallen?