Die Kraft des Kuriosen

Der Schweizer Filmemacher Peter Luisi und seine höchst unterhaltsamen Filme

Peter Luisi ist einer der kreativsten Filmemacher der Schweiz. Seine Filme kitzeln die Lachnerven, seine Figuren führen kuriose Kämpfe mit der Liebe. In seinem neuen Film »Flitzer – Manchmal muss man mutig sein!« (hier zur FILMDIENST-Kritik) ringt erneut ein Held neben der Spur des Normalen mit den Tücken des Lebens.

Von Irene Genhart, FILMDIENST 23/2017

Im 2011 entstandenen Film »Ein Sommersandtraum« ließ Luisi seinen Protagonisten im wörtlichen Sinn ver-sanden, präziser: »aus-sanden« oder auch »verrieseln«. In seinem ersten langen Film, »Verflixt verliebt« (2004), hatte Luisi einen argentinischen Biologie-Studenten in die Rolle eines berühmten Filmregisseurs gestupst, damit dieser an die Frau seines Herzens herankommt. Zehn Jahre später, in »Schweizer Helden« (2014), setzten sich Asylbewerber ebenso wie eine von ihrer Familie verlassene Schweizer Ehefrau und Mutter mit dem helvetischen Gründungsmythos auseinander. Und nun, in »Flitzer«, stürmt der Komiker Beat Schlatter als bieder-braver Schulmeister während eines Fußballspiels im Adamskostüm aufs Feld.

Erfrischend freche, ­kuriose Geschichten

All dies sind durch die Bank erfrischend freche und kuriose Geschichten, die sich in ihrer Eigenwilligkeit nachhaltig in die Erinnerung einschreiben. Und die Luisi, der wie kaum ein anderer in der Schweiz auf die Kraft des Komischen setzt und seine Karriere lange fernab der von den Fördergremien geprägten Wegen vorantrieb, zu einem der eigenwilligsten und auch faszinierendsten Filmemacher seiner Heimat machen. Wobei Luisi kein ganz »waschechter« Schweizer ist: Sein Vater ist gebürtiger Italiener, seine Mutter stammt aus den USA, die beiden lernten sich romantisch auf einer Reise kennen.

Geboren wurde er am 6.11.1975 als ­jüngerer von zwei Söhnen in Zürich. Sein zwei Jahre älterer Bruder David steht ihm nahe und arbeitet bei all seinen Filmen mit; gemeinsam gründeten sie 2000 die Firma Spotlight Media Productions. Aufgewachsen ist Peter Luisi in Zürich, wo er die Rudolf-Steiner-Schule besuchte. Die höhere Ausbildung holte er sich in den USA, wo er an der University of North Carolina in Wilmington (1994-96) sowie an der University of California, Santa Cruz (1996-98) studierte. Danach kehrte er »etwas heimwehkrank« mit einem Diplom in Filmproduktion in der Tasche in die Schweiz zurück.

Aus seiner Zeit in Santa Cruz stammt die Figur des »Sandmanns«. Sie entstand aus der Beobachtung eines Mannes, dem, im Sonnenuntergang vom Strand kommend, einige Sandkörner vom Körper fallen. Das Bestechende an diesem Bild und der daraus hervorgehenden Figur war für Luisi nicht nur die Symbolik, sondern auch die Einfachheit einer möglichen Umsetzung: Ein wenig Sand in Jackenärmel und Hosenbeine, schon rieselt es. Luisi ließ diesen Mann vom Strand bereits 1997 in einer Stummfilmübung an der Universität auftauchen, 2011 machte er ihn dann zum Protagonisten von »Ein Sommer­sandtraum«, einer kafkaesken Parabel um einen nicht sonderlich netten Zeitgenossen und sein angespanntes Verhältnis zu seiner lebensfröhlichen Nachbarin. Der Film spielt in Zürichs Altstadt. Der Mann arbeitet in einer Briefmarkenhandlung, die Frau betreibt im Haus, in dem sie beide wohnen, ein Café. Nachts feilt sie an ihrer Karriere als Sängerin, was den Mann am Schlafen hindert. Zumindest in ihren Träumen kommen sich Benno (Fabian Krüger) und Sandra (Irene Brügger) näher. »Ein Sommersandtraum« ist Luisis bisher erfolgreichster Film, neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er den Publikumspreis beim Festival »Max Ophüls Preis«.

