Belle & Sebastian
Schwestern
Scherbenpark
Djeca – Kinder von Sarajevo
Die Nonne
Aus dem Leben eines Schrottsammlers
Die andere Heimat
Michael Kohlhaas
Das Mädchen Wadjda
Gloria
Gold
Just in the wind
Layla Fourie
Promised Land
Oben ist es still
To the wonder
Paradies: Hoffnung
The broken circle
Das Leben ist nichts für Feiglinge
Drachenmädchen
The master
Die Wand
Liebe
Die Jagd
Unter Menschen
Barbara
Das Turiner Pferd
Dein Weg
Der Junge mit dem Fahrrad
Halt auf freier Strecke
Le Havre
Monsieur Lazhar
Nader und Simin
The tree of life
Tom und Hacke
Vier Leben

Kinotipp-Archiv

Belle & Sebastian

Im Sommer 1943 trifft ein siebenjähriger Junge in den französischen Alpen auf eine herrenlose Hündin, die bei den Bauern als Bestie gilt. Heimlich freundet er sich mit dem Tier an, das ähnlich einsam ist wie er selbst. Die Verfilmung einer auch schon fürs Fernsehen adaptierten Kinderbuchreihe besticht durch ihre majestätischen Landschaftsaufnahmen sowie durch die gelungene Verlagerung der Handlung in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, wobei der Film eher existenziell als nostalgisch verklärt wirkt. Der spannende Abenteuerfilm erzählt mit stillen, eindrucksvollen Bildern von der Reifung des Jungen, der am Ende selbst entscheiden kann, wohin er gehören will.

Frankreich 2013
Regie: Nicolas Vanier
Länge: 104 Min.
Verleih: Ascot Elite
Kinotipp der katholischen Filmkritik 248/Dezember 2013


Schwestern

Eine junge Frau, jüngste Tochter einer durch und durch weltlichen Familie, schließt sich einem Orden an. Am Tag ihrer Einkleidung treffen sich alle Verwandten beim Kloster. Als sich die Zeremonie verschiebt, brechen auf einer Obstwiese lang aufgestaute Konflikte los: Unausgesprochenes drängt ans sommerliche Tageslicht, Lebensentwürfe und Haltungen werden hinterfragt. Die familiären Zwistigkeiten verlieren ihre Wucht, als sich Profanes und Sakrales ineinanderschieben. Warmherzige „menschliche Komödie“ über das Loslassen, unterhaltsam, charmant und nachdenklich erzählt. Dabei werden die Ereignisse visuell wie akustisch von der subtilen Kunst poetisch-stiller Chiffren getragen.

Deutschland 2012
Regie: Anne Wild
Länge: 85 Min.
Verleih: farbfilm
Kinotipp der katholischen Filmkritik 247/Dezember 2013


Scherbenpark

Eine 17-jährige Einwanderin aus Russland schlägt sich in einem multiethnischen Berliner Problembezirk durch, dessen Überlebensregeln sie meisterlich beherrscht. Sie findet im Schreiben einen Ausweg aus ihrer Misere, was ihr Anfeindungen und Angriffe ihrer bildungsfernen Umgebung einbringt. Ihre angestaute Wut auf die Welt wird durch die Konfrontation mit Vertretern des Bildungsbürgertums in Frage gestellt. Die Adaption des gleichnamigen Debütromans von Alina Bronsky konzentriert sich ganz auf die großartig gespielte Hauptfigur. Auch wenn im authentischen Szenario Klischees nicht ganz vermieden werden, überzeugt der Film durch lebensnahe Dialoge und die einfühlsame Regie.

Deutschland 2013
Regie: Bettina Blümner
Länge: 92 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinotipp der katholischen Filmkritik 246/November 2013


Djeca – Kinder von Sarajevo

Eine 23-jährige Bosnierin, die während des Kriegs ihre Eltern verlor, versucht, sich und ihren 14-jährigen Bruder in Sarajevo durchzubringen. Dass sie Rückhalt in ihrem muslimischen Glauben sucht und einen Schleier trägt, trägt nicht gerade dazu bei, ihr Akzeptanz zu verschaffen. Das Porträt einer Frau, die in einer um Normalität ringenden, von nachwirkenden Kriegstraumata gezeichneten Gesellschaft um Würde und eine Perspektive kämpft, weitet sich zum sensibel umgesetzten Spiegel der bosnischen Gesellschaft.

Bosnien und Herzegowina/Deutschland/Frankreich/Türkei 2012
Regie: Aida Begic
Länge: 89 Min.
Verleih: Barnsteiner
Kinotipp der katholischen Filmkritik 245/November 2013


Die Nonne

Eine 16-jährige Französin wird im 18. Jahrhundert von ihrer Familie genötigt, ins Kloster zu gehen. Da sich die junge Frau aber nicht von Gott berufen fühlt, wehrt sie sich, die Gelübde abzulegen. So beginnt ein Leidensweg, an dem sie zu zerbrechen droht. Eine betont spröde, kunstsinnige Verfilmung des gleichnamigen Romans von Denis Diderot, der um den Konflikt zwischen inneren Überzeugungen und sozialem Druck kreist. Der präzise inszenierte Film rechnet mit autoritären Strukturen ab, die die Entfaltung des Individuums behindern, schenkt aber auch den Kräften Raum, sich dagegen zu behaupten.

