Cannes 2014: Gebt Xavier Dolan die Goldene Palme!

Josef Lederle | 22.05.2014

Endlich!, will man jubeln, ein erlösender Film, der das diesjährige Festival aus seiner gediegenen Atmosphäre reißt und am vorletzten Tag (nach Godards wilder Einstimmung mit „Adieu au Langage“) einen schrill-genialen Akkord anschlägt: „Mommy“ von Xavier Dolan, der die „Goldene Palme“ verdient hätte.

Der 25-jährige kanadische Wunderknabe Dolan ist mit einem atemlosen Film zurück an der Croisette, der in Bann schlägt, mitreißt und streckenweise geradezu in Verzückung stürzt, wie man es in diesen Tagen noch nicht erlebt hat. Das beginnt mit dem ungewöhnlichen 5:4-Format und dessen extrem kreativer Nutzung (inklusive einer zweimaligen Weitung ins Breitwand-Format), das einen einzigartigen Raum für die Protagonisten kreiiert, die in unzähligen Variationen „porträtiert“ werden, ohne das man dies je als Einengung oder Minimierung der Geschichte empfinden würde.

„Mommy“ schlägt eine Brücke zu Dolans Erstling „I Killed My Mother“ (2009), weil es wieder um eine Mutter-Sohn-Beziehung geht, wobei jetzt die titelgebende Mutter Die (Anne Dorval) im Zentrum steht, eine verwitwete Suburb-Schlampe, laut, ordinär, sexy, eine Seele von Frau, die ihren „schrecklichen“ Sohn (Antoine-Olivier Pilon) über alles liebt und sich auch von dessen extremen ADHS-Ausbrüchen nicht kleinkriegen lässt. Bis zum Tod seines Vaters vor drei Jahren sei Steve „nur“ ein hyperaktives Kind gewesen, genial und unerträglich, aber handhabbar. Jetzt muss sie den 15-Jährigen aus dem Erziehungsheim abholen, weil sie seine Gewaltausbrüche dort nicht mehr unter Kontrolle bekommen; gerade hat er die Cafeteria in Brand gesteckt, bei der vier Jungs teilweise schwere Verletzungen erlitten haben.

Kaum ist Steve in Dies neuem Zuhause angekommen, der Wohnung einer gerade verstorbenen alten Frau, fegt er wie ein Orkan durch ihre Welt, legt sich sogleich mit dem Anwalt aus der Nachbarschaft an, weil er jetzt der Herr im Hause ist und keine anderen Männer neben sich duldet. Nur die eingeschüchterte Nachbarin von gegenüber, Kyla (Suzanne Clément), die kaum reden kann, scheint einen Weg in seine exaltierten Welten zu finden; mit der auf unbestimmte Zeit beurlaubten Lehrerin lässt er sich sogar auf Unterricht ein, mit dem Ziel, sich nach der Graduierung in New York am Juilliard zu bewerben. Das klappt so gut, dass Steve irgendwann die seitlichen Begrenzungen des Bildrahmens einfach aufdrückt und die Leinwand sich zum Breitwand-Bild weitet....

Ungeachtet aller Gewalt und seiner deftig-ordinären Sprache ist „Mommy“ im Kern das Partei ergreifende Porträt dreier hochausdifferenzierter Charaktere, die auf den ersten Blick wie gesellschaftliche Drop-outs erscheinen mögen, hier aber in ihre ganzen Menschlichkeit vorgestellt und ernstgenommen werden. Überrascht entdeckt man in Dolans überschießender filmischer Kreativität (allein der Umgang mit der Musik im Film, die nahezu ausschließlich in der Handlung verortet ist, spricht Bände) einen humanistischen Kern, der im Zusammenspiel mit seinen drei herausragenden Darstellern den Film auf eine Ebene mit beispielsweise den Dardennes hebt.

Ein großartiger, innovativer Film; für mich der klare und bislang einzige Anwärter auf die „Goldene Palme“.

***

„Adieu au Langage“ von Jean-Luc Godard. Ein Wohltat! Endlich ein „junger“ Film von einem 84-jährigen Dinosaurier, experimentell, wagemutig, verrückt, ein Hasardeurstück. Als Inhaltsangabe ist man geneigt, die Synopsis wiederzugeben, die Godard handschriftlich ins Presseheft gedruckt hat:

„the idea is simple
a married woman and a single man meet
they love, they argue, fists fly
a dog strays between town and country
the seasons pass
the man and woman meet again
the dog finds itself between them
the other is in one
the one is in the other
and they are three
the former husband shatters everything
a second film begins
the same as the first
and yet not
from the human race we pass to metaphor
this ends in barking
and a baby’s cries

in the meantime, we will have seen
people talking of the demise of the dollar,
of truth in mathematics
and of the death of a robin."   



