Wer die Wahl hat, hat die Qual: "Newton" (Forum)

Holger Römers | 17.02.2017

Ein kleines Meisterwerk: Eine ebenso unterhaltsame wie hintergründige Reflexion über Demokratie, festgemacht an den Abenteuern eines Wahlhelfers in Indien (zu sehen im "Forum" der Berlinale).

Die gegenwärtige Krise der Demokratie ist, da die Wähler sich im gesamten Westen immer unberechenbarer verhalten, zurzeit in aller Munde. Da mag man sich damit trösten, dass wir zumindest nicht solche blutigen Probleme haben wie beispielsweise Indien: In der größten Demokratie der Welt fiel bei den letzten Parlamentswahlen nämlich mehr als ein Dutzend Menschen Anschlägen zum Opfer, die maoistischen Rebellen zugeschrieben wurden. Gleich zu Beginn von "Newton" stirbt bei so einem Attentat ein wahlkämpfender Politiker, was den Protagonisten dieses Spielfilms, einen naiven Beamten, jedoch nicht davon abhält, sich als freiwilliger Wahlhelfer ins abgelegene Rebellengebiet entsenden zu lassen.

Regisseur Amit V Masurkar beweist bei der ironischen Überzeichnung dieses jungen Helden ein ebenso sicheres Gespür für die angemessene Dosierung wie beim Einstreuen gelegentlicher Gags, die sich aus der Konfrontation des pedantischen Kauzes mit hemdsärmeligen Soldaten und reservierten Urwaldbewohnern ergeben. Ein entspannter Erzählrhythmus trägt zusätzlich dazu bei, dass dieser amüsante Film, gemessen an den Standards der Forum-Sektion der Berlinale, ungewöhnlich zugänglich wirkt. Was diese unscheinbare Polit-Satire zu einem kleinen Meisterwerk macht, ist allerdings die hintergründige Reflexion des Themas Demokratie. Bezeichnenderweise kann man sich auch als westlicher Großstadtbewohner davon angesprochen fühlen, wenn hier hinterwäldlerische Angehörige einer indigenen indischen Volksgruppe die Aufforderung zur Stimmabgabe mit der skeptischen Frage beantworten, ob die Wahl denn irgendwelche Veränderungen bringen werde. Ebenso bezeichnend ist freilich, dass diese Menschen instinktiv einen demokratischen Impuls verspüren: Unabhängig vom etablierten Politikbetrieb haben sie nämlich wie selbstverständlich aus ihren Reihen einen Repräsentanten bestimmt, der ihre Interessen gegenüber der Außenwelt vertreten soll.

 

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