Frankreich/Deutschland/Belgien 2013
Regie: Guillaume Nicloux
Länge: 107 Min.
Verleih: Camino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 244/Oktober 2013

 

Aus dem Leben eines Schrottsammlers

Eine kleine Familie aus einem Roma-Dorf bei Sarajevo führt ein kärgliches Leben. Der Vater sorgt für das Auskommen, indem er alte Autos zerlegt, Altmetall sammelt und die Wertstoffe verkauft. Doch das Geld reicht nicht aus, um die Operation der schwangeren Mutter zu bezahlen, als der Fötus im Mutterleib stirbt und entfernt werden muss. Das sozialrealistische Drama stellt mit Laiendarstellern deren eigene Geschichte nach. Mit einer Kamera, die nahe an den Protagonisten ist und sich Zeit nimmt, in deren Alltag einzutauchen, erzählt der Film von einer Art von sozialem Rassismus, die sich zwar nicht in handfester Gewalt äußerst, aber ähnlich fatal wirkt.

Bosnien und Herzegowina 2013
Regie: Danis Tanovic
Länge: 77 Min.
Verleih: drei-freunde
Kinotipp der katholischen Filmkritik 243/Oktober 2013

 

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Der fiktive Hunsrück-Ort Schabbach in der Vormärz-Zeit der 1840er-Jahre: Während Vater Johann Simon und sein ältester Sohn Gustav in der Schmiede der Familie um die unsichere Existenz ringen, träumt der jüngere Sohn Jakob wie viele seiner Nachbarn davon, die Heimat zu verlassen und in der „neuen Welt“ ein besseres und freieres Leben zu finden. Die epische Familiengeschichte liefert ein ergreifend-kluges „Prequel“ zum“Heimat“-Zyklus von Edgar Reitz. In einer sprachlich wie bildgestalterisch beeindruckenden Mischung aus Sinnlichkeit und Stilisierung setzt sich der Film mit einer wichtigen Epoche deutscher Geschichte ebenso auseinander wie mit universellen Themen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Lebbarkeit von Freiheit.

Deutschland/Frankreich 2013
Regie: Edgar Reitz
Länge: 230 Min.
Verleih: Concorde
Kinotipp der katholischen Filmkritik 242/Oktober 2013

 

Michael Kohlhaas

Der Pferdehändler Michael Kohlhaas wird zum Opfer staatlicher Willkür. Nachdem ihm auch die Justiz sein Recht verweigert, beginnt er mit Anhängern und Rebellen aus der Bevölkerung einen Feldzug gegen die Herrschenden. Heinrich von Kleists gleichnamige, im 16. Jahrhundert angesiedelte Novelle wandelt sich zur zeitlosen philosophischen Reflexion über Gerechtigkeit, Unterdrückung und Widerstand. Der französische Regisseur Arnaud des Pallières verlegt die Handlung in die karge Landschaft der Cevennen, die er in majestätischen Bildern intensiv einfängt und die er zu einem konzentrierten Neo-Klassiker mit deutlichen Anleihen beim Western verdichtet.

Frankreich/Deutschland
Regie: Arnaud des Pallières
Länge: 122 Min.
Verleih: Alpenrepublik
Kinotipp der katholischen Filmkritik 241/September 2013


Das Mädchen Wadjda

Ein ebenso temperamentvolles wie selbstbewusstes zwölfjähriges Mädchen lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter in Riad und wünscht sich sehnlichst ein eigenes Fahrrad. Da aber das Radfahren in dem von strengen wahabitischen Traditionen geprägten Land für Mädchen als unschicklich gilt, weigert sich die Mutter, den Wunsch zu erfüllen. Doch das willensstarke Kind setzt alles daran, um das notwendige Geld selbst zu verdienen. Der erste komplett, teilweise illegal in Saudi-Arabien gedrehte Film verbindet eine anrührende Geschichte um den Kampf eines „Underdogs“ um seinen Lebenstraum, wie man ihn aus vielen Filmen kennt, mit spannenden Einblicken in die Lebenswelt saudischer Frauen. Der unterhaltsame und durchaus auch spannende Film fesselt zugleich als kritisches Gesellschaftsporträt, das dafür plädiert, mit erstarrten misogynen Traditionen zu brechen.

Deutschland/Saudi-Arabien 2012
Regie: Haifaa Al Mansour
Länge: 97 Min.
Verleih: Koch Media
Kinotipp der katholischen Filmkritik 240/September 2013

 

Gloria

Eine lebenshungrige, unabhängige Frau Mitte 50, die seit Jahren in Scheidung lebt und deren Kinder längst erwachsen sind, beginnt eine Liebesaffäre mit einem etwas älteren, ebenfalls geschiedenen Mann. Doch die Verbindlichkeiten, die diesen mit seiner „alten“ Familie verbinden, kommen der neuen Romanze in die Quere: Die Frau gibt sich nicht damit zufrieden, nur die zweite Geige zu spielen. Ein ebenso feinfühliger wie unterhaltsamer Porträtfilm, der zwischen sanftem Humor und Melancholie changiert. Er wirft einen genauen Blick auf die Lebensverhältnisse der Protagonistin und weitet ihn an den Rändern zum Panorama eines gesellschaftlichen Klimas, das den Wandel bestehender Verhältnisse herbeisehnt.

