Das Netz der Kirchen

Josef Lederle | 14.02.2017

Beim Ökumenischen Empfang der christlichen Kirchen während der „Berlinale“ brach der katholische Medienbischof Gebhard Fürst eine Lanze für die Filmkritik. Sein evangelischer Kollege Johann Hinrich Claussen warb für ein „Kino der humanistischen Aufhellung“. Und der iranische Festivalkoordinator Amir Esfandiari dachte darüber nach, warum ein Prophet, den Gott heute auf die Erde schicken würde, höchstwahrscheinlich als Filmemacher unterwegs wäre.

Spötter behaupten ja zuweilen, dass Partys und Empfänge bei der „Berlinale“ wichtiger wären als die Filme. Das mag von außen manchmal so erscheinen, wenn man das aufgeregte Treiben in den einschlägigen Locations rund um den Potsdamer Platz bestaunt. Der eigentliche Grund für die unzähligen Feiern liegt allerdings weniger im Unterhaltungs- als im gesteigerten Kommunikationsbedürfnis der Festivalbesucher. „Im Kino sind die Zuschauer keine Rezipienten, sondern Co-Produzenten“, brachte es der katholische Medienbischof Gebhard Fürst auf den Punkt, der beim Empfang der Kirchen davon sprach, dass das Filmerleben von sich aus dazu tendiere, mit anderen geteilt, vertieft und gedeutet zu werden.

In seiner Begrüßung wollte es der Bischof nicht bei der obligatorischen Reverenz an den Dialog zwischen Kirche und Kultur belassen. Seine Anmerkung, dass „Filme keine Botschaften haben, die sich auf Tweet-Format reduzieren“ ließen, streifte eingangs prägnant die aktuelle Zeitgeschichte, um dann grundsätzlich zu werden. Angesichts der gravierenden Änderungen im Medienbereich trete der Wert von geprüftem, verantwortetem Wissen, wie es seriöser Journalismus seit jeher verbürgt, gerade wieder deutlicher hervor.

Auch der Filmkritik komme in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle zu, weil sie das Publikum voller Enthusiasmus dazu animiere, sich auf die stilistischen Eigenarten, aber auch auf die vielen inhaltlichen Dimensionen eines Werkes einzulassen. Filme handeln von Fiction, nicht von Fakten, so Fürst, sie eröffnen Zugänge zu vielen Welten und führen die Fülle des Lebens in einer Weise vor Augen, die den alltäglichen Erfahrungshorizont der Zuschauer übersteigt. Da man es aber immer mit Interpretationen von Wirklichkeit, nie mit der Wirklichkeit selbst zu tun habe, obliege es der Filmkritik, nach vermittelnden Werten zu fragen, einzuordnen und mögliche Deutungen anzubieten.

Fürst ging dabei auch auf die Turbulenzen um die Zeitschrift FILMDIENST ein, die aus Sparzwängen nicht weitergeführt, als digitale Plattform aber erhalten werden solle. „Wir arbeiten an einer guten Lösung. Die Weichen sind gestellt, jetzt muss der Zug nur noch darüberfahren“.

Der Kulturbeauftragte der EKD, Johann Hinrich Claussen, ordnete das Kino als einen wichtigen Akteur im gesellschaftlichen Ringen um die Zukunft der offenen Gesellschaft ein. Wie kann es gelingen, so Claussen, die Feinde einer globalen Gesellschaft und ihrer Kultur nicht nur anzusprechen, sondern möglichst auch dafür zu gewinnen? Mit Rückgriff auf einen Ausdruck des Filmkritikers Georg Seeßlen, der von einem „Kino der humanistischen Aufhellung“ spricht, mahnte Claussen eine selbstkritische Haltung an, um angesichts des „globalen Ausnahmezustandes, auf den wir zusteuern“, nicht über Bord gespült zu werden.

Auf dem Empfang in der Katholischen Akademie Berlin sprach auch Amir Esfandiari vom Teheran Film Festival, der über die positiven Erfahrungen mit interreligiösen Jurys berichtete. Muslime, Christen und Juden vergeben in Teheran seit zehn Jahren einen gemeinsamen Preis. Ein Modell, das von anderen Festivals zunehmend aufgegriffen wird und modellhaft vor Augen führt, wie man mit ganz unterschiedlichen Denk- und Empfindungsweisen dennoch in ein fruchtbares Gespräch findet.

 

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