Berlinale Tag 2: Kurvenreiches im Wettbewerb

Marius Nobach | 07.02.2015

Nicole Kidman reitet in „Queen of the Desert“ für Werner Herzog durch die Wüste, Charlotte Rampling zweifelt in „45 Years“ an ihrem Ehemann. Der Wettbewerb macht Ernst mit seinem Versprechen starker Frauen – und nimmt mit Jafar Panahi und „Taxi“ richtig Fahrt auf.

Die Vorliebe von „Berlinale“-Direktor Dieter Kosslick für Filme mit politischen Aussagen mag dem Wettbewerb des Festivals nicht immer gutgetan haben – am zweiten Tag der „Berlinale“-Ausgabe 2015 hat sie für einen frühen Höhepunkt gesorgt. Der iranische Regisseur Jafar Panahi durfte zwar erneut nicht aus seiner Heimat ausreisen, zudem ist er noch immer mit einer 6-jährigen Haftstrafe, die bislang nur noch nicht in Kraft trat, und einem 20-jährigen Berufsverbot belegt. Doch all das hat ihn letztlich nicht bremsen können, einen weiteren Film zu drehen, in dem er auf kritische und verblüffend komische Weise sowohl die eigene prekäre Situation als auch die seines Landes reflektiert. Dabei ist das Konzept ähnlich einfach wie in seinen letzten Werken „Pardé“ und „This Is Not a Film“: Handlungsort des gesamten Films ist diesmal ein Taxi, das durch die belebten Straßen von Teheran kurvt, mit Panahi selbst hinterm Steuer.

Die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen Dokumentarischem und Fiktion nimmt Panahi anfangs wieder auf, im Laufe der Fahrten wird die Inszenierung jedoch immer deutlicher. „Das waren doch Schauspieler?“, fragt der erste Fahrgast, der den Regisseur erkennt, und meint damit zwei Mitfahrer, die gerade ausgestiegen sind: Ein lautstark die Hinrichtung zweier Diebe verteidigender Mann und eine Lehrerin, die dagegenhält, dass sich durch drakonische Strafen nichts zum Besseren ändere. Panahi agiert bei diesen Erlebnissen in seinem Taxi zurückhaltend und lässt zwar mitunter Verbitterung spüren, verzichtet aber auf anklagende Worte. Das Widersinnige seiner Lage wird von anderen Figuren formuliert, etwa von seiner rund zehnjährigen Nichte. Anders als er, dessen Filme „nicht zeigbar“ sind, will sie für die Schule einen gesellschaftskonformen Kurzfilm drehen. Was das heißt, entnimmt sie einem strengen Regelkatalog, als wichtigster Passus sticht dabei das Verbot der „Schwarzmalerei“ hervor.

Wie hier spiegelt Panahi oft in den anderen Taxiinsassen seine eigene Situation – seine Antwort darauf ist aber keinesfalls Resignation: Der Regisseur bleibt seinen Prinzipien treu und lässt sich vom politischen Aspekt seiner Arbeit nicht die Lust am entspannten Erzählen nehmen. So enthält „Taxi“ auch wunderbar groteske Momente mit seltsamen Fahrgästen, allen voran zwei alten Frauen mit einem Goldfischglas, die um jeden Preis eine bestimmte Quelle erreichen und die Fische austauschen wollen, weil sie glauben, sonst sterben zu müssen. Absurd? Natürlich, doch im Kontext der iranischen Gesellschaft nicht die absurdeste Vorstellung.

Ein gewisses Maß an Absurdität hat auch Werner Herzogs „Queen of the Desert“ in petto, mit dem der Wettbewerb die im Eröffnungsfilm angestoßene Präsenz starker Frauen fortführte. In einer Szene wird die Forscherin und Schriftstellerin Gertrude Bell, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Mittleren Osten bereist, von einem bübischen Scheich als Haremsfrau ausgewählt. Doch sie lehnt das Ansinnen ab, wendet sich um und marschiert durch die Menge hinaus, wobei die Tore sich vor ihr weit öffnen.

Diese Form überhöhter Wahrnehmung, mit der Nicole Kidman die historische Persönlichkeit spielt, durchzieht den Film: Mit kompromissloser Konsequenz, die bei der Pressevorführung kontroverse Reaktionen erzeugte, strebt Herzog bei seinem ersten Film mit einer weiblichen Hauptfigur Starkino (neben Kidman agieren James Franco und Robert Pattinson) mit epischen Ambitionen an. Musik und Kamera eifern dabei wenig erfolgreich David Leans „Lawrence von Arabien“ nach und in die Szenen mischen sich immer wieder Kitsch und unfreiwillige Komik ein – wer die behauptete Strahlkraft von Gertrude Bell nicht so akzeptiert, wie Herzog sie ihm vorsetzt, den schickt der Regisseur in die Wüste und lässt ihn dort am langen Arm verdursten.

Wie sich auf packende und anrührende Weise das Schicksal einer starken Frau mit einem realistischeren Szenario verbinden lässt, hat dagegen „45 Years“ des Briten Andrew Haigh vorgeführt. Es ist nicht nur ästhetisch eine Herbstgeschichte, inszeniert in ruhigen, klaren Bildern: Ein englisches Ehepaar (Tom Courtenay, Charlotte Rampling) wird kurz vor der Feier des 45. Hochzeitstags von der Nachricht aufgestört, dass die Leiche der vor 50 Jahren tödlich verunglückten Freundin des Mannes gefunden wurde. Während dieser, ein eher misanthropischer Eigenbrötler, unverhohlen seiner einstigen Liebe nachtrauert, wirft die Frau die gemeinsam verbrachte Zeit in die Waagschale, verliert aber zunehmend den Glauben an eine Fortführung ihres Ehelebens. Charlotte Rampling gelingt es dabei, in ihrem Gesicht Spuren der Enttäuschung zu entwickeln, die beredter sind als die gleichwohl vielschichtigen Dialoge des Films – es wirkt, als altere sie vor der Kamera. Eine schauspielerische Glanzleistung, mit der die Britin zu einer frühen Anwärterin auf den Darstellerinnen-Preis wird.

 

Zurück zur Übersicht