Cannes 2014: Ein Wunder

Josef Lederle | 18.05.2014

"Le Meraviglie" von Alice Rohrwacher über einen Sommer auf einem Aussteigerhof am Lago di Bolsena ist ein Film, der glücklich macht.

Gute Filme begeistern, verzaubern, fordern heraus, lassen einen im besten Fall tagelang nicht mehr los. Auf solche Werke wartet man bei einem Festival wie in Cannes. Manchmal aber passiert es, dass ein Film etwas tief in einem anrührt, dass etwas zu schwingen anfängt und eine Wärme und Gelassenheit ausstrahlt, die die Welt für Augenblicke geradezu aufhebt.

Argumentativ kommt man hier schnell an Grenzen, weil man davon zwar erzählen, es aber nur schwer begründen kann. „Le Meraviglie“ („The Wonders“) von Alice Rohrwacher ist ein solcher Film, der in die Kategorie „Man ist mit sich im Kino“ fällt: ein traumhaft gleitendes Werk über einen Sommer in der italienischen Provinz, über eine Aussteiger-Familie, die in der ländlichen Abgeschiedenheit vom Honig ihrer Bienen zehrt und mehr schlecht als recht über die Runden kommt.

Im Mittelpunkt steht die 12-jährige Gelsomina, ein stilles, halb erwachsenes Kind, das sich von früh bis spät um seine drei kleineren Geschwister kümmern muss, sich mehr als der Vater auf die Bienen versteht und auch in vielen anderen Belangen der Lastesel der Familie ist.

Ihr deutschsprachiger Vater ist irgendwann aus politischen Gründen nach Italien geflüchtet, als von den revolutionären Ideen kaum noch was übrig war; am Lago di Bolsena, nordwestlich von Viterbo, hat er eine Frau und in einem baufälligen Anwesen einen Ort gefunden, an dem er seinen Traum von einem anderen Leben verwirklichen konnte – auch wenn die Härte in seinen Zügen und sein autoritärer Ton von keiner besonders befreiten Existenz zeugen.

Mit seiner ältesten Tochter verbindet ihn eine tiefe, aber unreflektierte Beziehung; erste Anzeichen dafür, dass sich „Gelso“ allmählich aus der häuslichen Einbindung löst und ihr Leben in größeren Kontexten zu denken beginnt, ignoriert er mit störrischer Dickköpfigkeit; das Kamel, das sie sich als Kind gewünscht hat und das er ihr immer noch schenken will, ist der metaphorisch-konkrete Ausdruck seiner Weigerung, den Gang der Dinge zu akzeptieren.

Das Wunder von „Le Meraviglie“ besteht nun darin, dass die Inszenierung sich mit traumwandlerischer Leichtigkeit (und einer sanft bewegten Handkamera) auf die alltäglichen Handgriffe und Abläufe im familiären Dasein einlässt und wie nebenbei von den Ereignissen erzählt, die in ihrer Häufung schließlich doch auf eine Änderung drängen. Ein straffälliger Junge aus Deutschland kommt auf den Hof, zur Resozialisierung, die gut bezahlt wird, ein Privatsender segelt auf der Etrusker-Welle, der Bürgermeister setzt auf Tourismus, die Behörden drängen auf hygienisch moderne Imkermethoden.

Fast nichts oder zumindest nichts Wesentliches wirkt in diesem sommerlichen Fresko gezwungen oder inszeniert, die schwärmenden Bienenvölker, die immer wieder eingefangen werden müssen, so wenig wie die blonde Fee (Monica Bellucci) eines Privatsenders, die als Verkörperung einer etruskischen Göttin für eine Reality-Soap mit Familien rund um den See die Werbetrommel rührt. Dafür gibt es eine Fülle „poetischer“ Momente, vom Trinken der Sonnenstrahlen bis zum Baden im See, die über die narrative Notwendigkeit hinaus ein Gefühl von Fülle und Gegenwärtigkeit entfalten, das weit über die Geschichte hinaus wirkt.

Wohl ragen in „Le Meraviglie“ ein paar dissonante Elemente aus dem harmonischen Fluss der Dinge heraus, etwa die von Margarete Tiesel oberlehrerhaft gespielte Sozialarbeiterin, die einen jugendlichen Straftäter zur Resozialisierung auf den Hof bringt, oder Ungenauigkeiten des Drehbuchs, doch das vermag dem Zauber dieser Geschichte nichts anzuhaben; die Magie des Sommers und der von der Kamera erzeugten Rhythmus sind weit stärker.

Vielleicht muss man „Le Meraviglie“ auch schlicht als eine Art Versprechen beschreiben: dass das Leben weitergeht, allen Widrigkeiten zum Trotz.

 

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