Squirrels to the Nuts - Blog zum Politischen Kino

Von Patrick Holzapfel

12.9.2017

Geschichten lassen Körper überleben: Über die Dimmer des Kinos

Mit ihren Filmen bleiben sie in einer Gegenwart des eigenen Seins, die ihnen sonst entrinnen könnte. Ihr Kino schwimmt mit ihrer Zeit, ihrem Älterwerden, ihren Erfahrungen und einem Bedauern über all die anderen verpassten Leben, die sie hätten leben können. Einen Film zu treffen, ist in ihrem Fall eine Person zu kennen. Mal hat man das Gefühl, dass alles gleich geblieben ist von einem Jahr auf das andere, dann wieder stellt man unglaubliche Veränderungen fest. Die Rede ist von den großen Dimmern des Kinos: Philippe Garrel, Hong Sang-soo, Éric Rohmer, Matías Piñeiro, Ozu Yasujirō oder Woody Allen. Dimmer, weil ihre Filmographie sich manchmal zu lesen scheint wie unterschiedliche Dimmeinstellungen einer Lampe. Man spürt immer das gleiche Licht, aber die Intensität verändert sich.

Es wirkt leicht, diese Filmemacher, die allesamt zumindest in einer bestimmten Phase ihres Schaffens sehr dialoglastige, auf formale Klarheit schielende, persönliche Filme über die täglichen Konflikte der Liebe und des Zusammenlebens realisierten, unter einem Schirm zu versammeln. Das funktioniert so nur, wenn man bereit ist, die vielen Feinheiten und Unterschiede zu übersehen, die ihr jeweiliges Kino ausmachen. Außerdem gibt es natürlich eine ganze Reihe von Filmemachern, bei denen sich überzeugend argumentieren ließe, dass sie auch Dimmer sind. Man sollte dabei auch an Jean Renoirs berühmten Ausspruch denken, der besagte, dass jeder Filmemacher nur einen Film im Leben mache, diesen dann aufbreche und immer wieder neu-zusammensetze.

Dennoch ist es spannend, sich anzusehen, was jenes Kino, das in der neuesten Ausgabe der französischen Filmzeitschrift „Trafic“ kürzlich als „Zeitalter von Philippe Garrel“ beschrieben wurde, ausmacht. Zum einen sei bemerkt, dass alle genannten Regisseure verhältnismäßig viele Filme gemacht haben. Ihr Schaffen ist von einer gewissen Regelmäßigkeit beseelt. Hong Sang-soo hatte allein dieses Jahr drei Filme auf diversen Festivals laufen, Woody Allen macht bekanntlich jedes Jahr einen neuen Film. Darüber hinaus entflammt sich an ihren Filmen eine ganz entscheidende Frage: Wohin geht der Blick der Filmenden? Man hat das Gefühl, dass mit Garrel als extremstem und Ozu als moderatestem Beispiel der Blick der genannten Filmemacher auf sich selbst zurückfällt. Ihr Kino beschäftigt sich mit dem, was man selbst sehen kann im Leben. Das Machen eines Films wird dann kein großer Aufbruch in ein Fremdes, kein Hinausgehen in die Welt, sondern eine Fortsetzung der eigenen Existenz. Dadurch, dass sie dieses Prinzip über mehrere Filme hinweg strecken, entsteht das Gefühl eines anhaltenden Blicks, der viele Facetten im Gleichen findet statt eines passierenden Blicks, der immer weiter sucht. Ihre Arbeitsweise erlaubt das Entblößen unterschiedlicher Aspekte des gleichen Problems.

Dieses Filmemachen ist auch ein Hafen im Vergleich zu den Meeren, auf denen zum Beispiel Künstler wie Chris Marker, Sergei Loznitsa, Jean Rouch oder Claire Denis segelten und segeln. Es sind mal mehr und mal weniger radikale Gesten der Selbstbezogenheit, die mit Konsequenz und Genauigkeit immer auch über sich selbst hinausweisen. Es geht dabei auch um die Geduld eines Blicks, der es vermag aus einer einzelnen Geste mehr Drama zu holen, als andere Blicke aus ganzen narrativen Zusammenhängen. Man weiß bei den genannten Filmemachern, dass sie kennen, was sie filmen. Dabei geht es nicht darum, dass sie selbst erlebt haben, sondern vor allem, dass sie hingesehen haben.

Ein wenig erinnert dieser nach innen gerichtete Blick auch an eine Selbsttherapie. Zumindest Woody Allen spielt nur zu gern mit diesen Elementen. Vielmehr aber scheinen mir die meisten dieser Filmemacher in einem Modus zu operieren, den Jacques Rivette einmal das Überleben von Körpern durch das Erzählen von Geschichten genannt hat. Es geht darum, etwas festzuhalten, dass jederzeit nur vorbeiwischt. In ihrem Kino gibt es einen Bezug zur Gegenwart der eigenen Sterblichkeit. Zwar kann man den Dimmern oft eine gewisse Melancholie, ja sogar Nostalgie unterstellen, aber letztlich tragen ihre (filmischen) Körper nur eine Geschichte mit sich. Eine Geschichte, die bereits erzählt wurde. In diesem Kontext erscheint es logisch, dass alle genannten Filmemacher auch präzise Beobachter der Flüchtigkeit sind. Ein Kuss, eine gemeinsame Nacht, ein Aufflackern, all das sind nur Angebote, die sich in unendliche Traurigkeit verwandeln können wie bei Garrel, in ein Lachen wie bei Allen oder in beides zugleich wie bei Ozu oder Sang-soo.

