Cannes 2014: Koloraturen

Josef Lederle | 17.05.2014

Mozarts Königin der Nacht echot durch Atom Egoyans „The Captive“, Nuri Bilge Ceylan erfindet sich in „Winter Sleep“ auf ungewohnt dialoglastige Weise neu, der Argentinier Damian Szifron verblüfft mit der erfrischenden Kurzfilmkompilation „Relatos Salvajes“ und Bertrand Bonello wirft in „Saint Laurent“ einen berückend differenzierten Blick auf den französischen Modedesigner. Vor dem ersten Wochenende präsentiert sich das 67. Filmfestival in Cannes aufgeräumt bis ambitioniert: mit facettenreichen Filmen auf der Höhe der Zeit.

Um mit dem sperrigsten, 196 Minuten langen „Winter Sleep“ zu beginnen, einer türkischen Version von Bergmans „Szenen einer Ehe“: Wer den türkischen Melancholiker Ceylan bislang mit drückend-stillen, quälend stummen Sequenzen in Verbindung brachte, muss künftig zumindest einen Dialogfilm hinzudenken. „Winter Sleep“ besteht aus eine Reihe langer, konfliktreicher Dialoge, in der sich die Hauptfigur mit seiner Schwester, seiner Ehefrau und ein paar anderen Figuren beharkt, wobei es häufig um dessen selbstgerechte Haltung geht.

Handlungsort ist ein kleines Hotel in der bizarren Mond-Landschaft Kappadokiens, in die sich während der nasskalten Wintermonate kaum Touristen verirren. Geführt wird die Pension von Aydin, einem ehemaligen Schauspieler, der an einem Buch über das türkische Theater schreibt und sich in seiner wöchentlichen Kolumne für die Lokalzeitung sonnt. Während die Kälte unaufhaltsam in die bescheidenen Unterkünfte dringt, geraten die Protagonisten über Kleinigkeiten aneinander, die sich schnell zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen weiten. Im Streit mit der Großfamilie eines Hodschas aus der nahe Stadt geht es noch um Geld und gekränkte Ehre; die Scharmützeln mit der Schwester entzünden sich an eher theoretischen Fragen (etwa, ob man dem Bösen widerstehen soll), der Konflikt mit seiner wesentlichen jüngeren Frau wächst sich schnell zur fundamentalen Auseinandersetzung über Liebes- und Lebensvorstellungen aus.

Lose strukturiert werden die mit scheinbar unermüdlicher Energie betriebenen Wortwechsel durch symbolische Verdichtungen, etwa die grandios fotografierte Landschaft oder das Einfangen eines Wildpferdes, in denen die sich heillos verfranzenden Gespräche wohltuend unbestimmte Weitungen erfahren. Optisch verlagert sich „NBCs“ filmische Signatur, nuanciert ausgeleuchtete, tiefenscharfe Totalen, hier in nicht weniger raffinierte Innen-Einstellungen, die das Kammerspiel in eine rembrandthafte Charakterstudie verwandeln. Das Resultat ist gleichwohl ambivalent: ein „neuer“ Nuri Bilge Ceylan, der sich wortreich um eine konkrete Charakterisierung seiner Figuren bemüht, darüber aber viel von der filmischen Mystik seiner alten Unauslotbarkeit verliert.

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Bei „Relatos Salvajes“ (Wild Tales) stellen sich solche Fragen nicht. Damian Szifron verblüfft mit der Chuzpe des Newcomers, der sechs erfrischend kurzweilig inszenierte Filme um unerwartete Zwischenfälle bündelt und es damit prompt in den Wettbewerb geschafft hat. Für sich ist keine der einzelnen Episoden besonders spektakulär oder bedeutend; in der Summe kommt dabei allerdings eine erheiternde, mitunter sogar furiose Kompilation heraus, die aus Standardsituationen (zwei Männer bekriegen sich mit ihren Autos auf einer Landstraße; ein Sprengstoffexperte flippt angesichts bürokratischer Schikanen aus, ein Gärtner soll für einen reichen Sprössling die Schuld an einem Unfall übernehmen) ebenso Funken zu schlagen weiß wie aus einer missglückten Hochzeit, in der die Braut ein Verhältnis ihres gerade angetrauten Ehegatten aufdeckt – und daraus nicht nur symbolisches Kapital zu schlagen weiß.

