Exil auf dem Mond: Larissa Sansour

Die Filme der palästinensischen Künstlerin Larissa Sansour nähern sich der Komplexität des Lebens im Nahen Osten auch mit Referenzen an das Genrekino an, etwa dem Science-Fiction-Film, dem Italo-Western oder dem Horrorfilm. Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen widmen Larissa Sansour in diesem Jahr am 14.5. eine Werkschau.

Über die palästinensische Künstlerin Larissa Sansour

Die Filme von Larissa Sansour sind sowohl künstlerisch als auch politisch. Wobei sie sich der Komplexität des Lebens im Nahen Osten auch mit Referenzen an das Genrekino annähern, etwa dem Science-Fiction-Film, dem Italo-Western oder dem Horrorfilm. Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen widmen Larissa Sansour in diesem Jahr eine Werkschau.

Von Claus Löser, FILMDIENST 10/2017

Eine Frau mit Rollkoffer begibt sich in ein perfekt durchorganisiertes Abfertigungssystem. Sie durchmisst endlos lange Flure, gleitet mit Rolltreppen und Fahrstühlen durch schattenlose Hallen, passiert problemlos alle Kontrollstellen. Zuletzt erreicht sie ihr Ziel: ein komfortables, aber doch irgendwie auch anonymes Apartment der oberen Preisklasse. Sie öffnet die Rollläden und blickt nach außen. Dort liegt das Heilige Land, ihre Heimat. Doch dieser Zustand erweist sich als virtuell, stellt vielleicht eine Holografie dar oder befindet sich auf dem Mond. Auf jeden Fall handelt es sich um eine Simulation. Denn diese Reisende wird immer unterwegs sein. Alle Aufenthaltsorte befinden sich im Transit, stellen immer nur Übergänge dar, niemals Heimaten.

Intelligentes Spiel mit doppelten Böden

Die Frau mit dem Rollkoffer ist Larissa Sansour. Sie spielt in ihrem 2012 entstandenen neunminütigen Video „Nation Estate“ (2012) auch die Hauptrolle. Die palästinensische Künstlerin wurde 1973 in Jerusalem geboren und wuchs in Bethlehem auf. Nach Studienaufenthalten in Kopenhagen, New York und London gehört sie inzwischen zu den gefragtesten aus dem Nahen Osten stammenden Künstlerinnen.

„Nation Estate“ ist der mittlere Teil einer zwischen 2008 und 2015 entstandenen Science-Fiction-Trilogie, mit der sie in der Kunstszene bekannt wurde. Die Hinwendung zum Genrekino und zur Trivialkultur allgemein stellt ein elementares Mittel ihres artistischen Konzepts dar. Ihr gelingt es damit, einer sonst allzu schnell von Betroffenheit grundierten Stimmung ihrer Sujets zu entkommen. In ihren Arbeiten geht es zwar um die großen Themen, die mit der Region ihrer Herkunft assoziiert werden – Vertreibung, Okkupation, Segregation, behördliche Demütigung und permanenter Bürgerkrieg –, doch ist ihr Ansatz dabei stets ein ironischer. Das Zitieren aus dem akustischen und ikonografischen Fundus der Kinematografie erlaubt es ihr, doppelte Böden einzuziehen und eine Distanz zu den verhandelten Problemen herzustellen.

In ihrer Science-Fiction-Trilogie hat sie dieses Verfahren zur Perfektion entwickelt. Der in Zusammenarbeit mit Søren Lind entstandene Abschluss der Trilogie, „In the Future, They Ate From the Finest Porcelain“ (2016), geht noch einen Schritt weiter. Nun agiert Larissa Sansour nicht mehr selbst vor der Kamera. Ihr Alter ego wandelt durch eine postapokalyptisch wirkende Wüstenlandschaft, deren spärliches Personal in historisierten Tableaus aufgestellt ist. Aus über dieser Szenerie gleitenden Raumschiffen werden Kapseln mit kunstvoll bemalten Porzellantellern abgeworfen, die sanft zur Erde niederschweben. Das wirkt ebenso rätselhaft wie erhaben, speist sich aber aus sehr reellen Hintergründen. Figuren und Gegenstände verweisen auf die Historie der Prä-Nakba-Zeit, also auf die Ära vor 1948. Im Rahmen des israelischen „Nation Building“ kam und kommt es zur massiven Instrumentalisierung der Archäologie. Ausgrabungen und zeitliche Zuschreibungen sollen beweisen, dass die Region von jeher jüdisches Kulturland war. Im Umkehrschluss wird der arabischen Bevölkerung eine eigene Geschichte abgesprochen. Das Porzellan steht als Synonym für eine palästinensische Identität, die viele Jahrhunderte zurückreicht, allerdings eben sehr zerbrechlich ist.

