Sonntagskind ­zwischen Baum und Borke

Porträt eines Enthusiasten: Der Produzent Tony Loeser

Tony Loeser, geboren 1953 in Manchester, kennt das deutsche Filmschaffen von vielen Posi­tionen aus. Im Internet verzeichnet ihn filmportal.de unter »Darsteller, Regie, Drehbuch, Kamera, Bauten, Sonstiges, Produzent«, doch vor allem als Produzent verfolgt er beharrlich seinen ganz besonderen Traum vom Kino:
den vom Animationsfilm, einer »Filmpflanze«, deren wirtschaftliche wie künstlerische Zukunft hierzulande von hiesigen Fernsehstrukturen ebenso wie von Globalisierung bedroht ist. Das Porträt eines unermüdlichen Enthusiasten.

Von Rolf Giesen, FILMDIENST 25/2017

Im Jahr 1991, also noch mitten in der Wendezeit, wurde Tony Loeser Vorsitzender des Filmverbands Brandenburg e.V.. Gemeinsam mit Thomas Wilkening erarbeitete er, nach dem Vorbild von Nordrhein-Westfalen, die Grundlagen für eine Filmförderung der Länder Brandenburg und Berlin, und das obwohl die Berliner zuerst nicht so recht mit den Brandenburgern wollten. Wilkening, erinnert sich Tony Loeser, entwarf eine Struktur, die so aussah wie ein Mercedes-Stern und in deren Mittelpunkt die Stoffentwicklung stand. Dann übernahmen die Staatskanzleien, und die Macher rückten in den Hintergrund.

Heute produziert Tony Loeser Animationsfilme und Animationsserien in Halle. International steht Animation ganz oben, nur in der deutschen Produktionslandschaft ist das Feld zu einem Nischendasein für Vorschulkinder verurteilt. Unermüdlich engagiert sich Loeser deshalb für eine Infrastruktur, die hierzulande die kreative Arbeit mit Stoffen, Figuren und digitaler Technik ermöglichen soll. Denn es fehlt an Sendeplätzen, an einer Quote für Kinder- und Animationsfilm, es fehlt grundsätzlich an einer soliden Infrastruktur. Ohne diese, so Loeser, werde es bald keinen Animationsfilm mehr in Deutschland geben: »Das größte Problem ist das Vertrauen der Auftraggeber und Partner in die nationalen Kreativen. Es fehlt an Kontinuität bei den großen Produktionen. Die Produktionsdichte an großen Serien in Deutschland ist zu gering. Auch das Fehlen eines Tax-incentive-Modells, wie es das in anderen Ländern gibt, ist ein großer Nachteil für die Szene.«

Angst vor der Zukunft kennt Tony Loeser dennoch nicht. In seinen Augen leuchtet kindliche Neugier, wenn er an Augmented Reality denkt. Mit einem Mal wird das vor 40 Jahren noch in Stop Motion animierte monströse Schachspiel aus dem ersten »Star Wars«-Film virtuelle Wirklichkeit. Vor 40 Jahren hatte Loeser selbst in einem Puppenfilm-Kollektiv der DEFA begonnen. Dort wurde ein erfahrener Kameramann zum Vaterersatz und Mentor: Erich Günther hatte 1956 den Kurzfilm »Der kleine Häwelmann« aufgenommen. Tony Loeser hatte diesen Film als Kind geliebt.

Das kalte Herz

Geboren wurde Tony Loeser nicht in der jungen DDR, sondern in Großbritannien: am 14. September 1953 in Manchester. Seine Eltern waren überzeugte Marxisten. Der Vater, Franz Loeser, war der Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts. Er floh 1938 nach England. Die Eltern von Franz Loeser wurden Opfer der Shoa. 1957 übersiedelte die Familie in die DDR. Das Verhältnis zu seinem Vater beschreibt Tony Loeser als kompliziert. Franz Loeser promovierte in der DDR, wurde Professor am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität. Mit Kunst hatte er wenig im Sinn. Mutter Diana war die Kunstbegeisterte. Auch sie arbeitete als Dozentin an der Humboldt-Universität. Sie malte, ging ins Theater, las viel, gab ihrem Sohn englische Kinderbücher zu lesen, auf russischem Papier gedruckt. Winnie-the-Pooh wurde das »Krafttier« in Tonys Fantasie. Diana nahm ihn auch oft ins Kino mit. Bis zu seinem 14. Lebensjahr durfte er sie zu den Großeltern nach England begleiten. Dort sah er Walt Disneys »Bambi«, dort ging er gemeinsam mit der Oma in Elvis-Presley-Filme. Und sie nahm ihn mit in »Der längste Tag«, den monumentalen Kriegsfilm über den D-Day, der Tonys antifaschistische Haltung »stärken« sollte. Als plötzlich die Mauer gebaut wurde, während sie gemeinsam in England waren, bekam es die Mutter mit der Angst, dass sie nicht in die DDR zurück könnten.

