Squirrels to the Nuts - Blog zum Politischen Kino

Von Patrick Holzapfel

17.7.2017

Widerständiges Schreiben über Film

 

Die genormte Sprache der Filmkritik: Es ist erstaunlich, was in der Filmkritik (und ich bin mir recht sicher, dass das auch in vielen anderen Spielarten kritischen Schreibens passiert) bezüglich der Verwendung einer Sprache geschieht, in der Walter Benjamin schrieb, ein Poet, der eine kritische Tradition begründete. Egal wohin man blickt, ob Online oder Print, ob Fachzeitschrift oder Tageszeitung, man erkennt kaum mehr Autoren hinter den Texten. Ständig liest man leicht zugängliche Handlungsbeschreibungen, kombiniert mit Urteilen und politischen Interpretationen. Dafür werden Wörter gewählt, die eindeutig sind, niemals ambivalent, niemals redundant. Die Klarheit einer Argumentation ist das große Ziel, sie wird weit über die Erfahrung eines Textes gestellt. Selbst wenn die Erfahrung des Textes versucht jene des Films zu erahnen.

Die deutschsprachige Filmkritik lässt keine Sprache mehr zu oder anders formuliert: Es gibt nur die eine Sprache, die journalistische Sprache, die Sprache, die sich hinter dem Inhalt versteckt. Liest man Ausgaben der ehemaligen Zeitschrift „Filmkritik“  sieht man, dass es auch anders ginge und vor allem, dass eine politische Auseinandersetzung mit Film auch eine Sache der Sprache sein muss. Frieda Grafe oder Helmut Färber haben in der Sprache ein Material gesehen, mit dem sie Bildern begegnet sind. Dieses Material beinhaltete in sich eine Positionierung zum Kino, zum spezifischen Film und behauptete nie von sich, etwas beschreiben zu können. In dieser Sprache ist die Ohnmacht gegenüber Bildern angelegt, die Lücke, die sich zwangsläufig auftun muss zwischen dem Kino und dem Text.

Jean-Luc Godards Diktum vom Unterschied zwischen einem Film über Politik und einem Film, den man politisch macht, betrifft auch die Sprache, die Form der Auseinandersetzung. Es muss erlaubt sein, dass Autoren eigene Sprachen finden, um dem Kino zu begegnen. Schließlich kann man nicht davon ausgehen, dass es überhaupt eine Sprache für ein Bild gibt. Wiederum in Godards „Le Gai savoir“ heißt es deshalb: „Wir können alles sagen, was wir wollen, über das, was wir sehen, aber was wir sehen, wird nie in dem wohnen, was wir sagen.“

Das Problem ist, dass die Meinung eines Autoren häufig wichtiger ist als seine Gedanken zum Film. Es findet eine Reduzierung statt, und diverse erfolgreiche Kritiker wissen das nur zu gut. Es entsteht eine Daumen-Hoch/Daumen-Runter-Kultur, die ab und an noch mit besonders heftigen Provokationen auf sich aufmerksam machen muss. Alle anderen beschränken sich in ihrem Schreiben auf einen Lehrermodus, der den Unwissenden da draußen erklärt, was es mit diesem oder jenem Filmemacher auf sich hat oder wie es sich auf diesem oder jenem Filmfestival wirklich zugetragen hat. Das soll nicht bedeuten, dass ein gut recherchierter, sprachlich unauffälliger Text nicht seine enormen Vorzüge hätte. Dass Problem ist eher die Dominanz dieser Art des Schreibens. Überhaupt sollte man sich womöglich fragen, warum man so zufrieden ist mit der „Rezension“ als Form der schriftlichen Begegnung mit einem Film. Ob es nicht andere Formen geben könnte, die das Kino auch dem abgeneigten Leser schmackhaft machen würden.

Hinzu kommt in vielen Medien ein merkwürdiger Umgang mit der Bildauswahl. Es ist mir ein Rätsel, warum Autoren die Bilder, die ihre Texte begleiten, nicht selbst auswählen dürfen. Manchmal erscheint das Layout guter Texte so, als hätte ein Koch einen wunderbaren Fisch zubereitet und jemand anderes hat schnell ein Kartoffelpüree aus der Schnellpackung dazu geworfen. Dabei läge doch gerade in der Kombination aus Worten und Bildern eine Möglichkeit, neue Assoziationen frei zu machen, Gedanken zu betonen oder schlicht Widersprüche zuzulassen.

Wenn Bilder ambivalent sein müssen, warum dürfen es Texte darüber dann nicht? Im letzten Jahr bin ich sehr unterschiedlichen Redakteuren und Lektoren begegnet, von Filmmagazinen, über Online-Magazine bis zu Tageszeitungen. Letztlich waren ihre Korrekturen meiner Texte mit minimalen Unterschieden alle gleich. Es gibt die beständige Bitte nach klarer und einfacher Sprache, das prinzipielle Ablehnen eines Stils, der mit oder ohne Grund auf sich selbst aufmerksam macht und häufig die Bitte nach klarer Positionierung und Meinung. Oft wurde letzteres als These bezeichnet. Noch häufiger, das ist zumindest online sehr interessant, die unbedingte Bitte um eine gewisse Kürze des Textes. Eine Position zum Kino habe ich bei keiner dieser Publikationen jenseits ihrer Auswahl an Texten gefunden. Diese wird dann doch dem zensierten Autor überlassen. Die Publikation bezieht eine Position zum Leser (es gibt Ausnahmen, selten).

Was dabei verloren geht, ist schwer zu beschreiben. Und genau das ist der Punkt. 

Patrick Holzapfel

 

Hier geht's zu den weiteren Beiträgen des Blogs:

15. Nadal-Müller (10.7.)

14. Die Wahrheit Sibiriens (20.6.)

13. Sehnarben: Marguerite Duras (14.6.)

12. Menschen im Schnee (30.5.)

11. Filmgärten und andere Blumen (26.5.)

10. Virtual Reality: Raoul Grimoin-Sanson (22.5.)

9. Königreich der Repräsentation (9.5.)

8. John Wayne ist tot (21.4.)

7. Cine-Trance (17.4.)

6. Die letzten Poeten: Right On! (7.4.)

5. Die Ekstatiker (23.3.)

4. Sie leben hier (7.3.)

3. Liebe Orte des Kinos... (4.3.)

2. Seltsame Kämpfe (23.2.)

1. Mission Statement (21.2.)