Peter Handke zum 75. Geburtstag

Peter Handke, geboren 1942 in Griffen (Kärnten), wird am 6.12.2017 75 Jahre alt. Der Schriftsteller, Theaterautor und Regisseur hatte stets eine große Leidenschaft fürs Kino, und das nicht allein auf Grund seiner langjährigen Freundschaft mit Wim Wenders.

Weltgefühl. Filmkunst. Der Schriftsteller Peter Handke und das Kino

Autor: Wilfried Reichart


Peter Handke und das Kino – das ist eine Liebesgeschichte. Schon in jungen Jahren verfällt Handke dem Zauber der Kinematografie und bleibt ihr treu, ein Leben lang, trotz gelegentlicher Enttäuschungen. Er ist ein Kinogeher, im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Kinobesucher. Er versteht sich nicht als Gast, der einer Einladung folgt, sondern als Komplize. Den Filmliebhaber zieht es in die Kinos, um Menschen zu begegnen (nicht im Kinosaal, auf der Leinwand), mit denen er sich verbunden fühlt, um neue Landschaften kennenzulernen, um Bilder zu sehen, die seine Fantasie beflügeln. Das Kino war ihm »von allen Dingen dem Herzen am nächsten«.

In Landkinos und Stadtkinos

Gern schreibt Peter Handke darüber, was das Kinogehen mit ihm anstellt. Zum Beispiel 1962. Da ist er gerade 20 Jahre alt und beginnt ein Jurastudium in Graz. In einem »stinknormalen, noch nicht spezialisierten Kino« sieht er Michelangelo Antonionis »La Notte«. »Nach dem Film stand ich im Zentrum von Graz an einer nächtlichen Straßenbahnhaltestelle und erlebte die steirische Stadt in eine Weltstadt verwandelt. Damals erfuhr ich zum ersten Mal so etwas wie ein Weltgefühl.«

Antonioni! Weltgefühl! Filmkunst! Darauf lässt sich Handkes Vorstellung von Film nicht festlegen. Er kommt in seiner Filmsozialisierung von ganz unten. »Das Wunderbarste am Kino war es, dass dort, ohne dass jene Örtlichkeiten sich einem extra als ‚Kulturstätte’ brüsteten, Kultur stattfand und nicht die herzenskalte, monopolitische, befremdende Reinkultur, sondern immer die Mischkultur, die allseits offene, menschenfreundliche, herzerwärmende.«

Zum Beispiel in den Landkinos im südlichen Burgenland. »In welchem Stadtkino sieht man sonst im Monat zwei Fuzzyfilme so wie im Kino in Jennersdorf. Und in welchem Stadtkino sieht man im Monat fünf Heimatfilme, zwei Herkulesfilme, zwei Jerry-Cotton-Filme, zwei Edgar-Wallace-Filme, einen Angélique-Film, einen Kommissar-X-Film, einen Maciste-Film, einen Zorro-Film, einen Fantomas-Film, zwei italienische, einen amerikanischen Western und Walt Disneys »Susi und Strolch« wie im Kino Windisch-Minihof an der ungarisch-jugoslawischen Grenze?«

Ein Pendeln ­zwischen Ab­lehnung und Zustimmung

Das ist alles lange her. 1968 noch beschreibt Peter Handke die Dramaturgie des Heimatfilms »wie das Öffnen eines Adventskalenders: eins nach dem andern zeigen sich Bilder in einer stereotypen, künstlichen Welt, und trotzdem überrascht jedes einzelne Bild, und man ist neugierig«.

Da muss man durch. Das muss man vielleicht alles gesehen haben, um es hinter sich zu lassen. 1975 schreibt Peter Handke im »Spiegel« über die neuen Filme von François Truffaut und Jean-Luc Godard (»Numéro 2«). Den einen verreißt er brutal, den anderen beschreibt er ausführlich. In seiner Ablehnung wird Handke zum Filmkritiker, in seiner Zustimmung ist er Kinogeher, der das Gesehene beschreibt. In seiner Kritik von Truffauts »L’histoire d’Adèle H.« formuliert er all das, um was es ihm in seinem ersten (vom Fernsehen produzierten) Spielfilm »Chronik der laufenden Ereignisse« (1971) ging, um die Aufdeckung von ritualisierten Phrasen. Das ist es, was er Truffaut vorwirft: kostümierte Figuren, Geschichten-Maschinerie, Einstellungen, die auf den bloßen Stimmungsreflex eines errechenbaren Phantomzuschauers zielen, fertige Formen für bestimmte Wirkungen.

