Cannes 2014: Standing Ovations

Josef Lederle | 21.05.2014

Kein Film wurde bislang mit mehr Applaus aufgenommen als Wim Wenders' „The Salt of the Earth“. In der französischen Produktion porträtiert Wenders zusammen mit Juliano Ribeiro Salgado dessen berühmten Vater, den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado.

 

Schreiben mit Licht und Schatten, buchstabiert Wenders eingangs die Bedeutung des Wortes „Fotograf“ on- wie offline aus und erzählt von seiner ersten Begegnung mit Salgados Schaffen, als er in einer Galerie auf zwei Bilder aus dessen „Sahel“-Zyklus aufmerksam wurde, die seitdem über seinem Schreibtisch hängen: erschütternde Porträts halbverhungerter Menschen, die aus tiefen, eingefallenen Augenhöhlen den Betrachter nach dem Grund ihres fürchterlichen Schicksals zu fragen scheinen.

Mit großer Sensibilität, filmisch souverän und frisch, entfaltet Wenders' Annähern chronologisch das Leben des Fotografen als eine Art tiefempfundener Hommage. Der 1944 geborene Salgado studierte Ökonomie und träumte von einem Job bei der Weltbank, als er und seine Frau Lélia 1969 vor der brasilianischen Militärjunta nach Paris flohen, wo er seine Liebe zur Fotografie entdeckt.

Porträtaufnahmen und die Modefotografie langweilten ihn aber schnell; sein erstes großes eigenes Projekt war eine langausgedehnte Reise durch Südamerika auf der Suche nach den „Other Americans“; seither hat Salgado in mehr als 100 Ländern fotografiert, zumeist Menschen abseits der medialen Routinen, Arbeiter, Nomaden, Indios, Ureinwohner, Eskimos in Sibirien, aber zunehmend auch in dem von Hungerkatastrophen und Genoziden erschütterten Afrika.

Seine Bilder von den „humanitären“ Katastrophen in Äthiopien, Ruanda oder dem Kongo, aber auch aus Jugoslawien entzaubern die letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die aus europäischer Perspektive durch die Euphorien über das Ende des Ost-West-Gegensatzes geprägt sind, als abgrunddüsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte, in dem der Glaube an das Gute bis aufs Äußerste beschädigt wird. Wenders hilflose Formel vom Blick ins „Heart of the Darkness“ ist nicht zu kurz gegriffen. Anfang des neuen Jahrtausends wechselte Salgado dann auch das Thema: er, der linke Sozialreporter, wandte sich der Flora und Fauna zu (sein „Genesis“-Bildband ist beim Taschen Verlag erschienen), entdeckte die Vielfalt und Ursprünglichkeit vieler naturbelassener, vom Menschen nicht kolonisierter Regionen – und begann überdies mit seiner Frau, das verkarstete Tal seiner Herkunft in Brasilien wieder aufzuforsten. Wo Mitte der 1990er-Jahre kaum noch ein Strauch stand, wuchert heute ein aus 2,5 Millionen neu gepflanzten Bäumen erwachsender Regenwald, ein Paradies als gelungenes Experiment einer Renaturierung und Versöhnung des Menschen mit seiner Umwelt.

Man sieht viel von Salgados Bildern, die er selbst kommentiert; Wenders und sein Co-Regisseur Juliano Ribeiro Salgado tragen ergänzende Informationen bei; von Salgado junor stammen vornehmlich Filmaufnahmen von aktuellen Expeditionen; die ästhetische Signatur des gesamten Films aber trägt unverkennbar Wenders' Handschrift. Bisweilen schlägt das emotionale Pendel von „The Salt of the Earth“ vielleicht zu weit aus, in beide Richtungen, doch die Ergriffenheit, die von diesem Film ausgeht, hat ihren Grund: in den Bildern Salgados und dem, wovon sie Zeugnis geben. Diesem Film wünscht man so viele Zuschauer wie eben möglich!

 

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