Venezia 73: Die Preise

Felicitas Kleiner | 10.09.2016

Die 73. "Mostra" ist am Abend des 10.9. mit der feierlichen Preisverleihung zu Ende gegangen. Der "Goldene Löwe" geht an einen Beitrag des Phillippinen Lav Diaz. Auch die deutsche Schauspielerin Paula Beer konnte sich über eine Auszeichnung freuen.

Das Beste kam dieses Mal zum Schluss, so entschied die internationale Jury der 73. "Mostra" unter dem Vorsitz von Sam Mendes (bestehend aus Laurie Anderson, Gemma Arterton, Giancarlo De Cataldo, Nina Hoss, Chiara Mastroianni, Joshua Oppenheimer, Lorenzo Vigas und Zhao Wei): unter den 20 Beiträgen zum diesjährigen Wettbewerb kürten sie einen der beiden Filme zum Preisträger des "Goldenen Löwen", die am 9.9. Premiere hatten: Lav Diaz' "Ang Babaeng Humayo" ("The Woman Who Left").

Nachdem Diaz schon bei der Berlinale 2016 mit dem 482-Minuten-Epos "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" für Aufsehen gesorgt hatte, präsentierte er am Lido ein vergleichbar "schlankes" Werk von nur 226 Minuten: Ein Drama, das in den 1990er-Jahren angesiedelt ist, als eine Welle von erpresserischen Entführungen das Land in Aufruhr versetzte, und von einer charismatischen weiblichen Hauptfigur getragen wird: Horacia (Charo Santos) war einst Lehrerin, bevor sie für einen Mord, den sie nicht begangen hat, zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde. Der entrinnt sie erst nach 30 Jahren, als die wahre Täterin sich endlich schuldig bekennt. Schon die ersten Szenen, in denen Diaz sie einführt und in denen sie sich liebevoll darum bemüht, ihren Mitinsassinnen etwas von ihrem Wissen zu vermitteln, machen die innere Stärke dieser Protagonistin deutlich. Und die wird sie nach ihrer Entlassung auch brauchen, kehrt sie doch in eine Welt zurück, in der ihr wenig geblieben ist: ihr Mann ist tot, der Sohn verschwunden. Und da ist auch noch die offene Rechnung mit dem Mann, der einst aus Eifersucht bei ihrer Verurteilung die Strippen zog und der nach wie vor zu der korrupten Elite des Landes gehört, die mit Drogenhandel und krummen Geschäften in Saus und Braus lebt und sich gegen die ärmere Bevölkerung in festungsartigen Häusern verschanzt. Im Kern eine klassische Rache-Geschichte (lose basierend auf einer Tolstoi-Erzählung), gerät der von Diaz einmal mehr in Schwarz-Weiß gedrehte Film unter seiner Hand doch auch wieder zu einem Panorama der phillippinischen Gesellschaft; vor allem aber ist er eine schmerzhafte Auslotung der menschlichen Empathie-Fähigkeit in einer Welt, die für diese Tugend nur wenig Raum zu lassen scheint.

Dass auch Tom Ford zweite Regie-Arbeit "Nocturnal Animals" ausgezeichnet wurde - mit dem "Großen Preis der Jury" - ist erfreulich; der Film war eine der stilistisch aufregendsten Arbeiten des diejährigen Wettbewerbs. Auch "Frantz" von François Ozon hätte man eine Auszeichnung gegönnt - und immerhin hat Hauptdarstellerin Paula Beer sie mit dem "Marcello Mastroianni Award" als beste Nachwuchsdarstellerin bekommen. Man darf gespannt sein, in welchen internationalen Produktionen die junge Deutsche demnächst zu sehen sein wird; ihr Auftritt in "Frantz" sollte ihr jedenfalls den Weg zu einer großen Karriere geebnet haben.

Eine ziemlich unglückliche Entscheidung traf leider die katholische Jury, die den SIGNIS-Preis an den italienischen Film "Piuma" von Roan Johnson vergeben hat. Klar, der Film macht sich mit seiner Darstellung zweier Teenager, die sich selbstbewusst gegen den Druck ihrer Familie dafür entscheiden, die Schwangerschaft der jungen Frau nicht abzubrechen, sondern ihr gemeinsames Baby zu bekommen, für ein katholisches Anliegen stark; der Brachial-Humor, mit dem der als Familienkomödie entwickelte Film das tut, ist damit aber nicht zu entschuldigen: gut gemeint, aber alles andere als gut gemacht.

Hier der Überblick über die Preisträger:

"Goldener Löwe" für den besten Film:
ANG BABAENG HUMAYO (THE WOMAN WHO LEFT) von Lav Diaz
 
"Silberner Löwe" - Großer Preis der Jury:
NOCTURNAL ANIMALS von Tom Ford
 
"Silberner Löwe" - beste Regie:
Andrei Konchalovsky für PARADISE und Amat Escalante für  LA REGIÓN SALVAJE (THE UNTAMED)

"Coppa Volpi" für die beste Schauspielerin:
Emma Stone für LA LA LAND von Damien Chazelle
 
"Coppa Volpi" für den besten Schauspieler:
Oscar Martínez für EL CIUDADANO ILUSTRE von Mariano Cohn und Gastón Duprat
 
Drehbuch-Preis:
Noah Oppenheim für JACKIE von Pablo Larraín
 
Spezialpreis der Jury:
THE BAD BATCH von Ana Lily Amirpour
 
MARCELLO MASTROIANNI AWARD für die beste Nachwuchsdarstellerin:
Paula Beer für FRANTZ von François Ozon
 
FIPRESCI Preis für den besten Film im Wettbewerb:
"Une vie" von Stéphane Brizé

SIGNIS Award
für "Piuma" (Wettbewerb) von Roan Johnson

Interfilm Award
an "White Sun" ("Orizzonti") von Deepak Rauniyar

 

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