In memoriam: Martin Landau

Der Schauspieler Martin Landau am Samstag im Alter von 89 Jahren in Los Angeles verstorben. Über ein halbes Jahrhundert umspannt die Filmkarriere des US-Mimen, der u.a. durch seinen TV-Part in der Serie "Kobra, übernehmen sie" zum Star avancierte, nicht zuletzt aber als vorzöglicher Charakterdarsteller in Erinnerung bleibt.

 

Ein Meister der Verwandlung war Martin Landau nicht nur als Rollin Hand in "Kobra, übernehmen sie", sondern auch in seiner langen Filmkarriere. Einen seiner letzten Parts spielte er  2015 in einer Nebenrolle in Atom Egoyans Psychothriller »Remember«. Aus Anlass von Landaus Tod veröffentlichen wir hier noch einmal das Martin-Landau-Porträt, in dem Jens Hinrichsen 2016 den Star anlässlich des deutschen Kinostarts von "Remember" würdigte.

 

Landau, übernehmen Sie!

Über den Schauspieler Martin Landau


Eva Marie Saint vom Mount Rushmore stoßen, die Ex-Geliebte Anjelica Huston beseitigen lassen: Martin Landau haben die finsteren Charaktere schon immer gelegen. Der Schauspieler war allerdings auch als gütiger Holzschnitzer Gepetto zu sehen (in zwei »Pinocchio«-Filmen) und verkörperte biblische Heroen wie Abraham (1965) und Jakob (1995). Oder, aktuell, Max in Atom Egoyans neuem Film »Remember«, der seine Familie im Holocaust verlor und vom Rollstuhl aus eine Racheaktion organisiert. Ob gut, böse oder in der Grauzone dazwischen angesiedelt: Was viele Landau-Figuren auszeichnet, sind messerscharfe Intelligenz, Charaktertiefe und – Abgründigkeit.

Alfred Hitchcock: »In Ihnen steckt ein ganzer Zirkus!«

Der 1928 in Brooklyn geborene Landau fing mit 17 als Illustrator für die »New York Daily News« an – unter anderem arbeitete er am legendären Cartoon »The Gumps«. Nach fünf Jahren bot ihm die Redaktion den Traumjob des Theater-Karikaturisten an. Landau lehnte ab, weil er sich in den Kopf gesetzt hatte, Schauspieler zu werden. 1951 debütierte er in einer Off-Broadway-Produktion, 1955 wurde er ins berühmte Actor’s Studio aufgenommen, freundete sich mit seinem Mitstudenten James Dean an und hatte eine Affäre mit Marilyn Monroe, bis sie Arthur Miller kennenlernte. 1957 heiratete er seine Schauspielkollegin Barbara Bain (zwei Töchter, Scheidung 1993), mit der er gemeinsam in zwei Fernsehserien auftrat: in den ersten 76 Folgen von »Kobra übernehmen Sie« (»Mission Impossible«; am Kino-Spin-Off mit Tom Cruise wollte sich Landau später nicht beteiligen) und als Astro-Paar in »Mondbasis Alpha«. Landaus Commander Koenig besaß Charisma, insgesamt aber konnte es die etwas fade Serie mit »Raumschiff Enterprise« nicht aufnehmen. 1965 hatte der Schauspieler den Spock abgelehnt, jene Rolle, mit der sein Freund Leonard Nimoy dann Weltraumkarriere machte. Ironie der Fernsehgeschichte: Die von Landau hinterlassene Lücke des »Mission Impossible«-Agenten Rollin Hand – »Der Mann mit den tausend Gesichtern« –, füllte Nimoy für zwei Folgen.

1957 wurde Alfred Hitchcock in einer Theater­aufführung auf Landau aufmerksam. »In Ihnen steckt ein ganzer Zirkus«, lobte der Meister und gab ihm den Part des sibirisch kalten Leonard in »Der unsichtbare Dritte« (1959) – um den Ober-Verschwörer Vandamm klischeewidrig mit dem grandseigneurhaften James Mason besetzen zu können. Später erklärte Landau, er habe Vandamms Sekretär »als Schwulen angelegt. Ein ziemliches Risiko im Kino der damaligen Zeit«.

