Skandalfilme in der Katholischen Filmarbeit II

Im Jahr 2017 blickt der FILMDIENST in seinen Ausgaben auf seine vergangenen 70 Jahre zurück und greift kursorische Erinnerungsmomente auf. In der aktuellen Ausgabe fd 21/2017 blicken wir zurück auf die so genannten Skandalfilme, die in der Katholischen Filmarbeit heftige Diskussionen auslösten und damit auch den FILMDIENST beschäftigten. 1995 resümierte ein höchst informativer Artikel in zwei Teilen den Umgang mit den Skandalfilmen, wir stellen ihn hier noch einmal online. Im Folgenden Teil II.

PROVOKATIONEN UND DENKANSTÖSSE

SKANDALFILME IN DER KATHOLISCHEN FILMARBEIT (II): VON DEN 70ER JAHREN BIS HEUTE

Die 70er Jahre sind eine - was herausragende Skandalfilme angeht - ruhigere Zeit, dennoch gibt es hier eher eine breite Welle von Problemfilmen für die kirchliche Filmkritik: Sex und Gewalt überschwemmen die Kinos. Kasse machen die Aufklärungsfilme von Oswald Kolle, die Sexfilme von "Schulmädchen"- und anderen "Reports" aus diversen Berufssparten oder die Dirndl-Filme eines Alois Brummer. Neben dem Sex schwappt die Welle der Gewalt in den Italo-Western voll ins deutsche Kino. Die Diskussionen bringen eine Umorientierung für die Arbeit der Freiwilligen Selbstkontrolle. Die Kirchen stellen zum 1. 1. 1972 ihre Mitarbeit in der Erwachsenenfreigabe im Rahmen der FSK ein und wirken seitdem nur noch bei der Jugendfreigabe mit (vgl. fd 21/1971, S. 1f). Die Erwachsenenfreigabe, d. h. Filme ab 19 Jahren, wird damit in die Entscheidung der Filmwirtschaft gelegt. Angesichts der Fülle der problematischen Filme richtet die SPIO als weiteres Gremium die sogenannte Juristen-Kommission ein, die der FSK-Freigabe vorgeschaltet war und die strafrechtliche Unbedenklichkeit eines Films prüfen konnte. Der so mit "X" gekennzeichnete Film konnte auch ohne Freigabe für Erwachsene gezeigt werden.

Daß Skandalfilme keine hohen Wellen mehr schlagen, hat nicht zuletzt einen Grund darin, daß das Besucherspektrum zunehmend reduziert wird. Film wird ein Freizeitvergnügen vor allem für die junge Generation von 15 bis 29. Bei den Verfilmungen der Rockopern "Jesus Christ Superstar" (1972) und "Godspell" (1973) gab es auch hier von konservativer Seite kritische Stimmen bis zu Rufen nach Verboten, aber insgesamt wurden die Filme von der katholischen Filmkritik wie auch von der Kirche insgesamt eher positiv gewürdigt. "Godspell" erhielt sogar den jährlich verliehenen Großen Preis der OCIC.

DER FALL ACHTERNBUSCH

Die 80er Jahre sind gekennzeichnet durch drei gleichermaßen große Skandalfälle: "Das Gespenst", "Maria und Joseph" und "Die letzte Versuchung Christi". Beim "Gespenst" von Herbert Achternbusch (1982) ging es wieder einmal nicht allein um die Inhalte des Films: eine Zuspitzung erfuhr die Debatte durch die Auseinandersetzung zwischen evangelischer und katholischer Filmarbeit und die Kontroverse um die Frage der deutschen Filmförderung.