In »Chronik der laufenden Ereignisse« bringt Handke zwei Motive zusammen, seine Liebe zum amerikanischen Kino – besonders zu John Ford und zum Film noir – und die Intention, sich dem konventionellen Geschichtenerzählen zu verweigern. Der Film rekonstruiert Erinnerungsbilder des Kinos und des Fernsehens, die bis zur Parodie verfremdet werden.

»Peter Handke geht ins Kino«

In der Literatur Handkes spielt der Film immer eine besondere Rolle. Der Mann, der sich als Enkel John Fords fühlt, beschreibt in »Der kurze Brief zum langen Abschied« einen Besuch bei dem amerikanischen Regisseur. (Handke hatte allerdings John Ford, der 1973 starb, nie persönlich kennengelernt.) In »Der große Fall« (2011) geht ein Schauspieler durch eine Metropole, einmal erinnert er sich an die Filmgeschichten von Carl Theodor Dreyer, Robert Bresson, Maurice Pialat, John Ford, Satyajit Ray, die er als Offenbarungen empfunden hat. Und 1980 übersetzt Peter Handke (es ist seine erste Übersetzungsarbeit von inzwischen mehr als 30 Übertragungen aus vier Sprachen) den 1961 in den USA veröffentlichen Roman von Walker Percy: »The Moviegoer«. Der Roman kreist um das Familien- und Berufsleben des Wertpapier-Maklers John Bickerson Bolling, der häufig ins Kino geht und dessen Verhältnis zur Welt davon geprägt ist.

»Peter Handke geht ins Kino« hieß eine Filmschau, die das Österreichische Filmarchiv im Oktober/November 2014 mit von Handke ausgewählten Filmen organisierte. John Ford natürlich und Wim Wenders, Ernst Lubitsch und Straub/Huillet, Abbas Kiarostami und Robert Bresson, Yasujiro Ozu und Satyajit Ray, Pier Paolo Pasolini und Werner Herzog, Andrej Tarkowskij und Ingmar Bergman, Federico Fellini, Carl Theodor Dreyer, Luis Buñuel. Darunter lediglich zwei Filme aus der BRD, Erwin Keuschs »Das Brot des Bäckers« und »Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner« von Werner Herzog. Das junge deutsche Kino steht nicht auf der Agenda des Kinogehers.

Arbeiten mit Wim Wenders

Es ist aber der deutsche Regisseur Wim Wenders, der Peter Handke zum Filmemachen gebracht hat. Ein Glücksfall. »3 Amerikanische LP’s« hieß der 13-minütige Film, den sie 1969 realisierten. Darsteller und Drehbuch: Peter Handke und Wim Wenders, Regie, Kamera, Schnitt: Wim Wenders, Musik: Creedence Clearwater Revival, Harvey Mandel, Van Morrison. Lange Einstellungen aus fahrenden Autos, Autofriedhöfe, Tankstellen, Autokinos in Kombination mit Popmusik.

Zwei Jahre später dann »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«. Dazu Wim Wenders: »Keiner der 20 Absolventen der Münchner Filmhochschule drehte in den nächsten Jahren nach dem Studium einen Film. Ich war der Einzige. Und das lag an Peter Handke, der mir seinen Roman für einen Appel und Ei schenkte. Da war ich 25 Jahre alt und er wurde 1972 in Venedig gezeigt.«

Daraus wurde eine lebenslange Freundschaft und berufliche Zusammenarbeit. Sie realisierten fünf Spielfilme, wobei Peter Handke seine besondere Rolle spielte. Der erfolgreichste war »Der Himmel über Berlin« (1987). Wim Wenders hatte eine Geschichte von zwei Engeln im Kopf und trug Handke an, mit ihm das Drehbuch zu schreiben. Doch der hatte gerade einen Roman angefangen und wollte die Arbeit nicht unterbrechen. »So haben wir schließlich einfach angefangen zu drehen, ohne festes Buch. Gleichzeitig kamen dann diese dicken Briefe, einer nach dem anderen, über mehrere Wochen. Absender: Peter Handke. Er schrieb, er habe nachträglich doch bedauert, mich mit leeren Händen wieder fortzuschicken, und weil meine Geschichte irgendwie in ihm nachgehallt hatte, habe er angefangen, auf gut Glück Dialoge und Monologe zu schreiben. Der Dreh war wie ein Flug ohne Instrumente, aber zwischendrin gab es diese Fixpunkte der Texte von Peter, auf die wir immer zugeflogen sind. Diese Handke’schen Texte waren wie unsere Leuchttürme.«