Chile/Spanien 2012
Regie: Sebastián Lelio
Länge: 109 Min.
Verleih: Alamode
Kinotipp der katholischen Filmkritik 239/August 2013

 

Gold

Eine alleinstehende Frau aus Deutschland schließt sich im Jahr 1898 einer Gruppe von ebenfalls deutschstämmigen Siedlern an, die am Klondike River Gold suchen und eine neue Existenz gründen wollen. Doch die Reise durch das wilde Land erweist sich als zehrend und gefährlich, was nicht nur an äußeren Bedrohungen, sondern auch inneren Verwerfungen liegt. Thomas Arslan inszeniert das Western-Sujet auf der Basis historischer Zeugnisse als eine intensive existenzielle Grenzerfahrung, die nicht auf dramatische Wendungen setzt, sondern auf die konsequente Teilhabe an den körperlichen Mühen und seelischen Zerreißproben. Dabei wird die Weite der Landschaft ins Klaustrophobische uminterpretiert.

Deutschland/Kanada 2013
Regie: Thomas Arslan
Länge: 100 Min.
Verleih: Piffl Medien
Kinotipp der katholischen Filmkritik 238/August 2013

 

Just the Wind

Nach dem Mordanschlag auf eine Roma-Familie herrscht in der Nachbarschaft Ausnahmezustand. Der bedrängende Film schildert einen Tag im Leben einer Familie, der von Angst und Diskriminierung geprägt ist und sich nur für kurze, trügerische Momente erhellt. Das Drama übersetzt die Not in unmittelbare Bilder. Durch die subjektive, wenngleich stets höchst subtil gebrochene Erzählweise werden die Erfahrungen der Roma-Familie geradezu physisch nachvollziehbar. Realer Hintergrund des Films ist eine Mordserie, bei der 2008/2009 in Ungarn acht Menschen ermordet wurden.

Ungarn/Deutschland/Frankreich 2011
Regie: Bence Fliegauf
Länge: 91 Min.
Verleih: Peripher
Kinotipp der katholischen Filmkritik 237/Juli 2013

 

Layla Fourie

Eine junge Schwarze aus Südafrika überfährt nachts einen weißen Mann, der in der Folge zu Tode kommt. Um ihren kleinen Sohn zu schützen, vertuscht sie den Unfall und verstrickt sich zunehmend in ein Netz aus Lügen und Täuschungen. Ein dichtes, bedrängendes Drama, das die Verunsicherung der südafrikanischen Gesellschaft atmosphärisch pointiert einfängt. Auch wenn die schematische Konstruktion der Handlung auf dem Film lastet und dieser als Genre-Anlehnung an den klassischen Thriller etwas unbeweglich wirkt, überzeugt das Drama als kompliziertes Geflecht aus Komplizenschaft und Entfremdung.

Südafrika/Deutschland/Frankreich/Niederlande 2013
Regie: Pia Marais
Länge: 112 Min.
Verleih: Real Fiction
Kinotipp der katholischen Filmkritik 236/Juli 2013

 

Promised Land

Zwei Mitarbeiter eines Energiekonzerns wollen die Einwohner eines verarmten Landstrichs in Pennsylvania für das ökologisch umstrittene „Fracking“ gewinnen. Als ihre Aufkäufe durch einen Umweltschützer torpediert werden, stoßen sie auf immer mehr Widerstand. Getragen von großartigen Darstellern und treffsicheren Dialogen, arbeitet sich die ambivalente „Umwelt-Dramödie“ immer stärker zu einer Kritik am Gebaren der Energiekonzerne vor und erzählt mit den klassischen Elementen des Entwicklungsdramas vom Zwiespalt zwischen finanzieller Absicherung und ökologischem Gewissen.

USA/Vereinigte Arabische Emirate 2012
Regie: Gus Van Sant
Länge: 107 Min.
Verleih: Universal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 235/Juni 2013

 

Oben ist es still

Zwischen einem 55-jährigen belgischen Bauern und seinem bettlägerigen Vater herrschen Schweigen und Kälte. Kurz bevor der alte Mann stirbt, versucht der Sohn, der jahrelangen Fremdbestimmung ein eigenes Leben entgegenzusetzen, das es jedoch erst noch zu finden gilt. In nüchternen Bildern und mit einem überragenden Gespür für Räume und Körper erzählt das intensiv-stille Drama von der allmählichen Selbstfindung eines Mannes, dem der Zugang zu sich und der Welt lange verstellt war.

Niederlande/Deutschland 2013
Regie: Nanouk Leopold
Länge: 93 Min.
Verleih: Edition Salzgeber
Kinotipp der katholischen Filmkritik 234/Juni 2013

 

To The Wonder

Ein US-Amerikaner und eine in Frankreich lebende Osteuropäerin verlieben sich ineinander. Sie beschließt, mit ihrer Tochter zu ihm in die USA zu ziehen, doch dem Glück ist keine Dauer beschieden. In einer Parallelhandlung ringt ein Priester mit seiner Beziehung zu Gott. Mehr lyrische Reflexion als narratives Kino, entwirft der Film mittels fließender Bilder, Off-Texten, die Gedanken der Protagonisten poetisch kondensieren, und Musik-Ton-Kollagen eine vielschichtige, mit Gegensätzen arbeitende Betrachtung menschlicher Liebe im Spannungsverhältnis von Ewigkeitssehnsüchten und Vergänglichkeit.

