Leben mit Fehlern

Interview mit Volker Schlöndorff zu „Rückkehr nach Montauk“

Mehr als 25 Jahre nach seiner Verfilmung von „Homo Faber“ (1990) nähert sich Volker Schlöndorff erneut Max Frisch an: „Rückkehr nach Montauk“ (Lesen Sie hier die FILMDIENST-Kritik) ist eine Hommage an seinen Freund Frisch und fragt, losgelöst von dessen Betrachtung einer verlorenen Liebe, nach der Möglichkeit einer zweiten Chance. „Rückkehr nach Montauk“ ist wohl Schlöndorffs persönlichster Film. Im Interview spricht er über schmerzhafte Erinnerungen, Fehlentscheidungen und politisches Engagement.

Das Gespräch führte Margret Köhler, FILMDIENST 10/2017

Am Anfang hält Stellan Skarsgård als Schriftsteller Max Zorn einen Monolog über das, was im Leben zählt. Er redet vom Bedauern über das, was wir getan haben, und vom Bedauern über das, was wir nicht getan haben…

Schlöndorff: Dieser Text ist nicht von Max Frisch, sondern von Drehbuchautor Colm Tóibín und war eigentlich für einen Roman gedacht, an dem er zur selben Zeit arbeitete. Ich fand den Text so toll, dass wir ihn in den Film genommen haben. Trotz des Arguments, dass dies doch gar nicht ginge auf der Leinwand: ein Mann, der fast zehn Minuten vor der Kamera spricht. Aber es handelt sich um einen Schriftsteller, und da muss man zeigen, wie er mit Worten umgeht. Colm und ich haben sehr autobiografische Elemente in das Drehbuch fließen lassen. Wie Frisch frage auch ich mich: Habe ich einem anderen Menschen wehgetan, ihn schlecht behandelt?

Sie kennen dieses Gefühl der Reue, die Frage „Was wäre wenn“?

Schlöndorff: Im Berufsleben trifft man dauernd Fehlentscheidungen. Aber bei der Verbindung zu einem anderen Menschen gehen einem diese besonders nahe. Das fängt schon bei den Eltern an mit der Frage: Warum habe ich mit meinem Vater nie über ein bestimmtes Thema gesprochen? Und ganz konkret frage ich mich: Warum habe ich mich eigentlich von Margarethe von Trotta getrennt? Wir verstehen uns heute wunderbar, aber damals war es unmöglich, auch nur in einem Raum zusammen zu sein. Zwei Jahre lang. Warum? Man kann nie sagen, es war ein Fehler. Ich glaube, man tut in jedem Moment nur das, was man tun kann. Vielleicht kann man gar nicht anders. Deshalb sage ich mir auch, höre doch mal auf, mir dir zu rechten, gehe doch nicht so hart mit dir ins Gericht. Bei gefährlichen Liebschaften heißt es immer: „It’s beyond my control“. Allerdings sind es da hauptsächlich Hormonkontrollen. Aber auch sonst gibt es im Leben oft eine Situation „beyond my control“.

Sind Sie sentimental?

Schlöndorff: Jedenfalls heule ich im Kino wie ein Schlosshund.

Im Film heißt es einmal, Europa würde zusammenbrechen. Keine sehr optimistische Aussage.

Schlöndorff: Wir haben ein Problem der Institutionen und der politischen Strukturen, aber Europa blüht und ist als kulturelle Realität unglaublich, den Bürgern geht es gut. Die jungen Leute reisen quer durch die Länder, studieren überall mit großer Selbstverständlichkeit. Da klappern die uralten Bürokratien noch hinterher. Ich halte den Brexit für idiotisch, kann aber die Menschen verstehen, die nicht mehr von irgendwelchen Bürokraten bevormundet werden wollen.

Sie machen seit mehr als 50 Jahren Filme. Glauben Sie noch an die Kraft der Veränderung durch Kunst?