In dieser Hinsicht erzählen Piñeiro und Co. auch von einer Fragmentierung des Begehrens. Vor allem Rohmer, der es wie kein Zweiter verstanden hat, den offensichtlichen, unvermeidbaren Moment nicht nur hinauszuzögern, sondern zum Teil ausfallen zu lassen, arbeitete oft am filmischen Konjunktiv, der nur dadurch existiert, weil er gefilmt wird. Diese Sekunden, in denen man etwas anderes hätte sein können, die Versuchung eines anderen Lebens. Es geht dabei um das Bedauern der Sekunden vor dem Kuss, die zum Beispiel in Filmen wie „Conte d’été“ (1996) oder „Ma nuit chez Maud“ (1969) beinahe den ganzen Film ausmachen. Bei Hong Sang-soo dagegen sind diese Ausbruchsversuche des Begehrens Stolperfallen. Es ist die gleiche Versuchung wie bei Rohmer, doch statt von Eleganz und einer magischen Luft erzählt der Südkoreaner von menschlichen Schwächen, Unwegsamkeiten und der Flucht vor oder ins Begehren mit Alkohol. Letzterer spielt auch bei Ozu eine Rolle, aber er war ein derart genauer Beobachter seiner Umgebung, dass man in jedem seiner Filme verpassen kann, dass die größten Emotionen zum Vorschein treten. Denn Ozu ist ein Filmemacher der Unterdrückung. Vielleicht sieht man es in einem Lächeln, vielleicht in einer Geste, aber letztlich bleibt die Ungewissheit einer ungenutzten Möglichkeit, einer Pflicht, die einen im selben Ton zu rufen scheint wie die Emotion, die ihr widerspricht. Piñeiro spielt am selbstreflektiertesten auf diesen Doppelböden der Wahrnehmung, weil er in Filmen wie „Hermia & Helena“ (2016), „Viola“ (2012) und „La princesa de Francia“ (2014) nicht nur mit Shakespeare-Texten arbeitet, sondern auch mit den Ideen des Spiels und der Arbeit am Spiel. Das verbindet ihn auch mit Jacques Rivette, der in seinen Fiktionen nicht nur eine Rettung für die Körper seiner Figuren fand, sondern letztlich die ganze Welt in den labyrinthischen Verzahnungen, literarischen sowie kinematographischen Anspielungen zum geheimnisvollen Spielplatz erklärte. Es ist klar, dass die genannten Filmemacher zum Teil aus sehr verschiedenen Kulturen kommen, die in ihren jeweiligen Filmen eine große Rolle spielen. Dennoch sind es die Gemeinsamkeiten einer Kinosprache, die hier ins Auge fallen.

Ist es das? Das Leben wird zur Fiktion? Ein mitunter gefährlicher Gedanke. Man denkt an Jean Eustache und die grausame Schönheit mit der er für seinen „La maman et la putain“ (1973) Dialoge aus seinem eigenen Beziehungsleben aufschrieb und im Film verwendete. Man kann auch an Stan Brakhage denken, der aus der Geburt seines Kindes ein Kinofeuerwerk entzündete. Hier scheint die Kamera zu erlauben, etwas zu sehen, sie scheint erlauben, dabei zu sein, aber gleichzeitig entfernt sie sich auch vom Leben. Sie setzt es in einen Rahmen. Hierbei wird etwas beschrieben, dass dem Kino und seinen Machern sehr eigen scheint. Nicht nur die Idee, dass Körper in Geschichten überleben, sondern dass sie erst in diesen wirklich existieren, tatsächlich fühlbar werden. Abbas Kiarostami hat einmal gesagt, dass er viele Dinge erst richtig wahrnehmen könne, wenn sie in einen Rahmen gepackt würden. Es ist ein trauriger, beschränkender Gedanke, der alles befreien kann. Denn was er auch sagt, ist: Das Kino löst den Blick von seinen blinden Flecken und es erlaubt uns endlich zu sehen, was immer vor uns lag.

Fotos aus "Hannah und ihre Schwestern", "L'amant d'un jour", "Später Frühling", "Sommer", "Viola"/©Twentieth Century Fox, SBS Films/Arte France Cinéma, trigon-film, StudioCanal, Révolver Films/Universidad del Cine

 

Hier geht's zu den weiteren Beiträgen des Blogs:

22. Geschichten lassen Körper überleben: Über die Dimmer des Kinos (12.9.)

21. Nobody Was Robbed. Except You.: "Logan Lucky" von Steven Soderbergh (7.9.)

20. Die Kamera sieht, was sie will: "Los muertos" von Lisandro Alonso (3.9.)

19. Das Meer filmen: Henri Storck (25.8.)

18. Fluchträume: Edward Yang (21.8.)

17. Die Krisenchronisten (25.7.)

16. Widerständiges Schreiben über Film (17.7.)

15. Nadal-Müller (10.7.)

14. Die Wahrheit Sibiriens (20.6.)

13. Sehnarben: Marguerite Duras (14.6.)

12. Menschen im Schnee (30.5.)

11. Filmgärten und andere Blumen (26.5.)

10. Virtual Reality: Raoul Grimoin-Sanson (22.5.)

9. Königreich der Repräsentation (9.5.)

8. John Wayne ist tot (21.4.)

7. Cine-Trance (17.4.)

6. Die letzten Poeten: Right On! (7.4.)

5. Die Ekstatiker (23.3.)

4. Sie leben hier (7.3.)

3. Liebe Orte des Kinos... (4.3.)

2. Seltsame Kämpfe (23.2.)

1. Mission Statement (21.2.)