Jugend forsch

Marius Nobach | 01.07.2017

Filmfest München: Ein wichtiges Motto des Festivals war dieses Jahr "Youth on the Move" - Geschichten über Jugendliche und junge Erwachsene, die sich an vorgegebenen Vorstellungen und Eingrenzungen reiben. Wobei sich zwischen Reinhard Hauffs Klassiker "Mathias Kneissl" und neuen Produktionen von "Jeunesse" bis "Lucky Loser" bemerkenswerte Formen des Widerstands ergeben.

Von bewegten Jugenden haben viele Filme in München dieses Jahr erzählt, und dem Festivalmotto „Youth on the Move“ alle Ehre gemacht. Der französische International-Independents-Beitrag „Jeunesse“ bildet mit seinem (auf Joseph Conrads Erzählung „Youth“ zurückgehenden) Titel das fast schon archetypisch ab. Wie Conrads Marlow kennt der junge Zico in dem Film von Julien Samani keine Furcht vor einem Leben auf dem Meer, das er mit romantischen Abenteuerideen auflädt. Auch seine eigene Position sieht er optimistisch und wird gleich nach dem ersten Deckschrubben beim Kapitän vorstellig: „Ich lerne schnell, ich könnte gut auch Leutnant sei.“ Auf einem Seelenverkäufer mit wenig motivierter Mannschaft das jüngste Mitglied, bleibt es allerdings erst mal bei niederen Aufgaben, und auch anderweitig erlebt Zico eine Desillusion: Sein einziger Freund stirbt bei einem Sturm und wird auf Befehl des Kapitäns über Bord geworfen, an eine Beerdigungszeremonie oder selbst eine Meldung an die Behörden ist nicht zu denken. Zum Ausgleich und mangels anderer Besatzungsmitglieder wird Zico tatsächlich Leutnant auf dem Schiff, doch eine Zukunft ist ihm hier nicht beschert. Eindrucksvoll fängt Samani die Seeszenen ein und hat in dem verträumt-tatkräftigen Kévin Azaïs einen kongenialen Hauptdarsteller gefunden. Mal von klassischen Cellosuiten, mal von elektronischer Musik untermalt erlebt man eindringlich, wie Zicos Blick sich wandelt, ohne dass sich die Sehnsucht nach anderen Welten ändern würde.

Ein ähnlicher Blickfang sind auch die Augen der jungen Israelin Lihi Kornowski in „The Burglar“ (International Independents) von Hagar Ben-Asher. Die 18-jährige Alex ist ein schweigsames Mädchen, das sich nach dem erklärungslosen Verschwinden ihrer Mutter mit einer Reihe von Jobs über Wasser halten muss. Zum Wendepunkt wird ein Einbruch in ihrer Wohnung, nach dem Alex ebenfalls beginnt, sich ins Zuhause anderer Menschen einzuschleichen, Geld und kleine Gegenstände zu entwenden, vor allem aber das dort spürbare Leben in sich aufzunehmen. Ben-Asher inszeniert die Initiation des Mädchens mit mutigen Ellipsen, Stimmungswechseln und surrealen Momenten, insbesondere in Szenen mit einem Leoparden, der zur Spiegelbild-Figur der einsam umherschleichenden Alex wird. Ein wenig überreizt wirkt nur ihre Hingabe an einen 25 Jahre älteren Deutschen (Ronald Zehrfeld), doch hält die Regisseurin dem mit ihrer vielseitigen Hauptdarstellerin, außerordentlichen Kameraaufnahmen und dunklem Humor entgegen.