Im Arbeitsausschuß der FSK lag Achternbuschs Film am 29. März 1983 vor und erhielt keine Freigabe. Diese war für die Aufführung nicht notwendig, denn die Prüfung durch die Juristenkommission der SPIO hatte bereits ergeben, daß der Film strafrechtlich unbedenklich sei. Der Film hätte einem erwachsenen Publikum ohne weiteres vorgeführt werden können. Ohne FSK-Freigabe fehlte dem Film die wesentliche Voraussetzung zur Abnahme beim Bundesinnenminister. Achternbusch hatte für seinen Film "Das letzte Loch" den Bundesfilmpreis ("Filmband in Silber") erhalten, verbunden mit einer Prämie von 300 000 DM, die gemäß den Filmpreisrichtlinien für die Herstellung eines neuen Films zu verwenden waren. Die Zahlung der letzten Rate in Höhe von 75.000 DM stand noch aus.

LOB VON EVANGELISCHER SEITE

Die Debatte um "Das Gespenst" spitzte sich zu, weil es eine Gegenposition auf evangelischer Seite gab. Die Jury der Evangelischen Filmarbeit erklärte Achternbuschs Werk zum "Film des Monats" April 1983. (Dieses und andere Dokumente finden sich in "FILM-Korrespondenz.", Nr. 9/1983 bzw. in "Pro und contra das 'Gespenst'", epd Dokumentation Nr. 29, 20.6.1983.) Auch wenn nach dem geänderten Statut die Auszeichnung nicht als generelle Empfehlung, sondern als Anregung zur Diskussion verstanden werden sollte. wurde dies auch in weiten Kreisen der evangelischen Kirche selbst als lobende Auszeichnung verstanden. Die Jurybegründung gipfelte in der Erkenntnis, das "scheinbare Kasperlespiel" könne "bei allen unbestreitbaren Verstößen gegen die Regeln des bürgerlichen Geschmacks in Wahrheit Antriebskräfte einer heilsamen Selbstbefragung in Gang setzen".

Die Kritik im "film-dienst" von Günther Vogg (fd 23 962) charakterisierte die Montage vollkommen heterogener Bestandteile als "Verschlüsselung, die sich an keine Konvention hält". Angesichts der Mischung von Zitaten und Zoten, Absurdem und Abstrusem, Hintersinn und Unsinn muß der Kritiker letztlich kapitulieren: "Ein blasphemischer Film oder ein aufrichtig-kritischer Film, ein antichristliches Pamphlet oder eine Kritik an der real existierenden Kirche, ein surreales Mysterienspiel oder absurdes Laientheater - Achternbuschs Film ist alles und nichts." Die Kritik ließ so verschiedene Lesarten offen, wenngleich sie im Abwägen von positiven und negativen Elementen zu einem eindeutigen Ergebnis kam: "Einigen eindrucksvollen Szenen und Bildeinstellungen (Schlußapotheose) stehen zahllose Geschmacklosigkeiten und Provokationen, darstellerisches Unvermögen (Novizinnen, Bischof) und quälende Längen, Klischees und Banalitäten gegenüber." Die Filmkommission resümierte in ihrer Stellungnahme: "Der formal mißlungene Film gefällt sich in Geschmacklosigkeiten und Provokationen, die beleidigen, weil sie das religiöse und sittliche Empfinden vieler Menschen mißachten." Ein "Wir raten ab" wurde nicht gegeben, eher aus taktischen Gründen, um die Diskussion nicht zusätzlich anzuheizen und dem Film dadurch Publizität zu verschaffen.

