"Traumfabrik": Ein Comic huldigt dem frühen Kino

Eine französische Comicreihe von Laurent Galandon und Frédéric Blier erkundet die Stummfilmindustrie im Paris der 1920er Jahre. Der erste Band ist jetzt auf deutsch erschienen.

Von Christian Meyer-Pröpstl

Riesengroß, aber absolut liebenswert! Der gutmütige Hühne Célestin ist vom Kino besessen, hat sogar ein paar eigene Drehbuch-Versuche in seiner Schublade liegen. Ansonsten beschränkt sich seine Leidenschaft auf den regelmäßigen Kinobesuch und das Sammeln von Postkarten seiner Lieblingsstars. Was bleibt ihm auch sonst übrig, tief in der Provinz? Célestin wohnt noch bei seinen Eltern und arbeitet in der väterlichen Kanzlei, wo er die ständigen Demütigungen seines Vaters ertragen muss. Eines Abends reicht es ihm: Er macht sich auf nach Paris – ins Mekka der französischen Cineasten.

Dort trifft er Anatole, den er einst als Filmvorführer kennenlernte und der inzwischen ein eigenes Kino hat. Doch das läuft nicht gut. „An die aktuellen Filme kommt man gar nicht mehr ran: Die Verleiher wollen viel zu viel Geld. Sie werden jetzt vor allem in den großen Sälen in Paris gezeigt, wo sie von Orchestern begleitet werden.“ Von Orchestern begleitet? Richtig! Wir schreiben das Jahr 1927. Offensichtlich gab es schon damals den Kampf um das bessere Soundsystem. Das ist nicht die einzige Parallele, die der Comic „Die Traumfabrik“  zur Gegenwart des Kinos schlägt. Anatole bleibt nur das Nachspielen älterer Filme. „Deswegen zeige ich jetzt nur noch wahre Meisterwerke, die ich wohl ausgesucht habe. Sie mögen zwar alt sein – aber ein guter Film verdient mehr als eine einwöchige Spielzeit, oder?“ Mit stoischem Eifer zeigt er Douglas Fairbanks‘ „Der Dieb von Bagdad“ (1924), aber das Publikum bleibt aus. Um über die Runden zu kommen, spielt er in der Spätvorstellung pornografische Filme. Als Célestine einen Laufbotenjob beim Film bekommt, fasst er einen Plan: Während tags im Studio eine große Produktion abgedreht wird, arbeitet er nachts in denselben Kulissen heimlich an seinem ersten Film. Sein unaufhaltsamer Eifer erinnert an B Movie-Enthusiasten wie Ed Wood.

Der Autor Laurent Galandon hat sich in Frankreich mit Geschichten über Außenseiter und Underdogs einen Namen gemacht; der Zeichner Frédéric Blier, der die Bilder zu Galadons Geschichte über die „Traumfabrik“ beigesteuert hat, könnte mit seinen detailverliebten Zeichnungen auch einige Aufmerksamkeit erlangen. Gerade die filmhistorischen Aspekte werden im Text wie auch in den Bildern schön herausgearbeitet. Dazu gibt es einen liebevoll gestalteten Anhang des Institut Lumière über die Erfindung des Kinematographen. Der erste Band „Der Riese und die Nackttänzerin“ ist auf Deutsch erschienen; im französischen Original gibt es bislang zwei Bände.

Laurent Galandon & Frédéric Blier: „Die Traumfabrik Bd.1: Der Riese und die Nackttänzerin“, Panini Comics, Hardcover, farbig, 56 S., 14,99 EUR.

 

Zurück zur Übersicht