Venezia 74: Die Preise

Felicitas Kleiner | 10.09.2017

Die Kreatur aus der schwarzen Lagune triumphiert in der Lagunenstadt: Guillermo del Toros Fantasy-Liebesfilm „The Shape of Water“ wurde gestern bei der Preisverleihung der 74. „Mostra“ mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet.

Es war ein Wettbewerbs-Jahrgang, der bewies, wie vital und wie gesellschaftlich relevant das Genre-Kino sein kann; insofern ist es stimmig, dass nun auch einer dieser Genre-Filme den Hauptpreis des Festivals bekommt. Del Toros abenteuerliche Romanze um ein dem „Schrecken vom Amazonas“ (1954) nachempfundenes, mysteriöses amphibisches Geschöpf, das in einem Regierungs-Labor im Amerika der 1950er gequält wird, bis es dank der Liebe einer noblen Putzfrau (Sally Hawkins) und couragierter Sidekicks gerettet wird, ist gleichermaßen eine Liebeserklärung ans Kino jener Epoche wie eine entschiedene Absage an die  „Make America Great Again“-Nostalgie nach den damaligen vermeintlich stabilen Verhältnissen – vor den Emanzipationsbewegungen von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen, vor dem Vietnamkrieg und 9/11, vor Globalisierung und Digitalisierung. Er feiert verspielt den Mid-Century-Stil, verbindet ihn aber dem Plädoyer für eine offene Gesellschaft und „diversity“ - märchenhaft-utopisch ausgemalt in der Liebesgeschichte zwischen den Frau und der fremdartigen Kreatur, aber auch „geerdeter“ in der Solidarität von Nebenfiguren, die sich aus einer schwarzen Kollegin der Putzfrau (Octavia Spencer), einem schwulen Nachbarn (Richard Jenkins) und einem russischen Spion (Michael Stuhlbarg) rekrutieren und dem durch Michael Shannon eindrücklich verkörperten Chauvinismus der Kalter-Krieg-Ära tapfer Paroli bieten.

Filme, die wie „The Shape of Water“ entweder amerikanische Produktionen sind oder sich an amerikanischen Themen und Mustern des US-Genrekinos abarbeiten, dominierten dieses Jahr klar den Wettbewerb der 74. „Mostra“. Einige von ihnen, vor allen Paul Schraders formal wie inhaltlich überragender „First Reformed“ oder Frederick Wisemans Doku „EX LIBRIS“, wären durchaus auch einen Preis der internationalen Jury wert gewesen; wobei letzterer immerhin von der Kritiker-Vereinigung FIPRESCI angemessen honoriert wurde. Außerdem geehrt wurde Martin McDonaghs „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, der dem Genre des Rache-Thrillers einen sehr humanen Trist verleiht (Preis fürs beste Drehbuch), der australische Film „Sweet Country“ von Warwick Thornton, der sich im Gewand eines klassischen Western am Rassismus abarbeitet (Spezialpreis der Jury), sowie Andrew Haighs „Lean on Pete“, der ein Coming-of-Age-Drama in ein Road Movie durch den mittleren Westen der USA münden lässt (mit einem Preis für Hauptdarsteller Charlie Plummer als bester Nachwuchsdarsteller).

Donald Trumps Wahl-Slogan „Make America Great Again“ scheint, so zeigten viele Filme der „Mostra“, in Bezug aufs Kino schon aufgegangen zu sein, wenn auch sicher nicht im Trumpschen Sinn: Die Cineasten-Welt schaute vom Lido aus auf Amerika und sah dabei viele Werke, die „great“ sind. Ihre Größe gewinnen sie allerdings gerade dadurch, sich sehr kritisch durch den gesellschaftlichen Boden zu wühlen, auf dem die Ära Trump gediehen ist, und vehement Gegenpositionen zu formulieren. Ein Jahrgang, den man nicht so schnell vergessen wird.  


Hier eine Auflistung der Wettbewerbs-Preise:

Goldener Löwe für den besten Film::
„The Shape of Water“ von Guillermo del Toro

Silberner Löwe/Großer Preis der Jury:
„Foxtrot“ von Samuel Maoz

Silberner Löwer für die beste Regie:
Xavier Legrand für „Jusqu’à la garde“

Coppa Volpi für die beste Schauspielerin:
Charlotte Rampling in „Hannah“ von Andrea Pallaoro

Coppa Volpi für den besten Schauspieler:
Kamel El Basha In „The Insult“ von Ziad Doueiri     

Preis für das beste Drehbuch:
Martin McDonagh für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh

Spezialpreis der Jury:
„Sweet Country“ von Warwick Thornton

Marcello Mastroianni Award für den besten Nachwuchsschauspieler:
Charlie Plummer in  „Lean on Pete“ von Andrew Haigh

Die offiziellen Preise, die im Rahmen der 74. „Mostra“ verliehen wurden, finden sich hier; weitere Preise hier.


 

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