Squirrels to the Nuts - Blog zum Politischen Kino

Von Patrick Holzapfel

21.4.

John Wayne ist tot: „The Frontier Experience“ von Barbara Loden

Wenn man sich in einem Land bewegt wie auf einer Grenze, in Unsicherheit und zwischen dem Drang sich über die unsichtbare Linie fallen zu lassen und jenem zu bleiben, sich zurückzuziehen, wenn ein neuer Beginn verbunden sein würde mit einem grausamen Schmerz und wenn man sich bewusst ist, dass man Teil von der Seite der Grenze ist, in der man kaum leben möchte, dann macht man womöglich einen Film darüber.

So ist das zum Beispiel mit Barbara Lodens letztem Werk, dem im Rahmen eines Erziehungsprogramms erschienenen „The Frontier Experience“ (1975). Der Film zeigt das Leben einer Familie und vor allem der Mutter in einer Zeit, in der neues Land erschlossen wurde. Die Frau, die von Loden mit einer Mischung aus Würde, Widerstand und Angst verkörpert wird, heißt Delilah Fowler. Sie bewegt sich an der Grenze zu Kansas im Jahr 1869, neues Land, weites Land, brutales Land. Loden findet Bilder eines stillen Muts und einer grausamen Vernichtung, geschluckt von einem Land, mit dem sie selbst auf Kriegsfuß stand, nicht wirklich, aber moralisch. Der Ehemann wird erschossen und Fowler muss sich allein um ihre Kinder sorgen, sie verteidigen und durch den Winter bringen. Man isst aus leeren Tellern, man gibt ab, was man nicht hat. Sie sagt, dass sie eigentlich zurück in den Osten wolle, dort wo sie herkomme. Einsame Wörter, die von der kalten Wüste in Kansas geschluckt werden. Dann kleine Funken, ein Wettrennen, eine angebotene Hilfe, Sehnsucht auf den trockenen Lippen, ein Frühling, der sich womöglich durch den Winter gewunden hat.

Der Film zeigt, wie wichtig Perspektive für den filmischen Widerstand ist. Nicht nur die Frage, die so häufig diskutiert wird dieser Tage, wer repräsentiert wird, ob so und so viele Frauen, Schwarze und so weiter zu sehen sind. Sondern letztlich, ob der Blick auf Menschen etwas offenbart, was nicht die politischen Klischees untermauert, was eine neue Richtung vorgeben kann, etwas in den Blick rücken kann, was zu einem Bewusstsein wird. In diesem Fall der Blick auf die Frau im Westward-Movement, nicht die Helden der Western, die coolen Revolverhelden, sondern die, die dort wirklich leben, nicht John Wayne, der in der Landschaft verschwindet, sondern die, die er zurücklässt, nicht weil er ein Held ist, sondern schlicht, weil er erschossen wurde. Die Helden, die aus dem Osten in den Westen kommen. Man denkt ein wenig an Kelly Reichardts „Meek’s Cutoff“ (2010). Was diese beiden Filme so dringlich macht, ist weniger, dass sie von Frauen handeln, sondern dass sie Frauen in ihre Wahrnehmung dieser Welt eingeschrieben haben, nicht darauf geschrieben. Sie sind einfach da, weil sie da sind und beim Sehen wird einem nicht nur das bewusst, sondern auch wie Frauen sonst gerne sind in Western, nämlich nicht da oder in den Armen von John Wayne. Das macht die Filme mit John Wayne nicht schlechter, es gibt nur im Verhältnis zu viele davon.

(Bilder aus "The Frontier Experience", Copyright: Learning Corporation of America; "Meek's Cutoff", Copyright: absolutMEDIEN)

Hier geht's zu den weiteren Beiträgen des Blogs:

8. John Wayne ist tot (21.4.)

7. Cine-Trance (17.4.)

6. Die letzten Poeten: Right On! (7.4.)

5. Die Ekstatiker (23.3.)

4. Sie leben hier (7.3.)

3. Liebe Orte des Kinos... (4.3.)

2. Seltsame Kämpfe (23.2.)

1. Mission Statement (21.2.)