Schlöndorff: Ich bin nach wie vor ein politischer Mensch, auch wenn ich meinen Standpunkt geändert habe, vom RAF-Sympathisanten zum Merkel-Unterstützer. Es wäre dumm, wenn man sich nicht ändern würde. Ich habe nur ein begrenztes Vertrauen, dass man durch Kunst oder politisches Engagement, Demonstrationen oder Aufrufe wirklich etwas verändern kann. Die letzte Erfahrung war, als wir als Grüppchen vor die russische Botschaft gezogen sind, um gegen die Bombardierung von Aleppo zu protestieren. Viel zu spät und viel zu wenig. Aber wir sagten uns: Da muss man doch was tun. Diesen Impetus gibt es immer noch, Engagement gehört nach wie vor dazu. Ich bin keineswegs resigniert, stelle nur fest, dass sich die meisten Ziele, für die man sich engagiert hat, in eine andere Richtung entwickelt haben. Aber immerhin haben wir 1980 mit dem Film „Der Kandidat“ vielleicht die Wahl von Franz Josef Strauß zum Kanzler verhindert.

Inwieweit hat sich die Arbeit geändert?

Schlöndorff: Da hat sich eigentlich überhaupt nichts geändert. In dem Moment, wo man am Drehort ist, gibt es eine Kamera und zwei, drei Leute um die Kamera herum, zwei, drei Leute davor. Ich kann mir vorstellen, dass es schon in der Stummfilmzeit so ähnlich gewesen ist, wenn man sich die Fotos aus dem frühen Studio Babelsberg anschaut, da wurden die Kameras noch mit der Hand betrieben. Filmarbeit bedeutet, ein Stück Leben durch die Kamera einzufangen. Nur die technischen Mittel sind andere.

In New York drehten Sie fast im Guerilla-Stil auf der Straße…

Schlöndorff: Wir verfügten nicht über den Apparat und das Budget für Drehgenehmigungen, die Absperrung von Straßen oder das Engagement von Komparsen. In New York braucht man auch keine Komparsen als Spaziergänger oder Straßenpassanten, an jeder Kreuzung laufen sowieso genug Leute herum, unter die man sich unauffällig mischen kann. Wenn man ohne Stativ und Beleuchtung arbeitet, kümmert sich niemand um ein kleines Filmteam. Die New Yorker sind da einiges gewöhnt. Und die Digitaltechnik erleichtert heute vieles. Ich finde es immer wieder fantastisch, zu drehen, ohne mir wie früher darüber den Kopf zu zerbrechen, wie viel Kosten durch jeden Meter Film entstehen. Heute macht man eben noch einen Take. Und es wird mit jedem Take lockerer. So war es auch mit Nina Hoss und ihrem langen Monolog. Man kann die Kamera laufen lassen, ohne groß zu diskutieren. Ein bisschen wie bei Leichtathleten, die immer wieder trainieren.

Sie arbeiten viel mit Tageslicht sowie mit den Gesichtern der Schauspieler.

Schlöndorff: Unser Leitbild war Sven Nykvist, bekannt für seine „unsichtbare“ Lichtsetzung in den Ingmar-Bergman-Filmen. Bei seinen Bildern denkt man, das Licht kommt aus den Schauspielern selbst. Und an den Stränden von Montauk herrschte ein ganz spezielles Licht.

Mit Edgar Reitz und Alexander Kluge gehören Sie zu den drei dienstältesten deutschen Regisseuren. Fühlen Sie sich als „Elder Statesman“ oder gar als „Relikt“?

Schlöndorff: Weder noch. Ich habe ein Gefühl wie bei einem Auto, irgendwann stellt man den Zähler wieder auf null bei den Kilometern, und dann fahre ich wieder los. Das sind für mich immer wieder Neuanfänge mit Unterbrechungen. Deshalb stelle ich mir die Frage gar nicht. Arbeiten empfinde ich als etwas ganz Selbstverständliches.