PROTESTE DER AMTSKIRCHE

Nachdem offizielle Reaktionen der Amtskirche auf katholischer Seite zunächst bewußt vermieden worden waren, gaben die verfälschenden Darstellungen über die Entscheidung des Bundesinnenministers und die Auszeichnung des Films durch die Jury der evangelischen Filmarbeit den Anlaß zu einer Äußerung des Leiters der Zentralstelle Medien, Prälat Wilhelm Schätzler. Inzwischen war der Film im Revisionsverfahren in der FSK im Hauptausschuß mit der Begründung der Meinungsvielfalt freigegeben worden. Angesichts einer positiven Stellungnahme einer kirchlichen Jury ließ sich die Argumentation einer Verletzung religiösen Empfindens nicht mehr halten. In seiner Stellungnahme vom 29. April 1983, die zeitgleich mit der Kritik im "film-dienst" veröffentlicht wurde, weist Schätzler neben der Richtigstellung der Vorgänge im Rahmen der BMI-Förderung und der FSK auf die "ernste Belastung" der ökumenischen Zusammenarbeit durch die Jury-Entscheidung hin. Fast noch schärfer formulierte der Sprecher der EKD in einer offiziellen Stellungnahme vom 4. Mai 1983 das Bedauern der EKD darüber, "daß die Jury über viele Szenen hinweggesehen hat, in der die Person Jesu Christi und Symbole des christlichen Glaubens auf groteske und verletzende Weise verfremdet werden". Von Seiten der Deutschen Bischofskonferenz gab die Publizistische Kommission eine Stellungnahme ab, als Reaktion auf eine Protestwelle, die zum einen die Verletzung des religiösen Empfindens und zum anderen die Tatsache der Förderung des Films mit öffentlichen Mitteln herausstellte.

Die Diskussion um den Film lief auf verschiedenen Ebenen: Während die Befürworter des Films Valentin und Bunuel als Ahnherren ins Feld führten, sahen die anderen eine oberflächliche und willkürliche Verwendung christlicher Themen und Symbole in eindeutig verletzender Absicht. Dabei spitzte sich die Diskussion zunehmend auf die Frage der künstlerischen Freiheit im Rahmen öffentlicher Filmförderung zu. Die Befürworter sahen diese durch ein Verhalten des ohnehin von vielen Filmschaffenden ungeliebten Bundesinnenministers als extrem gefährdet an, während die kirchliche Position nicht Freiheit als absoluten Selbstwert, sondern in ihrer sozialen Einbindung verstanden wissen wollte. Der damalige Filmreferent in der Zentralstelle Medien, Reinhold Jacobi, stellte fest: "Die vehementen Verfechter der Kunstfreiheit vernachlässigen - wie häufig - die Religionsfreiheit. (...) Es hat sich gerade in dieser Kontroverse der Eindruck verdichtet, als halte die liberale Presse Glaubensinhalte als wesentliche Elemente der Religionsausübung für allenfalls privatistische Angelegenheiten. Den Schutz dieser Interessen haben gewissermaßen die Betroffenen selbst einzufordern. Die Kunstfreiheit dagegen: Empören und Eintreten für potentiell Betroffene allenthalben." ("German Filmers Angst. Zur Gegenwart und Zukunft der deutschen Filmförderung/' in : "FILM-Korrespondenz", Nr. 19/1983. S. 1-9. Hier: S. 2)

Ein großer Teil der Diskussion um Inhalte drehte sich weniger um theologische Fragen als um die Verstöße gegen das Geschmacksempfinden. In dieser Hinsicht ist die Äußerung des Bundesinnenministers Zimmermann durchaus typisch, der in einem Interview im "SPIEGEL" (Nr. 29/1983, S. 22-29) bekannte: "Ich lasse nicht zu, daß mit Steuergeldern gefördert wird, daß einem Christus am Kreuz eine Schweinszunge aus dem Munde hängt, daß Kröten gekreuzigt werden und daß besoffene Polizisten ihre Notdurft in ein Schnapsglas verrichten, während ununterbrochen auf der Polizeiwache das Telefon läutet, aber niemand hingeht, um die Assoziation zu erwecken, bei der Polizei brauchst du nicht anzurufen: Die sind besoffen, die haben für dich keine Zeit."

SKANDALFILM MIT EMPFEHLUNG

Als Gegenstück zum Fall Achternbusch ist Jean-Luc Godards Film "Maria und Joseph" bemerkenswert in doppelter Hinsicht. Zum ersten Mal liegt hier ein Film vor, der von den professionellen Vertretern kirchlicher Filmarbeit empfohlen, von Vertretern der kirchlichen Hierarchie aber abgelehnt wird: zum anderen verbindet sich hier mit der Diskussion in besonderer Weise die Problematik der künstlerischen Form.