USA 2012
Regie: Terrence Malick
Länge: 112 Min.
Verleih: StudioCanal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 233/Mai 2013

 

Paradies: Hoffnung

Eine introvertiert-verschlossene, übergewichtige 13-jährige Schülerin nimmt zusammen mit anderen Jugendlichen in den Sommerferien an einem „Diätcamp“ teil. Der Drill hindert die Teenager nicht daran, hinter dem Rücken der Trainer Spaß miteinander zu haben, doch als sich das Mädchen in den betreuenden Diätarzt verliebt, droht ihr Enttäuschung. Der abschließende Film von Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie erzählt von weiblichen Sehnsüchten und Lebensumständen, die diese zum Scheitern verurteilen, wobei der Blick auf eine Heranwachsende auch hoffnungsvolle Töne ins Spiel bringt. Mit lakonischem, gegenüber den jungen Protagonisten aber nie bösem Humor spießt der Film gesellschaftliche Disziplinierungsversuche und restriktive Körperbilder auf.

Österreich/Deutschland/Frankreich 2012
Regie: Ulrich Seidl
Länge: 92 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinotipp der katholischen Filmkritik 232/Mai 2013


The Broken Circle

Eine lebenslustige junge Tätowiererin und ein Banjo-Spieler entflammen füreinander, gründen eine Familie und fühlen sich wie im Paradies. Doch mit sechs Jahren erkrankt ihre kleine Tochter an Leukämie, und der Tod des Mädchens setzt die Beziehung Paars einer harten Prüfung aus. Das bewegende, stark fragmentiert erzählte Drama löst die Handlung in zahllose Rück- und Vorblenden auf und verbindet die Episoden zu einer Achterbahn der Gefühle. Dabei geht es stets auch um Fragen der Theodizee sowie um das Rätsel, wie Glück und Unglück aufeinander bezogen sind.

Belgien/Niederlande 2012
Regie: Felix Van Groeningen
Länge: 110 Min.,
Verleih: Pandora
Kinotipp der katholischen Filmkritik 231/April 2013

 

Das Leben ist nichts für Feiglinge

Ein Mann um die Mitte 30 hat seine Frau verloren. Er und seine Tochter im Teenager-Alter trauern, können sich in ihrer Sprachlosigkeit aber kaum gegenseitig helfen. Die Großmutter kämpft derweil mit ihrer eigenen Krebsdiagnose. Ein sensibler, mit bemerkenswerter Leichthändigkeit inszenierter und gespielter Ensemble-Film über Trauerprozesse, der gleich drei Generationen im Blick hat und sich einfühlsam und unverkrampft seinem schwergewichtigen Thema annimmt. Dabei überzeugt er durch glaubwürdig gezeichnete Figuren und komische Spitzen gegen den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod.

Deutschland/Dänemark 2012
Regie: André Erkau
Länge: 97 Min.
Verleih: nfp
Kinotipp der katholischen Filmkritik 230/April 2013

 

Die Jagd

In einem dänischen Dorf wird ein introvertierter Mann des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, weil eine Fünfjährige aufgeschnappte Sätze nachplappert. Ehe er sich versieht, bricht eine Welle der Aggression über ihn herein, die seine bisherige Existenz unter sich begräbt. Das Pendant zu Thomas Vinterbergs früherem Film „Familienfest“ (1997) ist bar jeder „Dogma“-Ästhetik und bemerkenswert eindeutig in seiner Haltung. Die ökonomische Inszenierung registriert aufmerksam die um sich greifende Paranoia der Öffentlichkeit und verdichtet sich zusehends zu einer moralischen Parabel, ohne dabei die gesellschaftlichen Mechanismen aus den Augen zu verlieren.

Regie: Thomas Vinterberg
Länge: 120 Min.
Verleih: Wild Bunch
Kinotipp der katholischen Filmkritik 229/März 2013

 

Unter Menschen

Schimpansen aus Sierra Leone, die Mitte der 1980er-Jahre als Versuchsobjekte für einen Pharmakonzern nach Österreich gebracht wurden, finden in einem Safari-Park eine neue Heimat. Der hellsichtige Dokumentarfilm beobachtet die ersten Schritte der traumatisierten Affen in ihr neues Leben und macht den Umgang mit ihnen zum Spiegel einer grundlegenden Reflexion über das Verhältnis von Menschen und Tieren.

Deutschland/Österreich 2013
Regie: Christian Rost
Länge: 95 Min.
Verleih: missingFILMs
Kinotipp der katholischen Filmkritik 228/März 2013


Drachenmädchen

An der chinesischen Kung-Fu-Schule Shaolin Tagou leben 35.000 Schüler, Trainer und Lehrer, die unter nahezu militärischem Drill die traditionelle Kampfkunst erlernen und sie zunehmend perfekter exerzieren. Der mit poetischen Verdichtungen arbeitende Dokumentarfilm stellt drei Mädchen in den Mittelpunkt, über deren entbehrungsreichem Alltag ein vielschichtiges Bild der chinesischen Gesellschaft entsteht. Der von Neugier und Empathie zugleich getragene Film arbeitet mit Bildern und Klängen eindrucksvoll Zwischentöne heraus und bringt eine fremde Kultur trotz all unauflösbaren ihrer Widersprüche ein Stück näher.