Ihre jüngste (und fünfte) Zusammenarbeit ließ den Film »Die schönen Tage von Aranjuez« entstehen, ein Zweipersonenstück, das Handke auf Französisch für seine Frau Sophie Semin verfasste, ein »Sommerdialog«, in dem ein Mann eine Frau nach ihrer erotischen Vergangenheit befragt. Wenders hat das innerhalb von zehn Tagen verfilmt, sein Inszenierungsarrangement hält sich streng an das Theaterstück, in den Hauptrollen Sophie Semin und Reda Kateb. Peter Handke hat einen Gastauftritt als Gärtner, das war’s. Er hatte sich aus der ganzen Vorbereitung des Films völlig herausgehalten und weder beim Drehbuch noch beim Schnitt Einfluss genommen. Was ihn am Ende gestört hat, war das 3D-Format des Films. Wenders: »Er hat zum ersten Mal in seinem Leben etwas in 3D gesehen, und das hat ihn sehr irritiert. Er hat eine andere Raum- und Farbwahrnehmung als ich. Als er dann die 2-D-Version sah, war alles okay.«

»Die schönen Tage von Aranjuez« entstand 44 Jahre nach dem ersten Spielfilm »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«, den Wenders nach einer Vorlage von Peter Handke realisierte. Damals schrieb der Autor am Drehbuch mit. Die lange Freundschaft wurde Mitte der 1990er-Jahre auf eine harte Probe gestellt, als Handke seine Position aus Anlass des Zerfalls Jugoslawiens formulierte und zum Begräbnis von Milosevic reiste. Wenders vertrat öffentlich eine dezidiert andere Position. Doch wahre Freundschaft... Wim Wenders: »Es gab immer eine große Gemeinsamkeit in unserer Arbeit und er ist der Schriftsteller, dessen Werk ich am besten verstehe. Niemand ist mir so nah. Wir haben parallel gelebt.«

Der Regisseur im Schatten des Schriftstellers?

Steht der Filmregisseur Peter Handke im Schatten des Schriftstellers Peter Handke? »Die linkshändige Frau« zum Beispiel, Handkes zweite Regiearbeit, wurde 1976 zuerst als Filmdrehbuch geschrieben, dann zur Erzählung umgeschrieben und bei Suhrkamp veröffentlicht. Danach erst entstand der Film. Dieses Zögern, hat es vielleicht etwas mit dem Zweifel des Literaten zu tun, neben Filmregisseuren wie John Ford und Ozu und all den Favoriten des Kinogehers bestehen zu können? Auf jeden Fall geht Handke bei diesem Film auf Nummer sicher, kein Risiko, von allem das Beste, die Schauspieler, die für sich selbst stehen, Edith Clever, Bruno Ganz, Angela Winkler, Bernhard Wicki, Bernhard Minetti, Rüdiger Vogler, der Kameramann Robby Müller, dem man nicht erklären muss, welche Bilder er herstellen soll, der Cutter Peter Przygodda, der wie kein Anderer weiß, wie man am Schneidetisch mit Bildern umgeht.

Auch »Die Abwesenheit«, Handkes bisher letzter Film, erschien zuerst 1987 als Buch, das dann fünf Jahre später verfilmt wurde mit Jeanne Moreau, Bruno Ganz, Sophie Semin. Kamera: Agnès Godard, Schnitt: Peter Przygodda. Nur »Chronik der laufenden Ereignisse«, Handkes erste und interessanteste Regiearbeit, entstand nach einem Originaldrehbuch, das später als Erzählung von einem schon vorhandenen Film publiziert wurde.

