Petra Volpe

„Die göttliche Ordnung“ ist einer der erfolgreichsten Schweizer Filme der jüngsten Zeit. Auf den ersten Blick inszenierte Petra Volpe eine charmant-bescheidene „Hausfrauengeschichte“, die indes höchst stimmig und stimmungsvoll Zeit und Geist zu einer subtilen Lektion in Sachen Demokratie verdichtet.

Von Marius Nobach

Ihr Film heißt „Die göttliche Ordnung“, Ihre vorherige Regiearbeit „Traumland“: Damit hinterfragen Sie schon in den Titeln ironisch das Selbstverständnis der Schweiz. Fehlt es dem Land an Bereitschaft zur Selbstkritik?

Volpe: Die Schweiz ist nicht bekannt dafür, dass sie bereitwillig in die dunklen Ecken ihrer Geschichte schaut. Darin unterscheidet sie sich nicht sehr von anderen Nationen, aber sie hat eben das Image eines fortschrittlichen, gerechten Landes. Dieses Selbstbild haben die Schweizer besonders nach dem Zweiten Weltkrieg sehr gepflegt und bewusst aufgebaut. Europa lag in Schutt und Asche, und die Schweiz war wie eine kleine Insel. Das hat bei den Menschen das Gefühl befördert: Bei uns ist doch alles gut, und wenn wir zu viel verändern, fällt unsere Ordnung auseinander. Auch heute noch ist die Schweiz vom Grundgefühl her ein eher konservatives, erhaltendes Land. Für Künstler ist es natürlich sehr reizvoll, daran zu kratzen.


War es leicht, einen Film über die Einführung des Frauenwahlrechts finanziert zu bekommen?

Volpe: Die Scham über die Versäumnisse ist sehr groß. Wahrscheinlich ist uns deshalb sehr viel Wohlwollen entgegengebracht worden. Das war anders als bei „Traumland“, der mit der Prostitution in der Schweiz von einem gegenwärtigen Problem handelte, da wehte uns ein rauer Wind entgegen. Hier aber spürte ich ständig den Gedanken: Endlich macht jemand was zu diesem Thema. Die Finanzierung war jedenfalls ausnahmsweise einmal undramatisch.


Sie hätten sich der Ungleichbehandlung der Geschlechter auch mit einem zeitgenössischen Ansatz nähern können. Warum haben Sie sich für einen Historienfilm
entschieden?

Volpe: Mit einem historischen Film kann man durch den Blick zurück auch den Blick für die Gegenwart schärfen. Die Zuschauer haben dann eine Distanz zum Geschehen und können subtiler an die Probleme von heute herangeführt werden. Ich habe lange überlegt, wie ich nicht nur eine Geschichte erzählen kann, bei der man sich gemütlich zurücklehnt und denkt: Mein Gott, war das rückständig damals! Ich wollte auch die Frage nach den Themen stellen, die heute noch aktuell sind, davon aber so erzählen, dass man trotzdem in diese Zeit hineingezogen wird.

Was bedeutete das formal?

Volpe: Ich habe drei Jahre, bevor wir gedreht haben, angefangen, mit Kostüm, Maske, Ausstattung und Kamera zu arbeiten. Ich wollte die oppressive Atmosphäre dieser Zeit aufleben lassen, aber keine Geschichtslektion geben, sondern einen sinnlichen Film über eine Frau erzählen, die in einer Welt gefangen ist, die sie nicht aufblühen lässt. So habe ich sehr viel recherchiert und viele Elemente in dieses Dorf gepackt. Die Figuren sind von wahren Frauengeschichten inspiriert. Auch habe ich genau studiert, wie die Menschen damals aussahen und sich bewegten. In Archivmaterial ist zu sehen, dass alle viel langsamer sind und sprechen, dieses Behäbige wollte ich zeigen. Die Biederkeit sollte fast wie eine weitere Figur im Film sein.

Ihr Film erinnert an den Stil britischer Sozialkomödien. Waren das Vorbilder für Sie?