Deutschland 2012
Regie: Inigo Westmeier
Länge: 94 Min.
Verleih: Polyband
Kinotipp der katholischen Filmkritik 227/Februar 2013

 

The Master

Ein Veteran, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Alkoholsucht abdriftet, findet Halt bei einem Guru, der mit einer sektenähnlichen Gruppe von Familienmitgliedern und „Gläubigen“ durch die USA zieht, um neue Anhänger zu gewinnen. Doch die neue geistige Heimat wird auf Dauer zum Gefängnis. In betörenden Bildern nähert sich der Film dem geistigen Klima der 1950er-Jahre und durchleuchtet eine Sekte an Scientology angelehnte Sekte. Dabei liefert er Impulse zum Nachdenken über Erlösung und Sehnsüchte und deren Ausnutzung, findet allerdings zu keiner klaren Haltung zu seinem Sujet.

USA 2012
Regie: Paul Thomas Anderson
Länge: 173 Min.
Verleih: Senator
Kinotipp der katholischen Filmkritik 226/Februar 2013


Die Wand

Die Geschichte einer Frau, die auf mysteriöse Weise in einer einsamen Jagdhütte in den Bergen von einer unsichtbaren Wand eingeschlossen wird und all ihre Kräfte aufbieten muss, um in der Abgeschiedenheit zu überleben. Die auf sie einstürmenden Eindrücke treiben sie zu intensiver Selbstbeschäftigung; gleichzeitig befreit sie sich von ihrer nüchternen Weltsicht und erkennt, wie unverzichtbar die Liebe für die Menschlichkeit ist.

Der Film nach dem Roman von Marlen Haushofer ist eine vielschichtig deutbare Robinsonade: Ein Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen und muss sich im Kampf ums Überleben mit den Grundfragen menschlicher Existenz auseinandersetzen. Getragen von starken, atmosphärischen Bildern, entwickelt sich der Film betont langsam im Rhythmus der Jahreszeiten, womit er den Zuschauer umso intensiver ins Geschehen hineinzieht. Stets bleibt dabei eine Grundspannung: Einerseits hat das Leben in der Natur und mit der Natur seine idyllischen Seiten, andererseits gibt es stets eine existenzielle Bedrohung. Unterlegt werden die Bilder durch die nachdenkliche Stimme der Erzählerin, die ihre Erlebnisse verarbeitet, indem sie sie zu Papier bringt. Das Ende ist offen. Der Film berührt zutiefst, was vor allem der großartigen schauspielerischen Leistung von Martina Gedeck zu verdanken ist, die den Film alleine trägt. Auch wenn der Film durch seinen Rhythmus und die gezielt eingesetzte Musik einen ausgeprägt meditativen Charakter hat, verweist er auf grundlegende Prinzipien der menschlichen Existenz. 

Österreich/Deutschland 2012
Regie: Julian Roman Pölsler
Länge: 108 Min.
Verleih: StudioCanal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 225/Oktober 2012

 

Liebe

Michael Haneke erzählt von einem Mann, Georges (gespielt vom 81-jährigen Jean-Louis Trintignant), und seiner Frau Anne (gespielt von Emmanuelle Riva, 85 Jahre alt), die sich auch nach vielen Jahrzehnten noch in Liebe zugetan sind. Ihr Leben ändert sich aber von Grund auf, als Anne einen Schlaganfall erleidet und halbseitig gelähmt im Rollstuhl sitzt. Solange seine Kräfte reichen, kümmert sich Georges hingebungsvoll um seine Frau; nur die Ratschläge der in London lebenden Tochter verbittet er sich.

„Liebe“ ist ein Kammerspiel, getragen von zwei überragenden Darstellern, jedoch nicht minder souverän geprägt von einer Inszenierung, deren Strategien in vielen Jahren gereift sind. Haneke ist der Zen-Meister unter den Filmemachern, der immer noch etwas weg lässt, um die Konzentration innerhalb der Einstellung zu steigern. Was nicht das mit großer Detailfreude arrangierte Interieur der Wohnung meint oder den psychologischen Realismus, sondern Rhythmus, Intention und Schauspielerführung. Jede Szene steht für sich und könnte als Kurzfilm bestehen; ihr Zusammenhang ist chronologisch-elliptisch, zwingend und ungezwungen zugleich. Daraus resultiert ein zutiefst berührender Film über die Liebe und die Vergänglichkeit der menschlichen Natur, eine für viele Auslegungen offene Meditation über das Ende, bar aller Illusionen, aber getragen von einer Würde, die auch das provokante Finale trägt. Am Schluss sitzt die Tochter von Anne und Georges allein in der erkalteten Wohnung, ratlos, verloren. Ein Meisterwerk, über das noch lange zu reden sein wird. 

