Neue Mini-Serie: "Charité"

Jörg Gerle | 20.03.2017

Regisseur Sönke Wortmann rollt in der sechsteiligen Serie "Charité" um das gleichnamige Berliner Klinikum ein Stück deutscher Sozial- und Medizingeschichte auf.

Gegen was musste man damals, Ende des 19. Jahrhunderts, nicht alles kämpfen: Hunger, Schmutz, soziale Ungerechtigkeit, Ungleichstellung der Frau – und all die anderen, viel winzigeren, nicht minder tödlichen Geißeln der Menschheit: Tuberkulose und Diphtherie. Zum Brennpunkt all dieser kleinen und großen Tragödien wird ein Krankenhaus in Berlin, das um das Dreikaiserjahr 1888 zu einem der wichtigsten Forschungsstätte gegen Seuchen avancierte.  Die Charité ist untrennbar mit den drei Namen Robert Koch, Emil von Behring und Paul Ehrlich verbunden, denen es gelingen soll, die Forschung gegen die bakteriellen Volksseuchen entscheidend nach vorne zu bringen.

Um diese drei Charakterköpfe spinnen die beiden Drehbuchautoren Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann den Stoff, den Sönke Wortmann in sechs Teilen à 45 Minuten für Das Erste visualisierte. Eine historische Arzt-Miniserie? Dass das geht, hat in den USA jüngst Steven Soderbergh mit „The Knick“ (lief auf zdf_neo) auf eindrucksvolle Weise vorgemacht. Auch Wortmann führt dem Publikum auf ähnlich eindrückliche Art vor Augen, wie schmutzig (im wahrsten und übertragenen Sinne) das Geschäft um das menschliche Leben lange Zeit war – und zwar trotz all der weißen Häubchen der Diakonissinnen und der aufopferungsvoll für das Leben der Patienten kämpfenden Jungforscher.

Damit der melodramatische Touch bei allem (männlichen) Forscherdrang nicht zu kurz kommt, haben die Autoren den drei realen Charakterköpfen noch mindestens zwei fiktive Frauenfiguren an die Seite gestellt. Eine freigeistige Arzttochter (Alicia von Rittberg) steht denn auch gleich im Zentrum der Geschichte und sorgt für weibliches Rebellentum und das emotionale Korrektiv zum ehrgeizigen Militärarzt Behring (Matthias Koeberlin). Man hätte Wortmann mehr Zeit gewünscht, all die Charaktere, die Konflikte und den epischen Atem auszuspielen. So muss sich der Virtuose am Regiepult häufig mit Raffungen in Zeitlupe und (allzu beliebig-empathischer) Musik helfen, um Kolorit in die nüchterne Dramaturgie zu bekommen. Nichtdestotrotz, ein eindrucksvolles Experiment mit einer Handvoll beliebter deutscher TV-Gesichter (u.a. Justus von Dohnányi, Christoph Bach, Ernst Stötzner).

 

Austrahlungstermine (jeweils ab 20.15):

Folge 1 & 2: 21.3.

Folge 3: 28.3.

Folge 4: 4. April

Folge 5: 11. April

Folge 6: 18. April

 

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