Nippon Connection 2017 – Die Besten

Jörg Gerle | 29.05.2017

Verstörende Psychothriller, Geisterterror, Samurai- & Yakuza-Ballette – und Godzilla. Die Japaner können Genre.

Nippon Connection 2017 – Die Besten
Death Note – Light Up the NEW World
Nippon Connection 2017 – Die Besten
I Am A Hero
Nippon Connection 2017 – Die Besten
In this Corner of the World
Nippon Connection 2017 – Die Besten
A Silent Voice

 

Wer braucht da noch Hollywood, könnte man meinen. Und in der Tat, das japanische Kino ist immer eine Spur konsequenter als das aus den USA; ohne dabei den Kontakt zum zahlenden Zuschauer zu verlieren. Die Filme von Shinsuke Sato beispielsweise, die in der Wettbewerbssektion der am 28. Mai zu Ende gegangenen 17. Frankfurter „Nippon Connection“ gleich zweifach vertreten waren, sind herausfordernd und eingängig zugleich – japanisches Blockbusterkino eben.

Man sollte indes tunlichst nicht zu häufig den Saal Richtung Popcornstand verlassen, damit man bei Satos viertem Beitrag zur Manga- und Realfilmreihe „Death Note“ nicht den Faden verliert. Obwohl furios, auf Hochglanz und Ultracool getrimmt, ist „Death Note – Light Up the NEW World“ alles andere als Popcornkino. Wenn es darum geht, die sechs im menschlichen Diesseits existierenden Notizbücher des Todes in einer Hand zu vereinen, um damit den maßlosen Besitzern ein weiteres Morden unmöglich zu machen, verlangt der Regisseur zunächst einmal vom Zuschauer, komplexe Handlungsstrukturen zu durchblicken. So sind Mangas und deren Verfilmungen eben… Wer sagt, dass Unterhaltung leicht sein soll? Sein zweites, noch überzeugenderes Werk liegt Lichtjahre von der Hightechwelt und den uralten „Death Note“-Todes-Büchern entfernt. „I Am A Hero“ ist trotz seines Titels und seines Themas, ein geerdeter Film, mit normalen Menschen, die sich mit normalen Problemen beschäftigen müssen. Erschwerend für den erfolglos arbeitenden Manga-Zeichner Hideo kommt allenfalls hinzu, dass über Japan eine Zombie-Plage hereinbricht. Zombies also. Schon wieder. Macht nichts, denn Sato gewinnt dem Sujet wieder eine höchst sympathische Seite ab. Ein wenig als würde Edgar Wrights „Shaun of the Dead“ auf Peter Jacksons „Braindead“ treffen und dabei doch im Herzen so ernsthaft daherkommen wie ein deutscher Problemfilm. So lässt man sich auch ein strapaziertes Subgenre wieder gefallen…

„I Am A Hero“ findet wie schon der ebenfalls auf der „Nippon Connection“ reüssierte „Shin Godzilla“ in ausgesuchten Kinos auch im Normalprogramm seine Fortsetzung. Ab Dienstag, dem 25. Juli. startet er in den „Anime Nights“ in den Multiplexen.

Zumindest auf DVD, vielleicht aber auch im Kino werden die beiden besten Filme des Festivals in Deutschland verbreitet werden. Nicht im Wettbewerb, sondern in der „Nebensektion“ „Nippon Animation“ sorgten „In this Corner of the World“ (Kono Sekai No Katasumi Ni“) von Sunao Katabuchi sowie „A Silent Voice“ („Eiga Koe No Katachi“) von Naoko Yamada für Aufsehen. Und zwar nicht, weil sie in spektakulärem 3D mit wahnsinnigen Effekten daher kämen, sondern weil sie sich Themen zueigen machen, die man nicht mit dem immer noch ins Kindersujet verorteten Gattung des Animationsfilms in Einklang bringen will: Leben im Schatten des Atombombenabwurfs von Hiroshima einerseits und Mobbing und Selbstmord in japanischen Schulen andererseits.

Wie sonst vielleicht allenfalls noch Isao Takahatas Meisterwerk „Die letzten Glühwürmchen“ von 1988 gelingt Katabuchi in „In this Corner of the World“ eine schonungslose Aufarbeitung der Kriegsjahre in einem von Hurrapatriotismus und bitterer Armut gezeichneten Landes anhand des Mädchens Suzu, das mit 18 Jahren an einen Offizier aus Kure nahe Hiroshima verheiratet wird. Liebevolle, reduziert gezeichnete Tableaus hauchen der grausamen Kriegszeit Leben ein, das den bösen Geist des nahen Untergangs verströmt.

Formal ebenso schlicht, wie effektiv und realistisch zeichnet „A Silent Voice“ den Grundschulalltag in Japan nach, der geprägt ist von latenter psychischer Gewalt, drohendem Gesichtsverlust und der Flucht in Selbstmordgedanken. Harter Tobak für einen über zweistündigen Animationsfilm über einen coolen Meinungsmacher, der mit seinen Mobbingattacken gegen ein gehörloses Mädchen zu weit geht und seinerseits zum gemiedenen Außenseiter wird. Ein brillanter Film, der sich auch perfekt als Diskussionsgrundlage für Workshops in Schulen eignet, beobachtet er doch genau die Mechanismen, wie soziale Gewalt an Schulen funktioniert. Erstaunlicherweise war „A Silent Voice“ der Film, dessen Vorstellungen am schnellsten ausverkauft waren. Erstaunlich, aber auch ermutigend, wenn Filme, mit einem solch vielschichtigen, aber auch spröden Thema, ein so großes Publikum finden. Mehr davon!

Die Preise:

Der Abschluss des Festivals war die Preisverleihung am letzten Festivaltag im Künstlerhaus Mousonturm.

Der Publikumspreis Nippon Cinema Award ging an die Regisseurin Miwa Nishikawa mit "The Long Excuse". Präzise beobachtet und mit bösem Witz, aber nie verurteilend, erzählt die Regisseurin und Drehbuchautorin von der Läuterung eines rücksichtslosen Egomanen. Der mit 2.000 Euro dotierte Preis wurde zum 13. Mal vergeben.

Mit dem Nippon Visions Audience Award wurde "Start Line" von Ayako Imamura  ausgezeichnet. In diesem dokumentarischen Roadmovie erkundet die seit ihrer Geburt gehörlose Filmemacherin nicht nur Land und Leute, sondern vor allem sich selbst. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert.

Der Gewinner des Nippon Visions Jury Award ging an Hirobumi Watanabe. In seinem Drama "Poolsideman" geht der Regisseur in langen, geradezu hypnotischen Einstellungen und ästhetischer Schwarzweiß-Fotografie der Psyche eines stoischen Einzelgängers auf den Grund.

 

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