Dies erkannte schon die OCIC-Jury bei den Berliner Filmfestspielen 1985 (15.-26. Februar). In einem "Statement" erklärte sie: "Im Bewußtsein der Schwierigkeiten bzgl. der Originalität seiner Form und seines Themas möchte die OCIC-Jury einstimmig ihr Interesse an dem Film von Godard bekunden und den revolutionären Zugriff zu seinem Thema hervorheben. Mit großer Behutsamkeit greift Godard eine alte Glaubenswahrheit auf, um sich dem unerklärbaren Geheimnis der Liebe und des Lebens zu nähern. Er zeigt den Zusammenhang von Sinnlichkeit und Reinheit. von Naturwissenschaft und Metaphysik, die Versöhnung von Alltagserfahrung und Spiritualität. Die OCIC-Jury regt an, sich mit dem Film vorurteilsfrei auseinanderzusetzen." (fd 5/1985, S. 149)

Die im "film-dienst" veröffentlichte Kritik von Hubert Haslberger (fd 25 050) verwies auf die "größte Gefahr (...) einer allzu direkten Gleichsetzung der beiden verschiedenen Zeit- und Bedeutungsebenen", d. h. die biblische Geschichte und die Gegenwartsgeschichte, und stellte die positive Botschaft in ihrer komplexen Form heraus: "Es geht darum, mit gebrochener biblischer Metaphorik das Irdische, das Leben, die Liebe, die Mutterschaft wieder neu begreiflich zu machen. Und es geht um die heilsame Zertrümmerung platter Realitätsbegriffe und um die Wiederentdeckung des Wunderbaren im scheinbar Alltäglichen." Die Stellungnahme der Kommission unterstrich unter Bezugnahme auf die Komplexität der Form nochmals die Anforderungen an den Zuschauer: "Der facettenreiche, durch seine Fülle an literarischen, philosophischen und theologischen Verweisen sehr anspruchsvolle Film bedarf der aufmerksamen Einlassung des Zuschauers."

BLASPHEMIE ODER NICHT?


Die Stellungnahme der Zentralstelle Medien vom 7. März 1985 (in: "FILM-Korresponden:", Nr. 9/1985, S. l) nimmt die Betroffenheit mancher Christen ernst, wirbt aber gleichzeitig um ein besseres Verständnis. Zugestanden wird als mögliche Wirkung, daß der Film "nicht leicht zugänglich" sei und "u. U. Betroffenheit auslösen" werde. Der Film wolle aber keine "aktuelle Darstellung des Dogamas der Jungfrauengeburt sein". Mit dem Hinweis auf den Widerspruch bei "nichtchristlichen Zeitgenossen" wird der Kern von Godards Films als Versuch gedeutet, "in Anlehnung an einen biblischen Stoff das Geheimnis des Lebens, seine Unverfügbarkeit und unantastbare Würde bildhaft auszudrükken und festzuhalten". Der Blasphemie-Verdacht wird durch eine eindeutige Bewertung der Intention entkräftet: "Vielleicht hilft es zu wissen, daß Godard es nicht im Sinn hatte, durch den Film Glaubens Vorstellungen zu beleidigen."

Der Ständige Rat der deutschen Bischofskonferenz erhebt in seiner Stellungnahme vom 29. April 1985 (in: "FILM-Korrespondenz". Nr. 9/1985, S. 12f.) nicht den Blasphemie-Vorwurf, sondern argumentiert von einer verkürzten Rezeption her, die die eigentliche Intention nicht wahrnimmt: "Viele Gläubige (haben) den Eindruck, daß mit dem, was ihrer Frömmigkeit heilig ist, in einer dem Heilsereignis unangemessenen Weise gespielt wird." Eine inhaltliche Bewertung findet nicht statt, dafür wird die Formkritik umso schärfer formuliert: "Wenn auch nach Aussagen des Autors der Film keine Verhöhnung des katholischen Glaubens beabsichtigt, so verletzt er doch durch die Wahl seiner Mittel - angefangen vom Titel - viele Gläubige."

