„Alle meine Filme sind in irgendeiner Weise autobiografisch“

Annäherung an den kolumbianischen Regisseur Rodrigo García

In „40 Tage in der Wüste“ (Start: 13.4., hier die FD-Kritik) kämpft Jesus mit einem abwesenden Vatergott und verstrickt sich in die Konflikte eines irdischen Vaters mit dessen Sohn. Geschrieben und inszeniert wurde der Film vom kolumbianischen Regisseur Rodrigo García, selbst Sohn eines berühmten Vaters, des Schriftstellers Gabriel García Márquez. Bislang hat sich García eher einen Namen mit dezidierten Frauenfilmen gemacht, in denen er weiblichen Hollywood-Stars eine anspruchsvolle Bühne bot, um existenziellen Fragen weiblicher Identität nachzuspüren.

Von Wolfgang Hamdorf, FILMDIENST 8/2017

Menschen wirken klein in dieser gewaltigen, unbarmherzigen Landschaft. Der Protagonist sucht hier in der Stille und im Fasten nach Gott, findet ihn auch, aber nur durch die Beziehung zu Menschen, die in der Wüste leben. „40 Tage in der Wüste“ handelt von Jesus und seiner Wüsten-Erfahrung, dem biblischen Ursprung der vorösterlichen Fastenzeit im Christentum. Es geht allerdings weniger um fromme Einkehr als vielmehr um das Austragen und Aushalten von Konflikten: mit dem als „Vater“ angesprochenen Gott, an dessen Schweigen sich die Hauptfigur Jeshua (Ewan McGregor) abarbeitet, aber auch mit einer irdischen Vaterfigur (Ciarán Hinds), deren Erwartungen an ihren Sohn (Tye Sheridan) nicht mit dessen Ambitionen zusammenpassen.

Der Regisseur des Films, Rodrigo García Barcha, begann seine Karriere selbst im Schatten eines großen Vaters: Er wurde am 24. August 1959 in Bogotá als erster Sohn des weltbekannten kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez geboren. Er wuchs in Mexiko auf, in einem familiären Umfeld, in dem das „Erzählen und die Fantasie das Wichtigste waren“. Zunächst studierte er mittelalterliche Geschichte in Harvard, entdeckte aber bald seine Liebe zum Film und sammelte nach seinem Studium am American Film Institute erste praktische Erfahrungen als Beleuchter und Kameraassistent. Später arbeitete er als Kameramann für US-amerikanische Filme wie „The Birdcage“ (1996), „Gia“ (1997) und „Große Erwartungen“ (1998). Erst mit über 40 Jahren begann er selbst Regie zu führen, meist nach eigenen Drehbüchern. Sein Debütfilm „Gefühle, die man sieht – Things You Can Tell“ (2000) wurde in Cannes auf Anhieb in der Reihe „Un certain regard“ ausgezeichnet: Fünf Geschichten von Frauen, die ihre Jugend hinter sich haben.

Schon mit diesem ersten Film erwies sich García als Frauenregisseur, als Virtuose des Episodenfilms, der tiefe Gefühle und existenzielle Fragen unspektakulär und ohne überzogene Dramatik vermitteln kann. Das gilt auch für „Ten Tiny Love Stories“ (2001) und „Nine Lives“ (2005), der mit dem „Goldenen Leoparden“ in Locarno ausgezeichnet wurde. In jeweils einer langen Einstellung von etwa zehn Minuten werden neun Frauenfiguren an Wendepunkten ihres Lebens porträtiert. García wagt ein konzeptuelles Experiment, das gerade durch seine kühle, distanzierte Konstruktion die Qualität der Dialoge und die emotionale Kraft der Schauspielerinnen umso heller erstrahlen lässt.

Etwas weniger streng, aber ähnlich präzise und mitfühlend in der Darstellung von Frauen und ihrer existenziellen Konflikte inszenierte García das Drama „Mütter und Töchter“ (2009). Drei Erzählstränge handeln vom Schicksal dreier Frauen; die erste hat mit 14 Jahren ihr ungewolltes Baby zur Adoption freigegeben, die zweite ist ihre mittlerweile 38-jährige Tochter, die auf der Suche nach ihrer leiblichen Mutter selbst schwanger wird, die dritte eine Ehefrau, die keine Kinder bekommen kann und daher eines adoptieren will.