Volpe: Ich mag diese Komödien wahnsinnig gerne. Mir gefällt ihre etwas raue Atmosphäre, sie haben oft etwas Utopisches, sind immer leicht „over the top“, aber sie bleiben den Figuren und ihrer Welt treu. Britische Komödien haben immer auch einen dramatischen Unterbau, ohne dass sich Komödie und Drama ausschließen. Im Gegenteil, sie füttern sich gegenseitig.

Was war Ihnen bei der Hauptfigur Nora besonders wichtig?

Volpe: Ich wollte von einer Figur erzählen, die glaubhaft in ihrer Zeit agiert und zugleich eine Entwicklung durchmacht, die man heute noch nachvollziehen kann. Nora wird vom nicht-politischen zum politischen Menschen, weil sie versteht, dass das Private politisch ist. Sie zeigt Zivilcourage, steht auf und insistiert. Das ist mir bei der Recherche in vielen Biografien begegnet: Viele Frauen haben damals gemerkt, dass es ihnen nicht mehr reicht, zuhause die Socken zu waschen, sie wollten arbeiten. Überall auf der Welt gab es Frauenbewegungen, und irgendwann kam dann so langsam auch in der Schweiz etwas in Bewegung.

Interessant ist, dass die jungen Erwachsenen keine zentrale Rolle bei dem Widerstand spielen. Hanna ist an dem Kampf nicht beteiligt, der wird vielmehr von Müttern und Großmüttern geführt.

Volpe: Die Frauen, die schon in familiären Strukturen stecken, empfinden die Ungerechtigkeit am meisten. Hanna ist eine kleine Rebellin im Dorf und will von Anfang an ausbrechen, auf ihre Art ist sie schon befreit. Deshalb hat der Kampf für sie nicht so eine große Bedeutung, und sie hat auch nicht so einen großen Preis zu bezahlen. Die anderen Frauen sind gefangen, für sie steht mehr auf dem Spiel. Sie sind sich ihrer selbst in gewisser Weise viel bewusster.

Eine bemerkenswerte Figur ist Noras Mann Hans: Anders als die meisten Männer bemüht er sich, seine Frau allein mit Worten von ihrem Weg abzubringen. Dabei wirkt er nicht wie jemand, der viel reflektiert.

Volpe: Die Liebe zwischen Nora und Hans ist sehr genuin, aber Hans ist ein Mann seiner Zeit und hinkt hinterher. Nora geht vor, und er versteht erst mal nicht, was mit ihr los ist. Er bekommt den ganzen sozialen Druck als Mann ebenfalls zu spüren. Das Patriarchat zerquetscht auch die Männer. Sie sind genau wie Frauen in sozialen Rollenbildern gefangen, die sie einengen. Ich wollte auch Hans eine Entwicklung geben und die Chance, etwas zu verstehen über die Welt, über die Frauen und die Gleichberechtigung.

Die Männer sind zwar fast alle gegen das Frauenstimmrecht, ihr Wortführer aber ist selbst eine Frau, die Schreinerei-Besitzerin Wipf…

Volpe: Auch das ist von der Realität inspiriert. Ich hatte eine Dissertation über die Anti-Suffragetten gelesen, sehr gebildete Frauen, die scharfe Propaganda aufgefahren haben, und es gab tatsächlich eine bekannte Gegnerin des Frauenstimmrechts namens Dora Wipf. Vieles von dem, was meine Figur sagt, ist Originalzitat. Ich fand eine Frau als Antagonistin einfach spannender. Bei den Männern ist ohnehin klar, dass sie dagegen sind.

Brechen Sie in Ihrem Film auch eine Lanze für die Demokratie?

Volpe: Ich nutze jede Veranstaltung, um den Menschen einzuheizen: Geht abstimmen! Man sieht, wie lange die Frauen in der Schweiz dafür gekämpft haben – über 100 Jahre, und das in einer Demokratie! Heute noch sterben Menschen dafür, mitbestimmen zu dürfen. Wir können es in unseren Ländern, doch es wird viel zu wenig genutzt, wie man an der Stimmbeteiligung sieht. Mein Film ist definitiv ein Plädoyer für Zivilcourage und Demokratie, Widerstand und Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit. Es ist einfach unsere Pflicht, das mehr wertzuschätzen.