Die große Chance, die der Film nach Auffassung der kirchlichen Filmexperten bot, über den Film eine zeitgemäße Annäherung an wichtige Glaubensinhalte zu versuchen, wurde letztlich nicht genutzt, weil doch die Bedenken, die sich in der Stellungnahme des Ständigen Rates niederschlagen, überwogen. Die Befürworter des Films traf damals schon zum Teil heftige Kritik aus Kirchenkreisen, im Gegensatz zu dem Film Achternbuschs, der noch heute Kontroversen auslösen kann, hat sich die Entrüstung über Godards Film gelegt.

SKANDAL UM EINE VISION DES TEUFELS

Der letzte große Skandalfall ist Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi" (1989) nach dem Roman des griechischen Nobelpreisträgers Nikos Kazantzakis, der nach seinem Erscheinen auf den kirchlichen "Index" gekommen war. Gab es schon bei Godards Film Vorberichte über die Debatten in Frankreich, wurde der Skandal im Fall Scorsese aus den Vereinigten Staaten importiert. Noch vor dem europäischen Start des Films auf den Filmfestspielen in Venedig im September 1989 formierten sich die Proteste. Im August formulierte die Evangelische Marienschwesterschaft Darmstadt Warnungen vor dieser "hereinbrechenden Flut der Gotteslästerung". Beigefügt war dem Schreiben eine Inhaltszusammenfassung des Films mit detaillierten Beschreibungen ("Jesus nackt am Kreuz. Schamhaare sind zu sehen, aber nicht die Geschlechtsteile"; S. 5), verfaßt von Evelyn Dukovic, Vize-Präsidentin der Organisation "Morality in Media, Inc.", New York. In einer Stellungnahme für eine Pressekonferenz in Los Angeles am 9.9.1989 formulierte Mutter Basilea Schlink die Ablehnungsargumente: 1. Jesus wird als "Lüstling" dargestellt. 2. Er wird als Schwächling voll Furcht und Sünde dargestellt. 3. Der Film ist einer "der raffiniertesten Verführungen und Blasphemien, welche die Welt je gesehen hat, eine Verflechtung von Obszönitäten und mißbrauchten Bibelzitaten, wobei Schmählichstes, Gemeines über Jesus ausgesagt wird". Die Stellungnahme endet mit dem warnenden Hinweis auf die Strafe Gottes, unterlegt mit dem Zitat: "Irret Euch nicht, GOTT läßt sich nicht spotten" (Gal 6,7).

Als der Film erstmals auf den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde, veröffentlichte die OCIC eine Stellungnahme, die vor allem die Enttäuschung der kirchlichen Filmexperten über die Unzulänglichkeiten der Bildästhetik zum Ausdruck brachte (vgl. fd 19/1989, S. 939). Eine Flut von Protestschreiben, von denen der überwiegende Teil die vorformulierten Argumente der evangelischen Marienschwestern kopierte, veranlaßte die Bischöfe zu einer eigenen Stellungnahme (vgl. fd 20/1989, S. 1212) anläßlich der Herbstvollversammlung, noch bevor die deutsche Fassung vorlag. Darin drückte sie ihr Befremden darüber aus, daß "ein solcher Film überhaupt dem Publikum zugemutet wird". Kern der Stellungnahme ist eine scharfe Zurückweisung des Inhalts: "In völliger Willkür verfälscht und verzerrt der Film die biblische Gestalt Jesu. Er beleidigt die religiösen Gefühle der Gläubigen." Ebenso harte Vorwürfe treffen den Autor: "Wer in dieser Weise die Überzeugungen anderer verletzt, verhält sich intolerant und kann sich dafür nicht auf die Freiheit der Kunst berufen." Gegenüber früheren Stellungnahmen zu anderen Filmen, die noch stärker argumentativ angelegt waren, wird hier das Urteil auf wenige apodiktische Sätze reduziert, die vom Ton der Protestbriefe nicht weit entfernt sind.