Österreich/Deutschland/Frankreich 2012
Regie: Michael Haneke
Länge: 127 Min.
Verleih: X Verleih
Kinotipp der katholischen Filmkritik 224/September 2012

 

 

Revision

„Nadrensee, Mecklenburg-Vorpommern. 29. Juni 1992. Zwei Erntearbeiter entdecken von ihrem Mähdrescher aus etwas im Getreide liegen. Beim näheren Hinsehen erkennen sie die Körper zweier Menschen.“ Die Off-Stimme von Regisseur Philipp Scheffner bringt bereits zu Beginn die Fakten eines „Kriminalfalls“ auf den Punkt, bei dem zwei rumänische Immigranten der Sinti und Roma im deutsch-polnischen Grenzgebiet erschossen wurden – angeblich ein Jagdunfall, für den am Ende aber niemand zur Verantwortung gezogen wurde. In Zeugenaussagen und Interviews mit den Familien der beiden Opfer, Grigore Velcu und Eudache Calderar, rollt der Dokumentarfilm den 20 Jahre zurückliegenden Tötungsfall auf und verdichtet ihn zur menschlichen Tragödie. Den Opfern wird eine konkrete Geschichte verliehen, zugleich wird ihr Tod auf ein gesellschaftliches Klima grassierender Fremdenfeindlichkeit bezogen. 

Stets konzentriert sich der Dokumentarfilm auf die Menschen, die ebenso beharrlich wie respektvoll befragt werden. Vor allem die Stimmen der Familienangehörigen, die zuvor niemand hörte, werden zu Akteuren der Geschichte. Wie allen anderen Zeugen und Sachkundigen, die befragt werden, gibt Scheffner ihnen die Möglichkeit, ihre Aussagen anzuhören und sie zu überdenken – anders als bei der gängigen Dokumentarfilmpraxis, die einmal getätigte Aussagen zur Tatsache erhebt. So unterwirft Scheffner nicht nur den Fall selbst einer filmischen Revision, sondern auch das Medium Dokumentarfilm. Der hoch reflektierte Umgang mit Bildern, Tönen und Zeugnissen gewinnt somit noch an beklemmender Dichte und vermittelt vor allem etwas von dem, was allzu schnell auf der Strecke bleibt: Anteilnahme und Mitgefühl. 

Deutschland 2012
Regie: Philip Scheffner
Länge: 110 Min.
Verleih: Real Fiction
Kinotipp der katholischen Filmkritik 223/September 2012

 

Tom und Hacke

Mai 1948 in einer bayerischen Kleinstadt: „Der Zweite Weltkrieg war vor drei Jahren vorbei“, erklärt der Junge Tom Sojer zu Beginn aus dem Off, „aber man spürt den Krieg noch immer: Es gibt keine Schulhefte, kaum etwas zum Anziehen und fast nichts zum Essen. Einkaufen kann man nur mit Lebensmittelkarten. Für ein Pfund Brot und ein wenig Butter musst du lange anstehen, und selbst da brauchst du Glück, dass du was kriegst.“ In dieser Zeit der tiefen Verunsicherung, des Hungers und der Armut erlebt Tom spannende Abenteuer mit seinem besten Freund Hacke, als sie des Nachts auf dem Friedhof Zeuge eines Mordes werden. Der Täter, ein Schmuggler und Schwarzhändler, schiebt die Tat einem Unschuldigen zu, und Tom und Hacke geraten in eine lebensgefährliche Situation: Sollen sie die Wahrheit sagen oder sie zum eigenen Schutz verschweigen? 

Wen die Handlung an Mark Twains klassisches Jugendbuch „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ (1876) erinnert, hat Recht: Regisseur Norbert Lechner hat die ereignisreiche Fabel vom Mississippi ins Bayern der unmittelbaren Nachkriegszeit verlegt, siedelt die vertrauten Figuren in einer Zeit der Unordnung und Unsicherheit an, in der die jungen Helden zu verantwortungsvollem und gerechtem Verhalten finden. Vor allem junge Kinogänger werden die Geschichte in neuem Licht erleben und erfahren viel über ein Kapitel der deutschen Geschichte, in dem eine alte Nähmaschine kostbarer war als ein Goldschatz, weil sie Arbeit und Überleben sicherte. Stimmungsvoll fotografiert und ausgestattet, lebt der mitunter hoch spannende Film von seiner dichten Atmosphäre, zu der auch der konsequent eingesetzte bayerische Dialekt beiträgt. 

Deutschland 2012
Regie: Norbert Lechner
Länge: 98 Min.
Verleih: Zorro
Kinotipp der katholischen Filmkritik 222/Juli 2012

 

Dein Weg

Was treibt jährlich zahllose Menschen aus aller Herren Länder dazu, die Tradition des „Camino“ fortzuführen und nach Santiago di Compostella zu pilgern? Was suchen moderne Menschen auf diesem Weg, die gar keine Beziehung zur Verehrung des Apostels Jakobus haben oder zur Religion im Allgemeinen? Was macht dieser Weg mit ihnen? Emilio Estevez’ sehr persönlicher Film gibt auf diese Fragen keine abschließende Antwort, aber viele Denkanstöße. Zu Beginn bricht ein amerikanischer Arzt auf, um stellvertretend für seinen Sohn, der auf dem Camino tödlich verunglückte, nach Santiago zu wandern; im Gepäck hat er die Asche des Toten. Um ihn scharen sich andere Pilger: ein dicker Niederländer, der durch das Wandern abnehmen will, eine Kanadierin, die sich das Rauchen abgewöhnen möchte, ein redseliger irischer Schriftsteller, der hofft, mit einem Buch über den Pilgerweg seine Schreibblockade zu überwinden. Harmonisch geht es in dieser gemischten Gruppe nicht zu, fromm schon gar nicht – und trotzdem wird der Camino auch für sie allmählich von einer äußeren zu einer spirituellen Reise. 