In all diesen episodischen Arbeiten, für die García stets auch das Drehbuch geschrieben hat, spürt der Filmemacher mit großer Sensibilität und melodramatischer Intensität weiblichen Befindlichkeiten und Identitäten nach. Stars wie Annette Bening und Naomi Watts (in „Mütter und Töchter“), Sissy Spacek, Amanda Seyfried und Robin Wright Penn (in „Nine Lives“) oder Anne Hathaway (im Mystery-Thriller „Passengers“, 2008) laufen darin zu großer Form auf.

Eine Glanzrolle bescherte García auch der Schauspielerin Glenn Close in „Albert Nobbs“ (2011). Der Film führt ins Dublin des 19. Jahrhunderts zurück, zu einer Protagonistin, die inmitten einer repressiven Gesellschaft ihre eigenen Wünsche nur verwirklichen kann, indem sie sich als Mann verkleidet und als introvertierter Butler Albert Nobbs ein Leben zwischen den Geschlechtern lebt. Die sich durch Garcías Werk ziehende Frage nach dem, was es bedeutet, als Frau zu leben, wird hier quasi ex negativo beleuchtet.

Garcías jüngster Film „40 Tage in der Wüste“ (2015) markiert eine Art Bruch in seiner Filmografie, weil es hier erstmals um männliche Hauptfiguren und Vater-Sohn-Beziehungen geht. Mit großer stilistischer und inhaltlicher Radikalität erzählt der Film von den Verständnis- und Verständigungsschwierigkeiten zwischen Vätern und Söhnen. „Bevor ich diesen Film machte, wollte ich die Geschichte von Abraham verfilmen, den Gott auffordert, seinen eigenen Sohn zu opfern. Eine ganz unglaubliche, grausame Geschichte. Ich habe die biblischen Wüstenbilder schon länger im Kopf“, sagt Rodrigo García über die Idee zu seinem Film. Sein eigener Vater starb im April 2014, als er „40 Tage in der Wüste“ gerade im Schneideraum fertigstellte: „Alle meine Filme sind auf irgendeine Weise autobiografisch, auch wenn die Geschichten zunächst gar nichts mit meinem Leben zu tun haben. Aber sie handeln immer von Beziehungen, etwa von Personen, die nicht zusammen leben können, aber auch nicht getrennt. Von Brüdern, Eltern, Kindern, Ehemännern und Ehefrauen, Ex-Ehemännern und Ex-Ehefrauen. In Bezug auf ‚40 Tage in der Wüste‘ bin ich Vater und Sohn gleichermaßen. Meine Gefühle sind in das Drehbuch eingeflossen, wenngleich nicht eins zu eins. Ich bin weder der Junge noch Jesus noch der Vater, noch repräsentiert der Vater meinen eigenen Vater.“

Garcías Fernseh- und Webarbeiten
Neben seinen Kinofilmen hat Rodrigo García auch zahlreiche Arbeiten fürs Fernsehen realisiert, überwiegend für den Bezahlsender HBO. So inszenierte er Episoden für die Serien „Six Feet Under“ und „Carnivàle“, den Pilotfilm zu „Big Love“ und eine Folge von „Die Sopranos“ mit dem vielsagenden Titel „All Happy Families…“. Auch in seinen Fernsehprojekten bleibt er seiner Vorliebe für dramatische Beziehungsgeschichten treu, die gerne aus unterschiedlichen Perspektiven aufgerollt werden, am markantesten in der von ihm als „Creator“ verantworteten Psychiater-Serie „In Treatment“. 2012 hob er überdies zwei Web-Serien mit jeweils zehnminütigen Folgen aus der Taufe, die ebenfalls um Frauenfiguren kreisen: „Christine“ folgt den Erfahrungen der Protagonistin beim Speed-Dating, „Blue“ einer Mutter, die ihrem Teenager-Sohn ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit enthüllen muss.