Im Gegensatz zur verfeinerten Ästhetisierung von „In the Future...“ geht es in „A Space Exodus“ (2009), dem ersten Teil der Trilogie, noch wesentlich direkter und humorvoller zu. Hier spielt Sansour eine Astronautin, die auf dem Mond eine Flagge mit den Nationalfarben ihrer Heimat einpflanzt. Damit wird die Grundlage für einen Nationalstaat geschaffen, der offenbar auf dem Mond wahrscheinlicher zur Realität werden kann als auf der Erde. Dieser „kleine Schritt für einen Menschen, aber große Schritt für Palästina“ wird mit den pathetischen Fanfaren aus Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ unterlegt – was natürlich ebenso wie der Titel auf Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ verweist.

Die Künstlerin als „narrative Terroristin“

Larissa Sansour muss eine große Verehrerin Stanley Kubricks sein. Mehrfach zitiert sie den Meister. „Sbara“ (2008) entwickelt aus der geheimnisvollen Stimmung eines englischen Landhauses Bedrohungsmomente, die sofort an „The Shining“ erinnern. Ein Knabe tastet sich durch die unheimlichen Korridore (während aus dem Radio Nachrichten aus dem Nahen Osten tönen). Und dann kommen auch schon die verhängnisvollen Hotelzimmertüren und Blutströme ins Bild. Der vor Schreck fast gelähmte Knabe schreibt das Wort SBARA an die Wand – wie einst REDRUM von rechts nach links zu lesen. In der Badewanne lauert dann auch keine Frauenleiche, sondern eine vollständig verschleierte Orientalin.

Larissa Sansours filmische Arbeiten und ihre künstlerische Position insgesamt sind wichtige Entdeckungen. Ihre Stimme ist gerade deshalb von höchster Wichtigkeit, weil sie (scheinbar mühelos) die okzidentalen und orientalischen Normierungen überwindet und dabei etwas völlig eigenständiges Neues schafft. Die Künstlerin, die sich selbst als „narrative Terroristin“ beschreibt, ist durch das tragische Schicksal ihrer Heimat gezeichnet, doch lässt sie sich nie zu plakativer Polemik hinreißen. Ihre Perspektive bleibt stets differenziert, so wie ihre eigene Position auch ausgesprochen kosmopolitisch ausfällt. Selbstverständlich ist ihr Blick Israel-kritisch, aber nie antijüdisch (sonst wäre sie ja auch kein Kubrick-Fan).

Wiederholt hat sie in der Vergangenheit mit der israelischen Künstlerin Oreet Ashery zusammengearbeitet. Im gemeinsamen Comic „The Novel of Nonel and Vovel“ (2009) tritt das Paar als Superheldinnen-Duo auf, das sich durch den nahöstlichen Wahnsinn kämpft. In der Web-Serie „Falafel Road“ (2010) gehen sie in spontanen Interviews der Frage nach, woher denn der frittierte Kichererbsen-Brei eigentlich kommt: aus Israel oder aus Palästina? Essen und Kochen sind keineswegs profane Alltagshandlungen, sondern Ausdruck weit zurückreichender Lebenserfahrungen – und deshalb elementare Bausteine von kollektiver Identitätsstiftung.

In „Soup Over Bethlehem“ (2006), dem persönlichsten Video von Larissa Sansour, sitzen ihre Brüder, Schwestern und andere Familienangehörige auf einer Dachterrasse und genießen einen Kessel mit Mloukhieh, einem klassischen arabischen Gericht. Das gemeinsame Essen wird zum Anlass für eine Diskussion über Nahrungsaufnahme und kulinarische Überlieferung. Doch öffnet sich der Blick dann weit über den Tellerrand hinaus. Schon bald kreist das Gespräch um Tradition, Heimat und damit wiederum um Identität. Es stellt sich heraus, dass fast alle Verwandten gleichzeitig mehrere Pässe haben: englische, US-amerikanische, sogar russische. Denn nur mit denen können sie sich relativ problemlos bewegen. Der palästinensische Ausweis hingegen führt an allen Checkpoints immer nur zu Problemen. Die Heimat liegt jenseits offizieller Papiere.

Die 63. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen finden vom 11. bis 16. Mai statt. Im Rahmen der vielen Veranstaltungssegmente präsentieren sie jenseits des Internationalen sowie des Nationalen Wettbewerbs in jedem Jahr immer auch „Profile“ von Autoren und Institutionen, die sich, teilweise über Jahrzehnte hinweg, „in herausragender Form mit der ‚kurzen‘ Form beschäftigt haben“.

Das „Profil“ für Larissa Sansour findet am 14. Mai statt.
Die Filme:
„In the Future, They Ate from the Finest Porcelain“, Larissa Sansour/Søren Lind (Dänemark/Katar/GB 2016, 29’00”)
„Nation Estate“, Larissa Sansour/Søren Lind (Dänemark 2012, 9’00”)
„A Space Exodus“ (Dänemark 2009, 5’24”)
„Sbara“ (GB/Dänemark 2008, 8’30”)
„Mloukhieh“ (Palästina 2007, 9’30”)
„Bethlehem Bandolero“ (Palästina 2005, 3’00”)
www.larissasansour.com

(Fotos: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen)

 

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