In dem Film schlägt sich durchaus auch touristische Schaulust nieder; die Inszenierung versagt sich nicht die Postkartenbilder oder einen exotischen Blick auf Spanien und die Spanier. Trotzdem ist „Dein Weg“ mehr als ein „Wohlfühlfilm“ mit religiösem Anstrich. Die Figuren sind kratzbürstig und widerständig, und auch ihre Motive sind nicht ganz so eindimensional, wie sie zunächst erscheinen. Estevez legt hinter den „weltlichen“ Motiven eine Heilssehnsucht frei, in der die modernen Pilger doch den Gläubigen von früher ähneln, und er zeigt, wie das Miteinander-Unterwegs-Sein die Pilger allmählich verändert. Die nicht ganz „gerundete“ Erzählweise des Films, die zahlreiche Themen streift und vieles offen lässt, funktioniert dabei als Spiegel der Heterogenität, die das moderne Pilgern auf dem Jakobsweg prägt. 

USA/Spanien 2010
Regie: Emilio Estevez
Länge: 120 Min.
Verleih: Koch Media
Kinotipp der Katholischen Filmkritik 221/Juni 2012

 

Monsieur Lazhar

Am Beginn steht ein Schock: Ein Grundschüler erblickt durch die Glastür seines Klassenzimmers den Körper seiner Lehrerin, der leblos von der Decke baumelt. Die Frau hat Selbstmord begangen. Warum? Und warum ausgerechnet in der Schule? Diese Fragen stehen unausgesprochen im Raum, und sie lassen sich auch mit einem neuen Anstrich des Klassenzimmers und der Anstellung einer Psychologin nicht aus den Köpfen der Kinder tilgen. Für die tote Lehrerin springt der aus Algerien stammende Monsieur Lazhar ein, dessen Vorstellungen von Pädagogik und vom Lehrstoff sich als recht altmodisch erweisen. Lazhar, seine Schüler und deren Eltern sowie die neuen Kollegen reiben sich aneinander – und doch gelingt es dem Fremden, einen Draht zu den Kindern zu finden, die immer noch der Selbstmord der Lehrerin beschäftigt. Denn Lazhar ist bereit, ihre Ratlosigkeit, ihre Schuldgefühle und auch ihre Wut ohne falsche Beschwichtigungsversuche zuzulassen, vielleicht auch, weil er selbst diese Gefühle kennt. Denn auch Lazhar trägt tiefe Wunden aus seiner Vergangenheit mit sich herum. 

„Monsieur Lazhar“ bietet einen lebhaften Einblick in den Mikrokosmos Schule, der sensibel und facettenreich ausgelotet wird. Gleichzeitig weist der Film darüber hinaus und erzählt viel vom Makrokosmos der Gesellschaft, an dem die Schule partizipiert. Themen wie der Umgang mit Trauer und Traumata klingen ebenso an wie Fragen des Menschenbilds, das sich im Erziehungssystem manifestiert. Es geht um die Vermittlung von innerem Halt und von Werten angesichts einer Gesellschaft, in der traditionelle Zugehörigkeiten wie Nationalität oder Familie an Bindekraft verloren haben. Aus der spannungsvollen Figurenzeichnung, die die Charaktere behutsam nahe bringt, resultiert ein ebenso humaner wie berührender Film. 

Kanada 2011
Regie: Philippe Falardeau
Länge: 94 Min.
Verleih: Arsenal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 220/April 2012

 

Das Turiner Pferd

Aus einer Anekdote um Friedrich Nietzsche, den die Misshandlung eines Droschkengauls in Turin erschütterte und der bald darauf in geistige Umnachtung fiel, spinnt der ungarische Regisseur Béla Tarr die Geschichte des geschlagenen Tiers und seiner Besitzer als formstrengen Abgesang auf die Menschheit und das irdische Leben fort: Ein alter Kutscher lebt mit seiner erwachsenen Tochter und seinem Pferd auf einem einsamen, ständig vom Wind umtosten Gehöft. Sechs Tage lang begleitet der Film sie in einer Art umgekehrtem Schöpfungsprozess: Sechs Tage, in denen die Welt langsam verdämmert, das lebensspendende Wasser versiegt und schließlich das Licht verlöscht; sechs Tage, in denen das Tier jeden weiteren Dienst und die Nahrungsaufnahme verweigert, während die Menschen stoisch ihren Alltagsverrichtungen nachgehen, essen, schlafen, schweigen – und bis auf einen vergeblichen Ausbruchsversuch nahezu passiv und in sich selbst versunken dem Niedergang nichts entgegensetzen. 

In klaren, durchkomponierten Schwarz-Weiß-Bildern, mit einem verstörenden Tondesign und einer sakral anmutenden Musik setzt der Regisseur den Zuschauer einer Apokalypse der Stagnation und Resignation aus, die ihren Schrecken jenseits jeden Katastrophenspektakels entfaltet. Gleichzeitig wird ein Bild des Menschen entworfen, das Nietzsches Fantasie des energetischen „Übermenschen“ die dunkle Kehrseite absoluter Hoffnungs- und Utopielosigkeit entgegenhält, die aus dem Verlust jeder Form von Transzendenz herrührt. Gerade in der unerbittlichen Konsequenz, mit der Film seinem Betrachter diese Endzeiterfahrung aufzwingt, liegt seine Provokation, zwingt der gleichnishafte Monolith einen doch, die Auseinandersetzung mit den „letzten Dingen“ ohne ein tragendes Sinnsystem auszuhalten. 

