Das Minimale

Was war Ihre erste Reaktion auf das Drehbuch von Lars Henning?

Kurth: Da gibt es eine Vorgeschichte. Vor genau zehn Jahren haben wir den Kurzfilm „Security“ gedreht, dort ist eine Figur entstanden. Lars hat quasi zehn Jahre weiter an dieser Figur gearbeitet und ihr ein Leben gegeben. Ich habe das Drehbuch gelesen, und es war wie einen alten Freund wieder zu treffen.

Der Mann, der nur Becker heißt, ist ein bisschen wie „Herbert“, einer, der auf verlorenem Posten kämpft. Was reizt Sie an Figuren, die trotz aller Bemühungen nicht aus dem Verlierermodus kommen?

Kurth: Das ist ein großes Thema. Was heißt Schuld auf sich laden, Schuld abbitten? Ist das überhaupt möglich? Diesen Bereich von verschiedenen Seiten zu beleuchten, finde ich sehr interessant. Und solche Figuren mit ihren Brüchen reizen mich immer wieder.

Diese Charaktere verfügen über eine sehr eingeschränkte Mimik, eine Reduktion der Sprache. Es ist erschreckend, wenn Becker sagt, er habe Frau und Kind vor 18 Jahren „weggemacht“.

Kurth: Der Regisseur und ich haben die reduzierte Spielweise der Figur gemeinsam entwickelt. Becker gehörte vorher zu der hierarchisierten Gruppe der Rocker, und im Knast herrschten ebenfalls strenge Regeln, ein ähnliches Gefüge. Erstmals befindet er sich außerhalb dieses Regelwerks und erhält eine Chance, um die er mit seinen Mitteln kämpft. Aber er kann nicht aus seiner Haut heraus.

Wie geht man an so eine zurückgenommene Figur heran?

Kurth: Es interessiert mich, mit so wenig Mitteln wie möglich Geschichten zu erzählen. Das versuche ich auch im Theater. Natürlich gibt es da auch sehr wortgewaltige Rollen, aber Rollen, die mir Beschränkungen auferlegen oder die ich beschränke, um die Figur zurückzunehmen, halte ich oft für vielschichtiger. Gerade die Schwierigkeit, der Umgang mit Verengung und Beengung reizt mich.

Sie lieben Schwierigkeiten?

Kurth: Sagen wir besser Herausforderungen. Mich sprechen Figuren an, die sehr nahe am Scheitern sind. Ich arbeite selbst oft gerne hart am Scheitern.

Becker erinnert mich an Brechts „Dreigroschenoper“, in der es heißt: „… die im Dunkeln sieht man nicht.“

Kurth: Der Prozentsatz der Menschen, die ausgegrenzt werden, die es nicht schaffen in unserer Leistungsgesellschaft, ist viel höher, als wir uns das in unserem gutbürgerlichen Leben vorstellen. Und es werden immer mehr, der Riss zwischen Arm und Reich vergrößert sich.

Haben Sie inzwischen mehr Lust auf Film?

Kurth: Ich mache beides sehr gerne, weil es unterschiedliche Orte mit jeweils eigenen Reizen sind. Das eine befruchtet das andere. Im Theater habe ich das Publikum vor mir und erhalte direkt eine Reaktion. Geschichten zu erzählen, ist hier ein wesentlich dichterer Vorgang. Beim Film locken mich immer wieder die guten Themen, dieses sich immer wieder neu Aussetzen und neu Orientieren hält mich wach und frisch.

Sind Sie ein Schauspieler, der leicht zu handhaben ist, oder einer, an dem man sich reibt?

Kurth: Wenn es um die Arbeit geht, kann ich mich gut streiten und versuche, meine persönlichen Befindlichkeiten außen vor zu lassen.

Das Gespräch führte Margret Köhler, FILMDIENST 6/2017. Ihre Würdigung von Peter Kurth findet sich im selben Heft sowie für Abonnenten auch im CinOmat.