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Nach Mike Leigh wartet auch Bertrand Bonello in „Saint Laurent“ mit einer Art Biografie auf, die sich wie „Mr. Turner“ nicht in einer chronologischen Lebensskizze erschöpft, sondern mit einer eigenwilligen, äußerst reichhaltigen Mischung ins Zentrum des französischen Haute-Couture-Designers vordringt: zum jungenhaften Schöpfertum eines ewigen Kindes, das durch das Geschick seines Managers Jean-Pierre Bergé zu einem der einflussreichsten Modeschöpfer aufstieg.

Der Film ist mit 150 Minuten ebenfalls ziemlich lang, nutzt seine Laufzeit aber zu einer enormen Fülle schlüssig aufbereiteten Materials, das zwischen den Jahren 1967 und 1976 Werden und Krise des Protagonisten, aber auch die Zeitumstände und die wirtschaftliche Hintergründe des florierenden Modeunternehmens anschaulich macht.

Wie in früheren Filmen verwendet Bonello viel Zeit und Energie auf eine detaillierte, fast „dokumentarische“ Inszenierung der materiellen Bedingungen: von den vielfältigen Abläufen in den Ateliers bis zum bienenstockhaften Treiben bei der Präsentation des jeweils neuesten Kollektion. Das macht den Film über die biografische Entfaltung des Auf und Ab im Leben des Designers reich und plastisch; so fokussiert die Inszenierung mit enormem Aufwand und großer Liebe auf die jeweilige Mode, die ausführlich gezeigt und dezent kontexutalisiert wird. Die Exzesse in Saint Laurents Leben, seine Abhängigkeit von Stuyvesant-Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen, seine homosexuellen Exzesse und die hochambivalente Beziehung zu seinem Mentor Bergé bleiben damit auf die Kreativität eines somnambulen Traumtänzers bezogen, der an seinen Katastrophen nicht zerbrach, sondern in einer Mischung aus Glück, günstigen Umständen und dem entschiedenen Handeln seiner Umwelt stets einen Ausweg fand – und sei es nach dem Tod seines Schoßhundes Moujik nur der, den verwaisten Platz mit einem fast identischen Hund neu zu besetzen.

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Bleibt noch über Atom Egoyans Psychothriller „The Captive“ zu berichten, der im ersten Drittel durchaus an die frühere Meisterschaft des kanadischen Regisseurs anzuschließen vermag. Es geht um ein junges Mädchen, das vor acht Jahren aus dem Auto ihres Vaters entführt wurde. Mit kunstvoll verschränkten Zeitebenen skizziert Egoyan drei „Paare“: die Eltern des Kindes, den Entführer und sein Opfer sowie eine Ermittlerin und ihren neuen Kollegen, wobei nicht nur Zeiten, sondern auch Erzählperspektiven ineinander geschnitten werden.

Doch die mit einigem Aufwand ausgeworfenen Fäden verbinden sich nicht zum magischen Netz; was in „Exotica“ oder „The Sweet Hereafter“ verstörend-unaufgelöst durch die Filme echote, findet hier lediglich als Thriller einen Widerhall; man rätselt mehr über die ausgeklügelte Internet-Technik des Entführers als dass man an den Gefühlen, Ängsten und Verletzung der Figuren Anteil nehmen würde. Am Ende ergibt sich der Film überdies den Konventionen des Genres und übertüncht damit endgültig das verstörende Thema – ganz im Gegensatz etwas zu „The Amazing Girl“ von Keren Yedaya, einem hässlich-ungeschminkten Film aus Israel, der in der Nebenreihe „Un certain regard" die Zerstörung eines Menschen durch sexuellen wie seelischen Missbrauch in alle Brutalität vor Augen führte.

 

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