Cannes 2014: Armer Hicks

Josef Lederle | 18.05.2014

In der Fortsetzung "How to Train Your Dragon 2" opfert Dean DeBlois die sensible Geschichte von Hicks und Ohnezahn einer testosterongesteuerten Überwältigungsdramaturgie.

Zu den „guilty plesaures“ von Cannes zählt für viele die Premiere eines hochbudgetierten US-Animationsfilms, der sich von „Shrek“ über „Up“ bis „Madagskar 3“ bislang häufig als lohnenswerte Entdeckung erwies. Das aktuelle DreamWorks-Sequel „How to Train Your Dragon 2“ von Dean Deblois aber entpuppte sich in diesem Jahr als krasser Ausreißer: die Fortsetzung der bezaubernden Geschichte, wie der Krieg der Wikinger gegen die Drachen zu einem Ende kam, ist ein lauter Turbo-Kracher, martialisch-pompös und emotional völlig unterentwickelt, der alle Vorzüge des ersten Teils zugunsten einer testosterongesteuerten Überwältigungsdramaturgie über Bord wirft.

Alles Positive, was sich über diesen zweiten Teil der inzwischen zur Trilogie mutierten Geschichte eines schmächtigen Wikingerjungen zu seinem „Nachtschatten“-Drachen sagen lässt, erschöpft sich in der Bewunderung der Animation (in 3D), die schlichtweg spektakulär-umwerfend und fantastisch ist. Das Herz des Films aber fühlt sich so kalt wie das Eis ab, das ein „Alpha“ genannter neuer Monsterdrachen aus seinem abgründigen Rachen spuckt und damit alles Leben vernichtet.

Genauer gesagt, ist es das kalte Herz einer auf Hochtouren getrimmten Story, die alle Unarten eines Sequels vereint, das nach dem unerwarteten Erfolg von „How to Train Your Dragon“ (der weltweit rund ein halbe Milliarde Dollar eingespielt hat) jetzt den „Money, Money“-Autopiloten eingeschaltet hat. Dieser Film zielt auf maximale weltweite Verwertbarkeit, und zwar als Family-Entertainment von zehn bis 110 Jahren.

Hält man sich die sensiblen Charakterzeichnungen des Originals vor Augen, die umsichtige Schilderung von Hicks' emotionaler Entwicklung durch die außergewöhnliche Freundschaft mit „Ohnezahn“ oder die Einbindung spektakulärer Flug- und Kampfsequenzen ins Ganze einer fein austarierten Geschichte, packt einen heiliger Zorn angesichts der aufgemotzten, so hirn- wie herzlosen Dramaturgie des Nachfolgers.

Fünf Jahr sind, so die Story, seither auf Berk ins Land gegangen, was nicht nur an Hicks' heranwachsenden Freunden Astrid, Rotzbacke, Fischbacke, Raffnut und Taffnut deutliche Spuren hinterlassen hat. Auch aus dem schmächtigen Jüngelchen ist jetzt ein verwegen dreinblickender Youngster mit Bartstoppeln herangewachsen, der körperlich zwar immer noch nicht mit Rotzbacke konkurrieren kann, dafür aber seinen hypermodern aufgetunten Drachen wie Luke Skywalker fliegen kann. Sein von ihm selbst konstruierter Fluganzug würde James Bond sicher Freunde machen, nicht nur wegen der technischen Gimmicks, sondern auch optisch. Diesem Zug zum Paint-Air-Design erliegen auch alle anderen Figuren plus Berk und die neuen Welten; streckenweise sieht das dann den Merchandise-Artikeln, mit denen die Saga ihre Nachleben bestreiten soll, zum Verwechseln ähnlich.

So geht es auch der Handlung, die sogleich mit einem Highspeed-Drachenrennen startet, das von fern an ein Quidditch-Spiel erinnert. Hicks testet derweil mit Ohnezahn im Tiefflug übers Meer die Schallgrenze, kommt einer mysteriösen Drachenreiterin auf die Spur (die sich als seine Mutter entpuppt) und widersetzt sich dem Herrschaftsanspruch von Drago Bloodfist, der mit seinem Alpha-Monster auf die totale Unterwerfung aller Menschen und Drachen aus ist.

Dabei wird kurzerhand von „Avatar“ bis „Herr der Ringe“ die jüngere Fantasy-Geschichte geplündert und alles Spektakuläre in die Handlung eingebaut, dessen man habhaft wurde – was auf Kosten der emotionalen Beglaubigung geht. Ein Moment wie der, wenn Hicks auf seine Mutter trifft, verpufft in einer erklärenden Rückblende und ein paar wohlfeilen Begründungen des Status Quo; für die innere Erschütterung von Mutter und Sohn ist hingegen keine Zeit, weil die Handlung zur nächsten Wendung vorwärts stürzt, untergründig stets auf die finale Schlacht gegen Drago & sein Monster ausgerichtet.

Unverständlich ist auch, warum die in bislang zwei Staffeln der gleichnamigen TV-Serie vorsichtig weiterentwickelten Charaktere nicht als Basis einer Fortsetzung herangezogen wurden. Der erzählerische Reichtum der Berk-Welt, die narrative Sensibilität im Umgang mit den altergemäßen Konflikten der heranwachsenden Figuren, die dezenten Weitungen der Story: All dies wurde zugunsten purer Überwältigung für ein deutlich älteres Publikum verworfen.

Wohlfeile Dialoge, die den emotionalen Kern der Handlungen wie Summaries bilanzieren, sind quasi das i-Tüpfelchen einer Inszenierung, die für die Konflikte des pubertierenden primären Zielpublikums in altbekannter Manier nur den Kampf Mann gegen Mann (hier: Hicks/Ohnezahn gegen Drago/Alpha) kennt. Etwas mehr Verständnis hätte der tapfere Hicks auch in einem Franchise-Unterfangen verdient!

 

Zurück zur Übersicht