Berlinale 2017: Es war einmal in Österreich

Marius Nobach | 12.02.2017

Neues vom deutschsprachigen Kino auf der „Berlinale“ 2017: Josef Hader gibt im Wettbewerb sein Regiedebüt mit der Komödie „Wilde Maus“, der 25-jährige Regiestudent Adrian Goiginger schildert in seinem autobiographischen Drama „Die beste aller Welten“ schonungslos das Schicksal eines Jungen unter Drogensüchtigen.

Abenteurer will Adrian werden, wenn er mal groß ist. Ob das überhaupt ein Beruf sei, fragt der Siebenjährige seine Mutter Helga zwar doch lieber einmal, aber als diese die Frage bejaht, spinnt der aufgeweckte Junge für sich weiter an einer Geschichte um seinen Traum. Sein Held ist ein Urahn von ihm, ein archaischer Kämpfer mit Schwert und Löwenmut, der sich in einem Gebirge einem unheimlichen Dämon stellen muss, der dort in einer Höhle angekettet ist. Reminiszenzen an „Herr der Ringe“ stellen sich bei diesen Szenen ein, die dank eines suggestiven Sound Designs eine adäquat unheimliche Stimmung erzeugen und die man so in einem deutsch-österreichischen Gegenwartsfilm nicht vermutet hätte.

Der 25-jährige Adrian Goiginger, Regiestudent an der Filmakademie Baden-Württemberg, setzt dieses Verfremdungsmittel ein, um in seinem autobiographischen Drama „Die beste aller Welten“ (Perspektive Deutsches Kino) das wahre Schlachtfeld im Leben seiner jungen Hauptfigur zu verdeutlichen. Der reale Dämon, dem sich Adrian stellen muss, ist die Drogensucht seiner Mutter. In einer Salzburger Wohnsiedlung wächst der vaterlose Junge inmitten eines Kreises von Junkies auf, die ihn als Gruppe quasi adoptiert haben, ihn im Rauschzustand aber auch immer wieder gefährden. Schonungslos zeichnet Goiginger den Teufelskreis aus Abhängigkeit und gefährlichen Situationen für den Jungen nach, die Abende im drogenverrauchten Zimmer, die Versteckspiele gegenüber einem leicht zu überzeugenden Jugendamtsmitarbeiter, die schuldbewussten Momente der Mutter, die am Ende doch immer wieder dem Drogenkonsum verfällt.

Eine unnachgiebige Härte liegt über diesem intensiven Regiedebüt, in dem Sucht und Gewalt dem jungen Protagonisten als ganz normales Leben erscheinen. Die Nonkonformität seiner erwachsenen Freunde verschafft ihm auch tatsächlich abenteuerliche Augenblicke – ein Waldausflug mit Lagerfeuer zum Geburtstag, Knallkörper als Geschenk –, die den Siebenjährigen darüber hinwegtrösten können, dass dieselben Burschen ihm bei anderer Gelegenheit Wodka einflößen wollen oder apathisch in der Wohnung herumliegen. Dass der Film trotz alldem nicht in die Unerträglichkeit abstürzt, verdankt er seinem Hauptdarstellerpaar Jeremy Miliker und Verena Altenberger. Ihrem Zusammenspiel als Mutter und Sohn folgt der Film mit zum Teil schmerzhaft hautnahen Close-Ups, die diese widersprüchliche und doch eindeutig liebevolle Beziehung einfangen. „Die beste aller Welten“ ist ein großer filmischer Wurf, der für Adrian Goigingers Zukunft viel erhoffen lässt.

Angesichts der emotionalen Wucht dieses Werks nehmen sich andere deutschsprachige „Berlinale“-Filme im Vergleich fast harmlos aus, obwohl auch ihre Plots starker Tobak sind. So stellte der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader im Wettbewerb sein Regiedebüt „Wilde Maus“ vor, das vor allem durch sein glänzendes Porträt eines vollendeten Verlierers überzeugte. Unterstützt von hervorragenden Schauspielkollegen (Pia Hierzegger, Jörg Hartmann, Georg Friedrich) buchstabiert Hader den Abstieg eines berühmten Wiener Musikkritikers durch, dessen Stelle wegrationalisiert wird und der auf einmal ohne Perspektive im Leben dasteht. Zusätzlich gebeutelt durch eine Ehefrau mit spätem, vehement vorgebrachten Kinderwunsch und das Desinteresse der Welt an seiner Arbeit, versteift sich der geschasste Kritiker auf eine zunehmend drastischere Abrechnung mit dem verantwortlichen Redakteur, ohne dadurch zur ersehnten Katharsis zu gelangen. Dabei enthält der Film etliche geniale humoristische Momente, und überzeugt dank sensiblen Spiels auch in der Charakterzeichnung, doch bleibt er alles in allem überraschend zahm. Was auch ein bissiger Kommentar zur heutigen Gesellschaft hätte werden können, verbleibt letztlich im Rahmen einer solide inszenierten, äußerst unterhaltsamen Komödie – was grundsätzlich kein Makel ist, aber „Wilde Maus“ im Rennen um den „Goldenen Bären“ nicht unbedingt zum Favoriten macht.

 

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