Voilà, der Plot, den man in diesem gewaltigen Bild- und Ideengewitter durchaus wiederfinden kann, wenngleich nur als äußerte Oberfläche eines multidimensionalen Gewirkes, das aus der innovativen Verwendung von 3D optisch und inhaltlich illustres Kapital schlägt. Prominentestes Beispiel ist ein raffinierter Effekt, bei dem Godard die Interaktion des neues Paares stereoskopisch so ineinander schneidet, dass man drei „Bewegtbilder“ erhält: mit dem linken Auge sieht man beispielsweise die Frau, mit dem rechten den Mann und in Kombination beider Augen eine ineinandergeschobene Melange, die man wechselweise in ihre Bestandteile „zerlegen“ kann, wenn man jeweils ein Auge zukneift.

Das ungefähr ist der radikale Geist dieses Films. Wer kein Godard-Exeget ist, tut gut daran, sich bereitwillig der experimentellen Flut an Reizen, Anspielungen, Zitaten und Verweisen zu überlassen, die wie Flöhe durch die Zeiten und ihre Geister springen und sich vielleicht – am ehesten – unter dem (natürlich zititerten) Wahlspruch von Claude Monet subsumieren lassen: Male nicht, was wir sehen, weil wir nichts sehen, sondern male, was wir nicht sehen. Ein Erlebnis – zur wiederholten Aneignung sehr empfohlen!


***

„Maidan“ von Sergei Losznitza. Ein „Dokument“ im wortwörtlichen Sinne, ein starker, materialreicher, äußerst differenzierter Film über die Vorgänge auf dem gleichnamigen Platz im Zentrum Kiews. Von Dezember 2013 bis zur Flucht von Janukowitsch am 20.2.2014 zeichnet Loszinta die Dynamik des Volksaufstandes nach, der als friedliche Massendemonstrationen gegen den Kurswechsel der ukrainischen Regierung begann. Mehr als eine halbe Millionen Menschen versammelten sich am 23. November auf dem Maidan, sangen die Nationalhymne und verlangten eine Fortführung der Westorientierung des Landes.

Mit eindringlich kadrierten, überraschenden Totalen, die (vom Stativ fotografiert) minutenlang den Menschen auf dem Platz zuschauen, entwirft der Film geradezu lauter Wimmel-Bilder, wie die Revolution organisiert wird, wie unübersehbar viele Menschen Brote schmieren, Essen und Material herbeischaffen, auf der Bühne ihre Ansichten kundtun, Weihnachtslieder intonieren oder sich mit Spottgesängen über die politischen Zustände lustig machen.

Nach und nach aber kippt der friedliche Protest in eine bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung um, der Platz verwandelt sich in eine Wagenburg, von den „Berkut“-Truppen immer mörderischer bedrängt. Die Menschen wehren sich, brechen Pflastersteine heraus, Molotow-Cocktails fliegen, dicke Rauchschwaden hängen über dem Maidan. Am Ende: ein eindringliches Requiem für die Toten. Doch selbst in größter Gefahr und mitten im Trubel behält Loszinta seine ästhetischen Prämissen bei: unkommentiert und unvoreingenommen zu zeigen, was passiert. Die Flucht Janukowitschs, mit der „Maidan“ endet, hat sein Happy Ending inzwischen allerdings eingebüßt.

***

„L’Homme qu’on aimait trop“ von André Techiné. Der überflüssigste Film des Wettbewerbs, ein unstrukturiertes, uninspiriertes Werk über die „Affaire Le Roux“ um ein Casino an der Cote d’Azur, das 1977 unter dubiosen Umständen den Besitzer wechselte und im Verschwinden einer jungen Frau gipfelte, für das der Anwalt Jean-Maurice Agnelet zu 20 Jahren Haft verurteilte wurde, obwohl die Leiche von Agnès Le Roux nie gefunden wurde. Catherine Deneuve als machtbewusste Chefin des Palais de la Méditerranée, die überraschend souveräne Adèle Haenel als ihre vitale Tochter und Guillaume Canet als Agnelet vermögen die inszenatorischen Fehlentscheidungen nicht auszugleichen.

Ähnlich quälend unerfreulich: „Gui Lai“ von Zhang Yimou. Eine Abrechnung mit der Kulturrevolution als vorhersehbares, auf altmodischen Studio-Look getrimmtes Melodram, in dem Gong Li ihren Mann nicht mehr wiederkennt, weil sie nach 20 langen Jahres des Wartens ihren Geist nicht mehr auf einen anderen Modus umschalten kann.

 

Zurück zur Übersicht