DIFFERENZIERTE KRITIK

Der "film-dienst" beschäftigte sich ausführlich mit dem Film. In der Kritik (fd 27 169) von Hans Gasper, Referent für Grundsatzfragen und Sektenexperte in der Zentralstelle Pastoral, wurden die ästhetischen und theologischen Probleme des Films beleuchtet. Die Kritik stellt deutlich die Differenz zwischen dem Jesusbild der Heiligen Schrift und dem Jesusbild von Kazantzakis und Scorsese heraus. Der am meisten umstrittenen Traumsequenz wird eine "gewisse Zweideutigkeit" attestiert, aber es werden auch durchaus diskussionswerte Bezüge erkannt: "Ausgerechnet in jener Sequenz, die am meisten Aufregung verursacht hat, bekommt der Film noch am meisten Boden unter die Füße: Die Urversuchung des von Gott Erwählten, sich davon zu machen (Jona!) - trotz der Banalitäten und auch Geschmacklosigkeiten dieses Abschnitts." Die zusammenfassende Stellungnahme der Katholischen Filmkommission kam zu dem Ergebnis: "Der in mehreren Darstellungen biblischer Episoden plakative und enttäuschend flache Film stellt sich durch sein Gottesbild und die Zeichnung Jesu Christi in grundsätzlichen Widerspruch zur christlichen Heilsbotschaft. In ihrem ikonografischen Charakter wirken die Bilder ohne spirituelle Kraft und verfehlen den zentralen Aspekt des christlichen Glaubens, die erlösende Anteilnahme Gottes am existentiellen Sein des Menschen. Zuschauer, die den dargestellten Jesus als Jesus der Bibel (miß-)verstehen, können zu Recht Anstoß nehmen." In einem weiteren umfangreichen Aufsatz von Karl-Eugen Hagmann wurde die theologische und ästhetische Bewertung noch weiter vertieft ("Geisel in Gottes Hand", in: fd 23/1989, S. 1339-1344).

NEUE BLASPHEMIE-DISKUSSION

Bei Scorseses Film und den zuvor erwähnten Beispielen der 80er Jahre spitzte sich die Blasphemie-Diskussion noch einmal zu. Dabei wird auch von den Fachleuten gern übersehen, daß die Vokabel in den offiziellen kirchlichen Stellungnahmen und in der Kritik nicht vorkommt. Reinhold Zwick kommt in seiner Untersuchung der verschiedenen Ursachen und Motive der Blasphemie ("Blasphemie im Film", in: "Katechetische Blätter", Heft 7-9/1991, S. 540-549) zu dem Ergebnis, daß "immer wenigstens vier Faktoren, die alles Urteilen konditionieren und permanent relativieren", im Spiel sind: 1. die aktuelle geistig-emotionale Verfassung, 2. gruppenspezifische Überzeugungen, 3. individuelle Wertmaßstäbe und ureigenes religiöses Empfinden, 4. der künstlerische Charakter des Werkes. Diese Relativierungen mahnen - so Zwick - "zu besonderer Umsicht bei der Rede von Blasphemie, heben aber keineswegs deren Sinnhaftigkeit auf. Es gibt nach Auffassung von Zwick gewollte blasphemische Akte, die den Christen auch zu einer Stellungnahme herausfordern.


