Der zähe Vulkan

Spielwütig (XXXII): Unerwartete Verwandlungen: Die Schauspielerin Luise Heyer

Bevor sie ihr Ticket in die Kinowelt löste, verbrachte Luise Heyer nach einem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock mehrere Lehrjahre am Schauspiel Dortmund. 2011 feierte die heute 32-Jährige dann ihr Spielfilmdebüt in Robert Thalheims Ost-West-Drama „Westwind“. Bereits mit dieser Rolle einer DDR-Ruderin, die sich in einem ungarischen Trainingscamp kurz vor dem Mauerfall mit der Möglichkeit einer Flucht in den Westen konfrontiert sieht und schließlich doch lieber ihrer Zwillingsschwester den Vortritt lässt, bewies sie eine umwerfend leidensfähige Präsenz. Ein einmaliger Höhepunkt war dieser Auftritt keineswegs. Luise Heyer hielt fortan die Spannung und kürte jeden ihrer Filme zu einem Erlebnis.

Von Alexandra Wach, FILMDIENST 14/2017

Wie würde wohl diese immer noch mädchenhafte Erscheinung eine Soziopathin spielen? Ohne Scham und Gewissenbisse, abgeschnitten von allen Gefühlen, die bei der zierlichen Berlinerin, aufgewachsen auf dem Prenzlauer Berg, zumindest auf der Leinwand in Übermaß vorhanden zu sein scheinen? Eine glatte Fehlbesetzung wäre Luise Heyer in diesem Fach, denkt man sogleich, denn selbst ihre emotionslosesten Blicke sind so durchdringend, dass keiner ihrer Empfänger diesen nur scheinbar erloschenen Vulkan zum Feind haben möchte. Obwohl, in Edward Bergers „Jack“ (2014) durfte Luise Heyer in der Sorglosigkeit einer jungen Alleinerziehenden doch auch etwas unheimlich selbstzentriert wirken. Wie sie das allabendliche Feiern ihren Söhnen vorzog, immer weniger Interesse für die minderjährigen Knirpse aufzubringen vermochte, die nachts auf der Suche nach ihr durch die Berliner Straßen und U-Bahnen irrten, stets den nächsten enttäuschenden Liebhaber im Rückspiegel eines haltlosen, viel zu früh verbauten Lebens. Ihre Überforderung war in den wenigen Mutter-Sohn-Szenen hautnah spürbar, und auch die Müdigkeit, die ein nicht abreißender innerer Schwebezustand mit sich bringt.

In Rosa von Praunheims Liebesdrama „Härte“ ging es für Luise Heyer ein Jahr später – sieht man von ihrer Gastrolle in der US-Serie „Homeland“ ab – noch einige weitere Stufen bergab: Sie spielte ein Missbrauchsopfer, das auf sein Trauma mit grenzenloser Unterwürfigkeit reagiert. An der Seite eines Zuhälters mit vergangener Karriere als Karate-Kämpfer geriet die ziellose Buchhalterin in einen Strudel aus Gewalt und Masochismus. Luise Heyers emotionales Karussell reichte von naiver Anhänglichkeit bis zur grenzenlosen Duldsamkeit, die selbst vor der eigenen Prostitution nicht zurückschreckte. Der Abstieg war schwer zu ertragen, und doch kam Heyer aus diesem Duell zwar reichlich ramponiert, aber auch immerhin als zähe Liebessiegerin heraus. Ähnlich wie in Jonas Rothlaenders Eifersuchtsdrama „Fado“ (2016), in dem Luise Heyer nicht nur Mut zu expliziten Sexszenen bewies, sondern auch nach langem mitfühlendem Entgegenkommen zum unbedingten Selbstschutz.

Nach diesem weiteren Beziehungsparforceritt hätte man sich eigentlich Sorgen um Luise Heyers drohende „Schubladisierung“ machen müssen, zumal sie in Jens Wischnewskis Kinodebüt „Die Reste meines Lebens“ schon wieder in der Rolle einer heiter-wolkigen Geliebten besetzt ist, die der Sinnkrise der männlichen Hauptfigur auf die Sprünge helfen muss. Da freute man sich bereits über den Ausrutscher „Die Glasbläserin“, eine historische (Fernseh-)Literaturverfilmung, in der Luise Heyer mal fern der männlichen Musen-Fantasien zur gegen Widerstände kämpfenden, früh­emanzipatorischen Geschäftsfrau heranwachsenden durfte. Auch „Einmal bitte alles“ von Helena Hufnagel beweist zum Glück, dass der Alarm verfrüht ist. Auf dem Festival „Max-Ophüls-Preis“ 2017 gewann sie mit der Rolle der 27-jährigen Isi zu Recht den Preis als beste Schauspielerin.

Zur Abwechslung steckt diesmal ihre eigene Figur kurz nach dem Uni-Abschluss in einer Quarter-Life-Crisis. Das wilde unverbindliche Dasein ist vorbei, das Umfeld gerät zunehmend vernünftig und die unbezahlten Praktika lassen das Gemüt verdüstern. Luise Heyer reagiert auf das Chaos ihrer Zwischen-Existenz temperamentvoll, wenn nicht panisch. Und wird irgendwann doch noch erwachsen. Man wünscht es ihr. Denn wenn sie so weitermacht und sich in jeder ihrer Rollen ohne wenn und aber aufzulösen scheint, muss man ihr einfach verfallen. Und auf die nächste unerwartete Verwandlung hoffen.