Ein "Kunstwestern" von John Bock in der Berlinischen Galerie

In "Hell's Bells" spielt der Künstler John Bock mit Elementen des Spätwestern und reichlich Filmzitaten, u.a. mit Bibiana Beglau als toughe Heldin und Lars Eidinger als schräger Schurke. Noch zu sehen bis 21.8.

Von Jens Hinrichsen

Schweigsame Rächerin tritt gegen omnipotenten Finsterling an, zwischen den Kontrahenten wechselt allerlei schräges Personal die Fronten. Und: Was ist widerlicher, eine Schussverletzung oder die verkochte Bohnenmahlzeit? „Hell’s Bells“ enthält die typischen Zutaten eines Spätwestern. Doch trotz Spielfilmlänge und vieler Kinozitate entstammt das Werk des deutschen Multimedia- und Performance-Künstlers John Bock unübersehbar dem Kunstbetrieb.

Der in einem Western-Vergnügungspark in der Uckermark gedrehte Film wurde von der Londoner Galerie Sadie Coles HQ produziert und dort Anfang März uraufgeführt.

Noch bis zum 21.8. ist „Hell’s Bells“ nun im großen „Kino“-Raum der Berlinischen Galerie zu betrachten. Das Dauerscreening flankiert die üppige Bock-Museumsschau „Im Moloch der Wesenspräsenz“. In den Parcours der Rauminstallationen, Performances und Zeichnungen des 1965 in Schleswig-Holstein geborenen Künstlers fügt sich der Film nahtlos ein. Auch in ihm tauchen jene für ihn typischen Vorrichtungen auf, halb Folterstuhl, halb Lustmaschine. Ohnehin ist Bocks Schurke in „Hell’s Bells“, Lars Eidinger, dem Marquis de Sade dicht auf den Fersen und darf ungehemmt seiner Lust an der One-Man-Show frönen. Mit vor das Gesicht gebundenem Ziegenschädel führt Eidinger einmal einen Nackttanz auf, während ihm weißer Brei aus dem Mund läuft.

Auf ihre Art ebenso brillant, aber als Figur stärker im Western-Genre verankert: Bibiana Beglau als „Fremde“. Trotz ihres Siedlerinnen-Häubchens wirkt sie sehr maskulin, doch anders als die einsamen Reiter in Leone- oder Corbucci-Filmen muss die Rächerin beträchtliche Blessuren einstecken. Bock stellt ihr eine unheimliche Mädchenfigur zur Seite, deren Skrupellosigkeit die der Heldin weit übertrifft. Wer die Oberhand hat, wird zunehmend unklar. Ohnehin hat es Bock vor allem auf eine düster-drückende Atmosphäre, Ekelszenen, delirierende Dialoge angelegt. So wird die Heldin von einem halbverrückten Priester als „abgegrenzte Weib-Erscheinung mit einem „rangeschlonzten Kindsabkömmling widernatürlicher Natur“ bezeichnet. Im Ergebnis wirkt der Film aus statischen Tableaus gefügt. Die Zeit steht still, kein Fließen, kein Drängen. Ob bildende Künstler – vor Tarantino und Co. – die besseren Genre-Filme machen –  dieser Beweis ist mit „Hell’s Bells“ noch nicht erbracht.

 

Bilder: ©Studio John Bock

 

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