Bei den letztgenannten Beispielen der 90er Jahre sowie auch bei den meisten früheren Skandalfilmen ist der Blasphemie-Vorwurf in strengem Sinn nicht zu halten. Es zeigt sich hier stets die Differenz von "Interpretation" und "Gebrauch" im Sinne Umberto Ecos (vgl. "Lectorinfabula", München 1990, S, 72 ff.), wonach mit "Interpretation" die Realisierung der im Text angelegten Lesarten gemeint ist, während "Gebrauch" alle Rezeptionsweisen umfaßt, die an der Textintention vorbeigehen und Mißverständnisse, Verzerrungen oder andere Störungen der Rezeption mit einschließen. Alle Blasphemie-Vorwürfe sind in der Regel gestützt durch eine unterstellte Rezeption, die einzelne Szenen aus dem Kontext reißt und über Gebühr herausstellt und andere Aspekte unterschlägt. Der empirische Nachweis, daß eine derartige Rezeption tatsächlich vorkommt, wird unmöglich, wenn die Protestierenden zunehmend ohne eigene Kenntnis des Films ihre Meinung artikulieren.

Gerade bei den Auseinandersetzungen um die Filme der 90er Jahre wird zunehmend deutlich, daß sich auf der einen Seite durchaus engagierte Christen zu Wort melden, die auf Grund der fehlerhaften Information im guten Glauben handeln, protestieren zu müssen - häufig mit dem Hinweis darauf, daß andere dies schon getan haben -, auf der anderen Seite melden sich zahlreiche Schreiber, deren Meinungen oft gefährlicher sind als die Inhalte des Films. So werden antisemitische Tendenzen in Äußerungen zur "letzten Versuchung" erkennbar, oder es werden fundamentalistische Positionen des Islams gegenüber vermeintlichen Häretikern als vorbildhaft hingestellt. Der Film wird nicht selten zum Anlaß genommen, den Ärger über Tendenzen in Politik und Kultur loszuwerden. So kommt es zu Ausfällen gegen die "atheistischen Liberalen und CDU-Heuchler", der Untergang des Abendlandes wird beschworen und der Film als Spitze einer Entwicklung gesehen, die mit Nacktbaden, Sexualaufklärung an Schulen, Pille, Abtreibung usw. schon Zeichen des Antichristen gesetzt hat.

ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG

In der Auseinandersetzung um die Skandalfilme lassen sich Entwicklungslinien erkennen:
1. Die Gruppen der Betroffenen verändern sich. Während im Fall der "Sünderin" noch die ganze Breite des katholischen sozialen Milieus mobilisiert wird und die Ablehnung von der Jugend über die Verbände bis hin zur Hierarchie einhellig ist, gibt es spätestens seit den 60er Jahren deutlich unterschiedene Lager. Im Falle des "Schweigens" stehen die katholische Filmkritik und die Filmkommission gegen viele Vertreter der kirchlichen Hierarchie und gegen Bereiche der säkularen Öffentlichkeit mit einer differenzierten Würdigung. Im Fall der "Letzten Versuchung" ist es soweit gekommen, daß der eigentliche Protest in völliger Unkenntnis des Werkes sich in einer Flut von Formbriefen äußert.
2. Die Kompetenz der professionellen katholischen Filmkritik ändert sich. Ist der Ansatz auch mit dem Ziel des mündigen Zuschauers zunächst noch unter dem Eindruck der Erfahrungen des Nazi-Regimes vor allem bewahrpädagogisch ausgerichtet, so weitet er sich immer mehr auf einen dialogischen hin. Mit zunehmender filmanalytischer Kompetenz gewinnt die Bedeutung der formalästhetischen Seite einen gewichtigen Stellenwert, die angestrebte "ganzheitliche Schau" wird zunehmend verwirklicht.
3. Die Motive, die hinter den Reaktionen auf Skandalfilme stehen, ändern sich: Ist die Zurückhaltung der katholischen Filmkritik in vielen Fällen taktisch motiviert, um dem Film nicht durch eine öffentliche Verlautbarung erst zum Skandal zu machen, so wird zunehmend die Komplexität gewürdigt. Die Würdigung auch komplexer ästhetischer Konstruktion läßt keine apodiktischen Urteile mehr zu.
4. Die Argumente in den Debatten ändern sich: Während in den 50er und 60er Jahren die sittlich-moralischen Normen im Vordergrund stehen, verlagert sich die Diskussion in den 80er Jahren zunehmend auf die Frage der Kunstfreiheit. Dabei ist auch zu beobachten, daß die Qualität der Kritiken zunimmt, während die Stellungnahmen der Amtskirche eher an Argumentationsbreite verlieren, so daß im Fall Scorsese nur noch auf Standardformulierungen reduzierte Urteile abgegeben werden.
5. Einwände vieler Protestierender können kaum ernsthaft gewürdigt werden, weil sie in den meisten Fällen nicht auf einer eigenen Sichtung beruhen, sondern auf einer Hypothese. Zudem mischen sich unterschiedliche Motive in den Protest: Artikulation eines allgemeinen Unbehagens, gezielte Kritik an gesellschaftlichen und politischen Institutionen und persönliche Verletztheiten.

