„Ungeliebte Charaktere reizen mich“

Interview mit dem Schauspieler Steve Coogan

In Oren Movermans verrätseltem Drama „The Dinner“ (hier die FD-Kritik) treffen sich zwei Brüder und ihre Frauen zu einem schicken Abendessen. Der Anlass dafür ist weniger fein. Die beiden 16-jährigen Söhne der Brüder haben ein Gewaltverbrechen begangen, für die Eltern geht es um die Frage: Vertuschen oder Gerechtigkeit? Richard Gere spielt den erfolgreichen Politiker Stan, Steve Coogan den in Selbstmitleid ertrinkenden ehemaligen Geschichtslehrer Paul.

Von Margret Köhler, FILMDIENST 12/2017

Ist Ihnen Pauls Charakter in seiner Ambivalenz nah oder eher fremd?

Coogan: Natürlich sympathisiere ich mit seinem Zorn, auch ich bin oft sehr wütend über fehlende Gerechtigkeit, Nichtachtung von Menschenrechten und der Kungelei in der Politik. Aber ich reagiere anders, raste nicht so aus und bin nicht so aggressiv. Ich nehme nicht alles so persönlich.

Wie würden Sie in so einer Situation handeln?

Coogan: Ich habe Prinzipien, bin aber unsicher, was richtig wäre. Die Argumente für Vertuschen sind nachvollziehbar, das Gefängnis würde die Zukunft der Kids ruinieren. Wer kann seinen eigenen Kindern so etwas antun? Intellektuell zu diskutieren ist einfach, aber wenn es hart auf hart geht, kommen Gefühle ins Spiel. Ein schreckliches Dilemma.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Coogan: Wir arbeiteten ohne vorherige Proben. Das war manchmal etwas beängstigend, sorgte aber für größere Intensität. Ich habe viel über psychisch gestörte Menschen gelesen und mir vorgestellt, wie es wäre, sich nicht von negativen Gedanken befreien zu können, sich nur destruktiv zu verhalten. Paul fühlt sich in seiner Kindheit zurückgestoßen und heute als Versager, sucht die Fehler bei anderen, suhlt sich in Selbsthass. Aber ihn verdammen? Nein. Seine psychische Deformation ist die Reaktion auf unsere gesellschaftliche Deformation, auf den ständigen Kampf, der Bessere zu sein, der Gewinner. Das Drehbuch hat mich aus meiner Komfortzone katapultiert, und ich bin bewusst das Risiko des Scheiterns eingegangen. Ungeliebte Charaktere reizen mich, wichtig ist, sie trotz allem zu respektieren.

Allein für Michael Winterbottom standen Sie sechs Mal vor der Kamera…

Coogan: Man muss immer etwas Neues entdecken und jemanden mögen, wenn man so viele Wochen zusammen verbringt. Eines Tages beißen wir alle ins Gras, also sollten wir die Zeit nutzen. Es geht nicht um große Gagen; solange wir unsere Miete zahlen können, engagieren wir uns auch mal ohne Geld. Es ärgert mich allerdings, wenn ein Film wie „The Look of Love“ bei Publikum oder Kritik durchfällt, da bin ich stolz auf meine Mitwirkung. Popularität ist kein Auswahlkriterium für mich, ich muss einen Film selbst gerne sehen wollen. Erfolge wie bei „Philomena“ sind natürlich motivierender.

Zu „Philomena“, Stephen Frears’ Drama (2013), schrieben Sie zusammen mit Jeff Pope auch das Drehbuch…

Coogan: Wir schreiben schon an einem zweiten Film und einem dritten. Der Schreibprozess gefällt mir, vor allem wenn es sich um emotional spannende Dramen handelt, die zum Nachdenken anregen.

Sie sind auch Comedian, Ihre Comedy-Show brach alle Rekorde. Ist es schwierig, ständig witzig zu sein?

Coogan: Manche Leute in dem Business brauchen die Bestätigung, dass sie superwitzig sind. Wenn man ihnen das Gegenteil sagt, geraten sie in eine Krise. Wirft mir jemand vor, weniger witzig zu sein als sonst, juckt mich das nicht, ich sehe mein Ego nicht bedroht. Vieles ist da nur Technik. Ich liebe Comedy und bringe die Leute gern zum Lachen. Vielleicht trage ich ein Lehrer-Gen in mir.