Schon damals agierte Landau extrem kontrolliert. Man muss auf seine minimal effemierten Hände achten, darauf, wie er im Schlafwagenabteil (!) des 20th Century Limited eine Spur zu nah an seinen Chef heranrückt, um den Subtext zu erkennen. Landau hatte sich überlegt, woher die Rachsucht kam, mit der sein Charakter Eva Marie Saint loswerden wollte. »Es erschien mir logisch, dass Leonard in seinen Boss Vandamm verliebt war.« Pech für Mason, dass Hitchcock dieses Konzept mochte, denn »James hasste die Idee«, so Landau, »und konnte so gar nichts dagegen tun...«

Woody Allen gibt den Startschuss zur Alterskarriere

Martin Landau durfte also in einem der großen Finales der Kinogeschichte – unter steinernen Präsidentengesichtern – Cary Grant auf die Hand treten und bekam noch eine Nahaufnahme (Mason am Schluss nur eine Totale), bevor eine Gewehrkugel Leonard vom Nationaldenkmal fegte: Frühes Schauspielerglück! Startschuss für die große Kinokarriere? Noch lange nicht. Landau blieb im Fernsehen präsent und festigte von »Cleopatra« (1963) bis zu »Meteor« (1979) seinen Ruf als verlässlicher Stichwortgeber für Stars wie Richard Burton oder Sean Connery. Selten konnte er seine Charakterdarsteller-Qualitäten ausspielen, wie 1980 als irrer Vietnam-Veteran im Low-Budget-Horrorfilm »Without Warning«.

Wurde Landau wirklich drei Jahrzehnte lang übersehen? Er galt zeitweilig als »schwierig«, weil er sich nicht inszenieren ließ. Was aber laut dem Schauspieler bei guten Drehbüchern und Regisseuren niemanden störte, nicht einmal Hitchcock. Und nach dem Geschmack von Francis Ford Coppola waren eigenwillige Darsteller ohnehin: Als Geschäftsmann Abe, der die Autopionier-Titelgestalt in Coppolas »Tucker« (1988) fördert, wurde Landau für den »Oscar« nominiert und bekam einen »Golden Globe« als bester Nebendarsteller.

Den Wendepunkt – und den Anfang einer erstaunlichen Alterskarriere – markierte »Verbrechen und andere Kleinigkeiten« (1989): Erstmals ließ Woody Allen hier einen düster-dramatischen und einen komischen Strang nebeneinander herlaufen, um die Geschichten in der finalen Party-Szene zusammenzuführen. Mit einer brillanten Rochade: Der Verbrecher kriegt ein Happy End, während die von Allen selbst gespielte Komödienfigur vor dem Nichts steht. Landau zieht alle Register – als Augenarzt Judah, dessen Borderline-Geliebte (eindrucksvoll: Anjelica Huston) sein gesellschaftliches Renommee gefährdet und die er deshalb ermorden lässt. Ein Schurke? Zumindest einer, den man gut versteht. Und was die Rückblenden in Judahs Kindheit anbelangt, war keine Rolle so persönlich auf Landau zugeschnitten wie diese. »Ich bin keine übertrieben religiöse Person – im Sinne wirklicher Orthodoxie«, hat er einmal gesagt, »doch ich bin kulturell tief im Judentum verwurzelt.«

Wieder verfehlte er, 1990 für »Verbrechen und andere Kleinigkeiten«, knapp den »Oscar« (fragwürdige Nominierung: als bester Nebendarsteller), aber für den Part des morphiumsüchtigen Bela Lugosi in Tim Burtons Trashfilmer-Biopic »Ed Wood« konnte er die Trophäe 1995 entgegennehmen. Es wäre ein Leichtes gewesen, den ersten Dracula-Darsteller der Tonfilmzeit, der sich am Ende seines Lebens mit dem mediokren Ed Wood (göttlich: Johnny Depp) anfreundete, so »campy« zu spielen, wie es Lugosi in diversen B-Filmen tat. Aber Landau – »Ich empfand immer große Empathie für Lugosi. Weil ich Hollywood kenne« – legte den altersschwachen Mimen als tragischen Clown an. Nie diffamiert er seine Figur als Stümper, vielmehr verkörpert er einen Schauspieler, der trotz haarsträubender Bedingungen sein Bestes gibt. Auch darin lässt sich ein autobiografischer Zug erkennen. Schließlich wurde Landau in der frühen Fernseh-Ära als hochprofessioneller Fließbandakteur geschätzt: »Da lernst du dich blitzschnell auf Veränderungen einzustellen«, erinnerte er sich, »Ich hatte kaum Zeit, mir zwischendrin eine Zigarette anzuzünden, weil ich von einem Szenenbild zum nächsten hetzte und währenddessen noch meine Kleider wechselte.«

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In Atom Egoyans »Remember« spielt Martin Landau den gebrechlichen Altersheim-Bewohner Max, der Christopher Plummers an Demenz leidende Figur auf die Suche nach den Mördern von dessen Familie schickt. Geduldig und undurchschaubar, wie eine Spinne im Netz, dirigiert Max den Rächer aus der Ferne - den Körper im Rollstuhl festgesetzt, im Geist aber umso reger.

Jens Hinrichsen, FILMDIENST 2016/1

Fotos: oben: "Der unsichtbare Dritte"; unten: "Ed Wood".

 

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