Der erste Film, den Tony Loeser sah, kam aber von der DEFA. Es war: »Das kalte Herz«. Mit dem Kohlenmunk-Peter konnte er sich gut identifizieren, denn auch er war als »Sonntagskind« geboren.

Optische Spezialeffekte: Mit der Kamera tricksen

Im Bekanntenkreis der Mutter begegnete Loeser ungewöhnlichen Biografien, Ameri­kanern und Engländern zum Beispiel, die aus politischer Überzeugung in die DDR gegangen waren, wie seine Eltern. Es war ein geschützter Raum, in dem er aufwuchs: nonkonformistisch, unangepasst. Er zeichnete viel, aber an der Kunsthochschule wollten sie ihn nicht haben. Stattdessen kam er in die Provinz, als Mot-Schütze, unterster Dienstrang, nach Eggesin nahe der polnischen Grenze. In der NVA wurde er mit der Wirklichkeit der DDR konfrontiert: »Ich habe da plötzlich Leute erlebt, mit denen ich noch nie zusammengekommen war.« 18 Monate später stand er vor der Frage, was beruflich geschehen sollte. Mathelehrer, wie ihm empfohlen wurde, mochte er nicht werden.

Eher so etwas wie sein Onkel Ernst. Ernst Loeser war das schwarze Schaf der Familie, er hatte in England für das Animationsstudio Halas & Batchelor gearbeitet, möglicherweise auch an »Animal Farm« mitgewirkt. Dennoch hatte Ernst Loeser Schwierigkeiten, weil sich der eigenwillige Maler nicht in den Kollektivgedanken der DDR einzuordnen wusste. Sein Neffe Tony schaffte den Spagat. Zwar wurde er nicht im DEFA-Studio für Trickfilme in Dresden angenommen, seine Mutter aber, als Englischlehrerin eine bekannte Persönlichkeit im Fernsehen der DDR, ließ ihre Kontakte spielen. Sie kannte noch aus England den Animationsfilm-Gestalter Kurt Weiler, und der hatte keine Probleme damit, den Anfänger als Kamerahilfe in sein Puppenfilm-Team im Babelsberger Schloss aufzunehmen.

Parallel zu einer Fachausbildung als Fotograf absolvierte Loeser nun einen Crashkurs als Assistent des erfindungsreichen Weiler-Kameramanns Erich Günther. Jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, zweieinhalb Stunden von Berlin/Ost nach Babelsberg, um West-Berlin herum, abends zurück. Nicht nur Kurzfilme realisierten sie, denn Erich Günther drängte es mit seinen Trickarbeiten ins Spielfilmstudio: »Konzert für Bratpfanne und Orchester«, »Ein Schneemann für Afrika« von Rolf Losansky, für den später weitere Arbeiten anstanden, vor allem »Das Schulgespenst«.

Tobias Totz und der ­Neonazi

Da hatte Tony Loeser schon an der Hochschule für Film und Fernsehen der DDR studiert: 1980-84, Kamera und Regie. Als er seinen Abschlussfilm »Knete« (1984, natürlich in Stop Motion) realisierte, war sein Vater bereits im Westen, wo er an den DDR-Medien kein gutes Haar ließ, zu denen sein Sohn nun – irgendwie – gehörte. Franz und Diana waren seit 1970 geschieden. Der Kontakt zwischen Vater und Sohn war unterbrochen. Unvermittelt erhielt Tony Loeser erst nach Öffnung der Mauer einen Brief vom Vater, mit einer Telefonnummer. Er fuhr zu einem Wochenendbesuch, doch an dem Sonntag, als er wieder zurückfahren wollte, musste Franz Loeser in die Klinik. Dort starb er am 21. Januar 1990.

