Cannes 2014: Yin und Yang

Josef Lederle | 15.05.2014

Mike Leigh findet einen erstaunlichen Weg, um in "Mr. Turner" mit Timothy Spall den englischen Maler William Turner zu porträtieren; Abderrahmane Sissako erzählt in "Timbuktu" vom Terror islamistischer Dschihadisten im Norden Malis.

Da muss man erst mal drauf kommen, dass sich Mike Leighs betörendes Künstlerporträt „Mr. Turner“ um Yin und Yang dreht, um konträre Kräfte also, die zusammen eine Einheit bilden. So jedenfalls kürzte der englische Regisseurs bei der Pressekonferenz seine Antwort auf alle Fragen ab, die auf den Kern seines ungewöhnlichen Porträts des berühmten englischen Malers zielten. „Glücklicherweise hab ich noch die Hippie-Zeit miterlebt; damals hätten wir das so ausgedrückt“.

Mit den 68ern kann man Turner allerdings höchstens in seiner nachlässigen Erscheinungsweise vergleichen. Seine manische Unangepasstheit, die ihn noch auf seinem Totenbett zu Stift und Skizzenbuch greifen ließ, um einen flüchtigen Moment für ein späteres Bild festzuhalten, hatte andere, schwerer auslotbare Gründe. Leigh hütet sich glücklicherweise davor, Turners enorme Schaffenswut „erklären“ zu wollen. Statt dessen sieht man den von Timothy Spall grandios verkörperten Maler von der ersten Einstellung an wie besessenen skizzieren oder unablässig Leinwände bearbeiten; bei seinem Tod hinterließ er der Nationalgalerie 20.000 Werke, von denen viele heute zu den teuersten Gemälden überhaupt zählen.

Ähnlich unermüdlich trägt der mit 149 Minuten zwar lange, aber in sich absolut stimmige Film eine Unzahl an äußert lose verbundenen Momenten und Episoden aus Turners letzten 25 Lebensjahren zusammen, die eine Art Mosaik seines Lebens, aber auch der Zeitumstände und ihrer Herausforderungen geben. Man erfährt von seiner einfacher Herkunft, der geisteskranken Mutter, seiner innigen Liebe zu seinem Vater und wie er nach dessen Tod in einer Witwe doch noch eine Gefährtin findet; man sieht ihn auf seinen Reise durch England, auf der Suche nach Motiven und Stimmungen, die er zumeist in Häfen und am Meer findet; erlebt Rivalitäten, Animositäten und seltsame Freundschaften mit anderen Malern der Royal Society und registriert eher nebenbei, wie das liberale Zeitalter unter King Georg unter dessen Nachfolgerin Viktoria spürbar steifer und oberflächlicher wird.

Markant verdichtet wird dies in einem Kommentar der neuen Regentin, die bei der Jahresausstellung ein fast abstrakt in Atmosphären aufgelöstes Turner-Bild als gelbes Geschmiere abtut, während figürliche, tendenziell fotografische Darstellungen ihre Zustimmung finden. Für die spirituell aufgeladenen, melancholisch verklärten Szenerien von Turner (von der digitalen Kamera immer wieder atemberaubend nachempfunden) geht in der anbrechenden Industrialisierung allmählich der Sinn verloren.

Von ganz anderen –und von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkten – Umbrüchen handelt „Timbuktu“ von Abderrahmane Sissako, der vom Terrorregime islamistischer Dschihadisten im Norden von Mali erzählt. Seitdem fremde Gotteskrieger mit ihren Maschinenpistolen in der Stadt auf die Einhaltung des wahren Glaubens achten, ist das öffentliche Leben erstorben. Musik ist verboten, Rauchen und Fußballspielen ebenso, wer bei Unerlaubtem erwischt wird, kommt vor ein Tribunal, das für Lappalien 40 Peitschenhiebe, für „schlimmere“ Vergehen aber auch schnell die Steinigung verhängt.

„Timbuktu“ ist kein Drama, auch wenn es zu einem tödlichen Streit zwischen einem Nomaden aus der Wüste und einem Fischer kommt, für den dann auch gleich noch eine Kapitalstrafe verhängt wird. Der Film spielt vielmehr mit exemplarischen Szenen voller ironischer Brechungen wie auf einer Bühne die Zerstörung einer nahezu paradiesischen Ordnung durch fanatische Ideologen durch, die ihre Deutung der heiligen Texte im Streitfall mit der Waffe in der Hand zur Durchsetzung verhelfen. Der Witz und die Spannkraft solcher einfachen Zuspitzungen liegt im eklatanten Widerspruch, am schönsten und genialsten in einer wunderbar durchchoreografierten Szene umgesetzt, in der eine Mannschaft pantomimisch Fußball spielt, um den keine Islamisten keine Angriffsfläche zu bieten. Voller Ironie sind auch viele der umständlich in diverse Sprachen übersetzten Gespräche zwischen Einheimischen und den arabisch, englisch oder französisch sprechenden Soldaten, die mit Tamasheq, Sonrhay oder Bambara so wenig wie mit den Gebräuchen der Menschen am Rande der Wüste anfangen können.

 

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