Revolution of Sound. Tangerine Dream (Panorama Dokumente)

Kathrin Häger | 16.02.2017

Die 1967 gegründete deutsche Band Tangerine Dream leistete mit ihrem Elektro-Sound Pionierarbeit und spielte auch für viele Filmemacher eine bedeutende Rolle. Auf der "Berlinale" 2017 wurde in der "Panorama Dokumente"-Sektion die packende Dokumentation "Revolution of Sound. Tangerine Dream" vorgestellt.

Semi-verhüllt von seinem schwarzen Motorradhelm und der offenen Lederkluft stolpert Edgar Froese zu Beginn von „Revolution of Sound“ durchs Bild. Hinter ihm liegt die Wüste, vor ihm das Meer, in das er gleich steigen wird, obwohl ihm noch all die weißen Elektroden-Patches auf der Brust kleben. Aus seinem Herzschlag werde neue Musik entstehen, erklärt der strohblonde Mann über den sonnigen Archivaufnahmen und fasst damit zusammen, was Tangerine Dream wohl schon damals, Ende der 1970er-Jahre, im Innersten zusammenhielt: Froese selbst, und sein unermüdlicher Drang, bis zu seinem Tod im Jahr 2015 einen Sound zu kreieren, der nicht nur am Puls der Zeit liegen, sondern diesen noch überflügeln sollte. In einer folgenden Interviewsequenz erwähnt Queen-Gitarrist Brian May, wie er und Froese mit dem Sound akustischer Druckwellen von Sternen experimentierten. Die Kamera zoomt auf ein sphärisches Galaxien-Bild und schon ist man mittendrin in Margarete Kreuzers dynamischem Porträt einer Band, die sich neben Kraftwerk, Neu! oder Can zu einer der bekanntesten Avantgarde-Musikexporte Deutschlands mausern sollte.

50 Jahre ist es nun schon her, dass Edgar Froese die Psychedelic-Elektro-Surrealisten Tangerine Dream aus der Taufe hob und seitdem immer wieder neu besetzte. Insgesamt 14 Bandmitglieder suchten mit Froese, der nichts weniger wollte, als das Konzept „Zeit“ auszuhebeln, über die Jahrzehnte hinweg auf mehr als 100 Alben den „ultimativen Sound“. Mit sich langsam aufbauenden und wiederholenden Sequenzen, die der Berliner Schule zugeordnet wurden, und dem Moog-Synthesizer setzte Tangerine Dream dabei neue Standards. Von dem Ausnahmestatus der Band zeugen denn auch die Menschen, die Froese am nächsten standen: Da erzählt sein Sohn Jerome davon, wie David Bowie eine Zeit lang bei den Froeses in Berlin lebte und er mit dessen Sohn spielte, während draußen die Presse nach Sensationen gierte. Dass Bowie Tangerine Dream’s Musik als den Soundtrack seiner Berlin-Jahre bezeichnet habe, in denen er versucht hätte, von den Drogen wegzukommen; dass Salvador Dalí auf einer seiner berühmten Gartenpartys beim Auftritt der Band mit dem Ausruf „This is rotten religious music“ eine Art Veitstanz hingelegt haben soll – davon erzählen wiederum die verlesenen Textpassagen aus Froeses Autobiografie.

Der Tod des Künstlers muss bei vielen Weggefährten ein großes Loch hinterlassen haben, das Kreuzer in zahlreichen Interviewsequenzen zu vermessen versucht: Jean Michel Jarre, einer der größten Pioniere in Sachen elektronischer Musik, drückt sein Bedauern darüber aus, dass er mit Froese nur so kurz zusammenarbeiten konnte. Volker Schlöndorff erklärt, dass es die offene Struktur der Musik sei, die so viel Platz für Assoziationen lasse und Tangerine Dream damit für Filmemacher so interessant mache. Er selbst machte Froese einst mit Wolf Gremm bekannt, wodurch die Zusammenarbeit für Gremms „Kamikaze 1989“ und die Freundschaft zu Hauptdarsteller Rainer Werner Fassbinder möglich wurde. Michael Mann schildert die Zusammenarbeit für sein Heist-Movie „Thief“. Außerdem vertonten Tangerine Dream u.a. die Tom Cruise-Filme „Lockere Geschäfte“ und „Legende“ sowie zuletzt das berühmte Konsolenspiel GTA V, wofür sie in eineinhalb Jahren lang 35 Stunden Musik einspielen mussten.

Margarete Kreuzers Langfilmdebüt gelingt es nicht nur, den Einfluss, den die Sound-Pioniere auf die Musikgeschichte hatten, herauszuarbeiten. Zudem hat sie eine packende Bandgeschichte kreiert, die zwar den musikalischen Ansatz der Band vernachlässigt, dafür aber den Fans Einblicke in Froeses Privatleben gibt und zugleich Menschen, die Tangerine Dream bisher nicht kannten, die wichtigsten Stationen der Band aufzeigt – ein erklärtes Ansinnen der Regisseurin, die sich nach der Premiere im Kino International mit ihrem Team und der neuesten Tangerine Dream-Besetzung den Fragen des begeisterten Publikums stellte. Die zielten denn auch gleich auf das überwältigende Archivmaterial, das Kreuzers Film auffährt: 300 Stunden Videomaterial galt es für die Regisseurin zu sortieren, wobei allein der Dokumentations-Wahn von Froese es ihr ermöglicht haben dürfte, aus seinem Leben wie aus einem Bilder-Tagebuch zu schöpfen. Auch wenn man, das wird offensichtlich, über Band und Leader noch ganz andere Geschichten hätte erzählen können. Und doch sind dank Froeses Ausbildung zum Maler und Bildhauer die Privatvideoaufnahmen, aus denen der Film besteht, so toll kadriert und von einem Licht, das einen in die Entstehungszeit genauso hineinzieht wie die Musik. Unaufdringlich eingesetzt, beweist sie auch hier, warum sich der Sound der Band so großartig als Filmmusik eignete.

„Revolution of Sound“, der teils über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert wurde, ist ein stimmungsvolles Filmerlebnis geworden, das von den Worten getragen wird, mit denen sich die befreundeten Künstler und (Ex-)Bandmitglieder an Froese erinnern und am Ende an einen seiner Sätze erinnern, der den Gang ins Meer am Anfang begleitete: Den Tod gibt es gar nicht, nur einen Wechsel der kosmischen Adresse.

 

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