Tony Loeser kehrte nach Babelsberg zurück, wo er die SFX-Technologie der Kollegen aus dem Westen am Beispiel von »Die unendliche Geschichte III – Rettung aus Phantásien« studierte – und merkte, dass »die« auch nur mit Wasser kochten. Mit der Produktionsleiterin Andrea Hoffmann gründete er die Ostfilm Hoffmann & Loeser GbR. Die Produktionsfirma kümmerte sich um Spielfilme, etwa um »Abschied von Agnes« (1994) von und mit Michael Gwisdek, und um »Beruf Neonazi« (1993) von Winfried Bonengel. Loeser: »Kein guter Film, aber ein wichtiges Zeitdokument.« Er co-produzierte mit der Cartoon Film von Thilo Graf Rothkirch die Serie »Tobias Totz und sein Löwe«, schlug eine Zeichenfilmversion von »Digedags« vor, der beliebtesten Comic-Reihe der DDR, aber damals wollte der MDR nicht an die Animation heran. Als eine andere Firma eine Finanzierungslücke über 150.000 DM riss, war Ostfilm pleite.

MotionWorks

Tony Loeser kam als ausführender Produzent bei der CineVox unter und beendete zügig das seit mehr als zehn Jahren brachliegende Zeichenfilmprojekt »Hänsel und Gretel im Zauberwald« (1998, Regie: Volker Vollmann). In der tragischen Chronik des Films waren bereits drei Todesfälle verzeichnet. Dann wählte Loeser einen neuen Standort. In Deutschland, hatte Konrad Wolf einmal gesagt, komme man von einer Provinz in die nächste. Medienmanager Henning Röhl empfahl Mitteldeutschland. In Sachsen-Anhalt hatten sie keine Ani­mation, und so entstand in Halle eine moderne Animationsfabrik, deren Name das bewegte Bild mit der Manufaktur vereinte, aber – um internationalen Anspruch anzumelden – in Englisch: MotionWorks.

Gemeinsam mit Romy Roolf, der Produk­tionsleiterin von »Hänsel und Gretel im Zauberwald«, sowie Zürcher und Luxemburger Partnern brachte Loeser die (ausschließlich in der Schweiz populäre, sehr konventionelle) Figur des Papageis Globi auf die Leinwand und experimentierte mit dem Environment. »Globi und der Schattenräuber« (2003) war der erste deutsche Anime-Film. Er fiel an der Kinokasse zwar durch, aber MotionWorks blühte auf. Dennoch wurde in Halle zunächst nicht für den MDR produziert, sondern für den WDR in Köln.

Loeser verstand sich gut mit dem damaligen Bavaria-Chef Thilo Kleine, der Gert K. Müntefering mit ins Spiel brachte, den früheren Chef des Kinderprogramms beim WDR. Zunächst hatte Loeser gehofft, einen Erich-Kästner-Stoff machen zu dürfen, aber nach einem intensiven gemeinsamen Gespräch wurde es dann nicht Kästner, sondern Helme Heine: Es entstanden zwei erfolgreiche Fernsehserien und zwei »Mullewapp«-Kinofilme (2009 und 2016). Heute steht MotionWorks als Teil der DREFA-Mediengruppe an der Spitze der deutschen Animationsszene. Etwa 80 Prozent der Mitarbeiter kommen mittlerweile aus der Region Halle/Leipzig.

»Wir haben genügend Talente«, sagt Tony Loeser, »aber die wollen alle auf Pixar-Niveau arbeiten und gehen, wenn sie können, ins Ausland.« Er selbst, grafisch geschult, favorisiert den »einfachen« Animationsstil: »Ich möchte hier lieber so was wie die Flintstones haben. Es gibt aber kaum Animatoren, die das heute können. Wir haben keine Tradition in dieser Art der Limited Animation.«

Die digitale Technik verführt natürlich angesichts schrumpfender Budgets in der Masse der Produktion zur künstlerischen Standardisierung, die ein Markenzeichen der Globalisierung geworden ist. Mit einer Serie wie »Die Abenteuer des jungen Marco Polo« definiert Loeser die Globalisierung als das, was sie sein sollte: nicht globale Standardisierung, sondern interkulturelle Vielfalt, die den Dialog mit den Völkern der alten Seidenstraße sucht.

Wie Marco zieht es auch Tony Loeser nach Fernost, wo er neben einer Matrix aus Massenkonfektion jenen einfachen Strich findet, den er so lange verloren glaubte. Für den deutschen Animationsfilm schließt sich damit ein Kreis. 2007 besuchte Loeser zum ersten Mal Beijing und erlebte dort eine Vorführung von Lotte Reinigers »Die Abenteuer des Prinzen Achmed«, jenes Klassikers, der dem deutschen Animationsspielfilm vor mehr als 90 Jahren die uralte Kunst des Silhouettenspiels Asiens erschloss. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch künstlerisch an diese Tradition anzuknüpfen, das wird eine zentrale Aufgabe der Animation in Europa sein.

Fotos: Movieworks