Heimwege nach dem Kino

Zurück zum Kinogeher, der im Kino seinen Gefühlen freien Lauf lässt, der Filme »begrüßt«, voller Enthusiasmus, Ergriffenheit, manchmal auch erschüttert, wacherzählt, aufgefrischt; der aus dem Kino kommt und auf dem Heimweg die Bilder mit sich trägt.

»Mit nichts auf der Welt hat es für mich solche Heimwege gegeben wie zuzeiten nach dem Kino, nach der ‚Reise nach Tokyo’ von Ozu, nach ‚Andrej Rubljow’ von Tarkowski, nach ‘Mouchette’ von Bresson, nach ‘El Nazarin’ von Buñuel. Nach ‚The Man Who Shot Liberty Valance’ bekam ich Appetit auf die Welt: den Wind, den Asphalt, die Jahreszeiten, die Bahnhöfe und nicht allein der appetitlichen Speisen wegen, die der Aushilfskellner James Stewart serviert«.

Peter Handke ist ein empfindsamer Kinogeher, wie Franz Kafka (»Im Kino gewesen, geweint«). Für Kafka wie auch für James Joyce, so konstatiert Hanns Zischler in seiner Publikation »Nase für Neuigkeiten«, »bedeutet es einen ungetrübten passiven Genuss, von einer illusionären Bewegung des Kinos fortgetragen und, durchaus wörtlich, der Sorgen enthoben zu werden – für die Dauer des Eintauchens und des Verweilens im dunklen Saal. Eine Spielform der Divagation, ausschweifend sein, ohne sich vom Fleck zu rühren. Unbewegt gerührt und erregt werden.«

Gehen! Sich gehen lassen? Handke verknüpft die Leidenschaft des Kinos mit der des Gehens. Sein Film »Die Abwesenheit« (1992) thematisiert das Gehen, die Besonderheit des Querfeldein-Unterwegsseins. (»Wer überlebt hat, geht querfeldein«, meinte Herbert Achternbusch.) Ein Teil des Films spielt in Handkes Haus in Chaville bei Paris, wo auch Corinna Belz’ subtile Annäherung an den Schriftsteller stattfand. Ihr Film zeigt einen Mann, nachdenklich, bestimmt, reflektiert, scheu, lächelnd, ernst, überzeugt, bei dem jedes Wort zählt. Es geht immer um alles. Die Zimmer des Hauses: unaufgeräumt, doch jedes Ding scheint am richtigen Platz; der Herr des Hauses: weißes Hemd, Weste, schwarzer Anzug, feste Schuhe, (nach)lässige Eleganz; er schneidet Steinpilze und Nüsse, markiert im Garten mit Muscheln einen »unsterblichen Weg«, den er auf und ab geht, er notiert seine Gedanken mit bunten Stiften in gut leserlicher Schrift in sein Notizbuch.

Als Corinna Belz mit der Kamera zu Peter Handkes Haus kam, stand sie vor dem Eisentor, an dem der Zettel hing: »Bin im Kino, kann sein, dass ich danach querfeldein unterwegs bin.« Nein. Dummer Scherz. Corinnas Film fokussiert den Schriftsteller, nicht den Kinogeher. Auf dem Zettel stand: »Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte«, was sie dann zum Titel ihres Films machte.

Wilfried Reicharts Text erschien erstmals in FILMDIENST 23/2016.

Fotos: Aus Corinna Belz' dokumentarischem Porträt "Peter Handke - Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte". Piffl Medien/good!movies


Literatur
Peter Handke: Mündliches und Schriftliches. Zu Büchern, Bildern und Filmen (Suhrkamp)
Peter Handke: Ich bin ein Bewohner des ­Elfenbeinturms (Suhrkamp)
Walker Percy: The Moviegoer (Übersetzung Peter Handke, Bibliothek Suhrkamp)
Werner Köster: Wim Wenders und Peter Handke (Tectum Verlag)
Lothar Struck: Der Geruch der Filme (Mirabilis Verlag)

DVD/BD-Tipps:
1. Ein dokumentarisches Porträt Handkes
von Filmemacherin Corinna Betz: »Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich ­verspäte«. Anbieter: good!movies

2. Wim Wenders’ Adaption von Peter Handkes »Die schönen Tage von Aranjuez«. Anbieter: Warner Home

 



 

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