Von einem solch schwarzhumorigen Ansatz lebt auch Charlotte Sielings Vater-Sohn-Drama „The Man“ (Spotlight), auch wenn ihr darüber gelegentlich der Plot zerfasert. Dem dänischen Maler-Star Simon drängt sich hier erstmals sein unbekannter Sohn Caspar auf, den der eitle, egozentrische Künstler als höchst ungeraten empfindet. Nicht nur, dass der introvertierte 28-Jährige keinerlei Ehrfurcht vor ihm zeigt, erweist er sich obendrein noch als Ärgernis, wo es Simon am meisten schmerzt: In seinem Metier. Caspar hat ohne Rückendeckung des berühmten Vaters ebenfalls eine Künstlerkarriere eingeschlagen und gilt unter Simons jungen Mitarbeitern bereits als „weltberühmt“, weil er gewaltige Graffiti an öffentlichen Orten platziert. Wie sich der selbstverliebte Meister und ihm an Rücksichtslosigkeit durchaus gewachsene Caspar aneinander reiben, hat viele amüsante Augenblicke, ohne dass dieser jugendliche Ausbruch sonderlich glaubwürdig erscheinen würde.

Was nicht grundsätzlich ein Problem sein muss, wie etwa der deutsche Regisseur Nico Sommer („Silvi“, „Familienfieber“) in seinem dritten Spielfilm „Lucky Loser – Ein Sommer in der Bredouille“ (Neues deutsches Kino) vorführt. Sommers Stärke für lebendige Dialoge und gut ausgewählte Darsteller bewährt sich auch in dieser Geschichte um einen ewigen Verlierertypen (Peter Trabner), der um seine heftig pubertierende Tochter und seine immer noch geliebte Exfrau kämpft. Ersteres will er bei einem gemeinsamen Campingausflug erreichen (womit er zugleich verschleiern möchte, dass er gerade seine Wohnung verloren hat), letzteres mit purem Optimismus. Nicht gerechnet hat er allerdings damit, dass seine Tochter eigene Vorstellungen von den Zielen des Ausflugs hat, wie ein ungestörtes Treffen mit ihrem (schwarzen) Freund, um in Liebesdingen voranzukommen. Vital und gut besetzt, unterhält „Lucky Loser“ mit einem herzlich-rabiaten Humor, wenn auch die unterschwellige Biederkeit bei der Familien-Wiedervereinigung auf Dauer penetrant wirkt.

Das Filmfest konnte einem aber auch treffende Beispiele dafür geben, wie sich ganz nebenbei und dennoch punktgenau von Familiendynamiken und Jugend im Widerstand gegen vorgedachte Grenzen erzählen lässt. Der 78-jährige Reinhard Hauff, der die ihm gewidmete Hommage charmant begleitete, war auch bei der Aufführung seines über Jahre nicht mehr gezeigten Beitrags zum „Neuen Heimatfilm“, „Mathias Kneissl“ (1970), anwesend. Seine Version der Lebensgeschichte des Räubers, der um 1900 in Bayern reiche Bürger ausnahm, dafür bei der armen Bevölkerung viele Sympathien gewann und 1902 mit 26 Jahren hingerichtet wurde, lässt Kneissls Weg zum Gesetzlosen in der feindseligen Haltung gegenüber seiner Familie, der Vater ein auch nicht gerade gesetzestreuer Müller, die Mutter italienische Einwanderin, wurzeln. Mathias wird so früh mit Ausgrenzung aller Art konfrontiert, legt sich wie der Rest seiner Familie mit den Autoritäten an, kommt ins Zuchthaus und verliert deshalb sofort wieder auch seine Stelle als Schreiner, als seine Vergangenheit bekannt wird. Fortan wandert er zu Fuß durch Bayern und hält sich schadlos an den Besitzhabenden und den Polizisten, die allein der Obrigkeit dienen. In dieser Haltung leicht auf die Stimmung in der BRD zur Entstehungszeit zu übertragen, hat „Mathias Kneissl“ dennoch etwas Zeitloses behalten: Ein fast mustergültiges Dokument einer Jugend, die sich nicht mit ihrem zugedachten bescheidenen Platz abfinden mag, und eine faszinierende Wiederentdeckung.

 

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