Ein pragmatischer ­Romantiker

Wie bei all seinen Filmen, bis zu »Flitzer« allesamt Low-Budget-Produktionen, schrieb Luisi auch für »Ein Sommersandtraum« das Drehbuch, zudem war er an der Produktion beteiligt. »Flitzer« nun ist mit Produktionskosten von 2,8 Mio. CHF teurer als alle fünf zuvor von Luisi realisierten Filme zusammen. Von seiner Mentalität ist Luisi ein Macher. Dass er seine eigenen Drehbücher schrei­ben, seine Stoffe selbst bearbeiten kann, bezeichnet er als Glück; schlimmer als einen mit wenig Geld realisierten Film empfindet er ein nicht realisiertes Drehbuch.

Dass er in den ersten Jahren kein Glück mit der Schweizer Filmförderung hatte und dennoch »low-budget« zu arbeiten begann, ist seiner Ausbildung in den USA zu verdanken, wo man eine Förderung durch die öffentliche Hand gar nicht kennt. So realisierte Luisi von 2004 bis 2012 mit minimalsten Budgets, gleichwohl mit viel Elan und Experimentierfreude fünf lange Filme, neben den bereits erwähnten »Love Made Easy« (2006), eine in Los Angeles realisierte »crazy Story« über fünf nicht eben vom Glück geküsste Kerle, eine Stripperin und einen Schweizer Undercover-Agenten, und das köstlich gefühlswirrige Teenager-Drama »Boys are us« (2012), in dem sich zwei Schwestern nach unschönen Liebeser­fahrungen am »starken Geschlecht« zu rächen versuchen.

Wie in anderen Geschichten Luisis funktioniert die Liebe auch hier als rettendes Regulativ, und wenn man von diesen Geschichten ausgeht, muss man Luisi für einen unverbesserlichen Romantiker halten. Doch sein Zugang zu seinem eigenen – auch künstlerischen – Schaffen ist pragmatisch: Er lebt bescheiden, wohnte bis vor kurzem in einer kleinen Einzimmerwohnung und haust nun ein wenig luxuriöser in einem 1,5-Zimmer-Appartement in Zürichs Altstadt. Um sich dieses Leben zu finanzieren, arbeitet er zwischen seinen Filmen als Produzent – aktuell für die »Deville Late Night«-Show des Schweizer Fernsehens – und schreibt an Drehbüchern anderer mit, etwa an Fredi M. Murers »Vitus« und Lorenz Keisers »Länger Leben«.

Peter Luisi gibt wenig auf die Inspiration, die einem in günstigen Momenten zufliegt. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass man der Kreativität die Tür öffnet, indem man sich regelmäßig hinsetzt und schreibt. Vor einigen Jahren sagte er einmal, wenn er vor der Alternative »Film oder Familie« stünde, würde er den Film wählen. Das würde er zwar heute so nicht mehr sagen, doch Verständnis für seine Film-Leidenschaft müssen seine Nächsten doch haben. Denn das Wichtigste für Luisi, der bereits als Jugendlicher einen ersten Roman schrieb, ist es, seine eigenen Geschichten zu erzählen, und für die erscheint ihm der Film, der Bild, Dialog, Musik und Ton kongenial vereinigt, als ideales Medium. Die Möglichkeiten, die sich wie bei »Flitzer« mit einer voll finanzierten Produktion ergeben, eröffnen ihm neue Perspektiven. Doch noch immer ist ihm ein realisiertes Drehbuch lieber als ein zur Seite gelegtes. Und letztlich kann er sich auch vorstellen, Romane zu schreiben.