Ebenso heftig sind die Reaktionen derer, die der Kirche jedes Recht auf eine Stellungnahme absprechen. Gerade in persönlichen Begegnungen bei Diskussionen spürt man sehr schnell, daß nicht allein der Film Auslöser für heftige Reaktionen ist, sondern eher persönliche negative Erfahrungen mit der Kirche, so daß die Diskussion über einen Film, der die Kirche wieder als Zensurinstanz erscheinen läßt, Attacken hervorruft, die individualpsychologisch motiviert sind. Man attackiert den Film, um die Ungläubigen zu treffen, oder man attackiert die Kirche. Es ist kein Einzelfall, daß bei Diskussionen über den Spezialfall des Films dem Kirchenvertreter sehr schnell das ganze "Sündenregister" der Kirche (der Fall Galilei, die Hexenverfolgung, die Machtpolitik, die Prunksucht des Vatikans etc.) um die Ohren geschlagen wird.

Die Tatsache, daß bestimmte Filme Proteste hervorrufen, ist nicht von vornherein negativ zu bewerten. Die Provokation des Rezipienten, der Versuch, durch Provokation eingefahrene Sehweisen neu zu überdenken, ist ein legitimes Verfahren der Künste. Die Proteste können sogar für das Gelingen des Films sprechen. Gäbe es keine Proteste, hätte der Film sein Ziel verfehlt. Ebenso legitim ist die Frage, wie die Provokation zu beurteilen ist, welche Ziele sie verfolgt und welchen Sinn die intendierten Denkanstöße vermitteln wollen.

Das Fazit bei allen Skandalfilmen ist dies: Obwohl die Filme mehr als alle anderen diskutiert worden sind, wurden die eigentlichen Diskussionen, die lohnenswert gewesen wären, kaum geführt. "Das Schweigen" war nicht Anlaß, um über die Erfahrungen des modernen Menschen, der Gott als Schweigenden empfindet, zu diskutieren, sondern ein Streit um sexuell abstoßende Szenen, die so wirkten, wie sie wirken sollten. Bei "Maria und Joseph" gab es keine Diskussion über die Frage nach einer zeitgemäßen Vermittlung der großen Geheimnisse des Lebens und der Liebe, sondern Aufgeregtheiten um eine nackte Maria und vulgäre Sprache. "Die letzte Versuchung Christi" war kein Anlaß, über unsere Jesus- und Gottesbilder und unser heutiges Verständnis der Doppelnatur Jesu so offen zu sprechen, wie Scorsese sein Bekenntnis und seine eigenen Vorstellungen im Film ausdrückt, sondern man stritt um eine zum Zwecke der Verdeutlichung erfundene Vision des Teufels. Fast müßte man sich einen hochkarätigen "Skandalfilm" wünschen, der unbequeme Denkanstöße gibt, die auch so aufgegriffen werden, daß sie zu einer wirklich breiten und tiefgehenden theologischen Debatte über religiöse Erfahrungen in unserer Zeit führen.

Peter Hasenberg, FILMDIENST 13/1995

 

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