Schwarz-weiß. Ungarn 2011
Regie: Béla Tarr
Länge: 116 Min.
Verleih: Basis Film Verleih
Kinotipp der katholischen Filmkritik 219/März 2012

 

Barbara

Erneut steht bei Christian Petzold eine widerständige Frau im Mittelpunkt, wobei sich einmal mehr der Regisseur und seine Hauptdarstellerin Nina Hoss als fulminantes Duo erweisen. „Barbara“ spielt in den frühen 1980er-Jahren in der DDR und erzählt von einer Kinderärztin, die an ein Provinzkrankenhaus zwangsversetzt wird. Ankommen will sie an diesem Ort freilich nicht: Die Flucht zu ihrem Geliebten in den Westen ist bereits geplant. Auf Dauer gelingt es ihr jedoch nicht, die selbstgewählte „Separierung“ aufrecht zu erhalten: Ihre Arbeit, die eine Berufung und nicht nur ein Job ist, bindet sie an ihr neues Umfeld – und langsam, aber sicher auch an den Chefarzt der Klinik. Beides, die Arbeit und der neue Mann, lassen Zweifel an ihren Plänen wach werden, bis ihre Verunsicherung einer neuen Orientierung weicht. 

Petzold geht es weder um ein weiteres Drama zum Thema „So schlimm war die DDR“ noch um das Gegenteil, eine Apologie, vielmehr um ein feinnerviges Abtasten und Abwägen von persönlichen Freiheitsmöglichkeiten, um ein Ankommen nach langer physischer und auch psychischer Erschöpfung. Den Entwicklungsprozess der Titelfigur behandelt Petzold mit atemberaubender Präzision als etwas, das allenfalls rudimentär im Dialog über Barbaras Lippen kommt und sich vor allem in Gesten und Blicken ausdrückt — facettenreicher und zarter als hier kann man kaum vom Beginn einer Liebe erzählen. Dies strahlt von der Protagonistin auf die subtil changierende Farbdramaturgie und Raumpoetik ab, die sich weniger um einen akkuraten (DDR-)Retro-Look als um eine emotionale Logik bis zur geschickten Verschränkung von Themen und Motiven bemüht. 

Deutschland 2012
Regie: Christian Petzold
Länge: 105 Min.
Verleih: Piffl Medien
Kinotipp der katholischen Filmkritik 218/März 2012

 

Der Junge mit dem Fahrrad

Ein frühreifer, emotional bedürftiger Junge will sich nicht damit abfinden, dass ihn sein Vater in ein Kinderheim abgeschoben und dann das Weite gesucht hat. Wie von Sinnen läuft er ihm nach, spürt ihn auf und bettelt darum, dass er ihn wenigstens ab und zu anrufe. Seine Wut und Verzweiflung strampelt er sich auf dem Fahrrad aus dem Leib, wobei er sich in seiner Liebesbedürftigkeit wahllos von Fremden helfen lässt. So gerät er an eine mitfühlende Friseurin, die sich seiner annimmt und ihm auch dann noch in wortloser Solidarität zur Seite steht, als er auf die billigen Versprechungen des nächstbesten Straßendealers hereinfällt. Ohne dass die Frau es selbst so genau weiß, übernimmt sie Verantwortung und wächst in die Rolle der (Pflege-)Mutter. 

Trotz der scheinbaren Einfachheit der filmischen Erzählung überwältigt das unspektakulär, aber kunstvoll verdichtete Sozialdrama durch sein unbeirrtes Plädoyer für die Menschlichkeit. In dem bis in kleinste Einzelheiten auf das Wesentliche fokussierten Film drückt sich die überwältigende Erfahrung einer bedingungslosen Liebe aus, die nicht nach Gründen oder einem Ausgleich fragt. Hinzu kommen eine Bodenständigkeit und Erdung, die dem Umstand Rechnung trägt, dass man für den Schaden und das Leid, das man anderen zufügt, einstehen muss. Ein leiser, genauer Film, der auf jede Form der Psychologisierung verzichtet, dafür aber mit der Aussicht auf Glück belohnt. 

Belgien/Frankreich/Italien 2011
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Länge: 87 Min.
Verleih: Alamode
Kinotipp der katholischen Filmkritik 217/Februar 2012

 

 

 

Halt auf freier Strecke

„Es ist ganz einfach, ganz einfach. Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag“, singt Gisbert von Knyphausen am Ende von Andreas Dresens bewegendem Film über das Sterben. Gleich in der ersten Szene erfährt Frank, dass er an einen bösartigen Gehirntumor erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Mit seiner Frau Simone und den beiden Kindern hat er gerade erst ein Reihenhäuschen im Umfeld von Berlin bezogen. Er arbeitet bei der Post, sie fährt eine Straßenbahn. Anfangs vermag Frank über die Nachricht noch zu scherzen, doch die Anzeichen des Verfalls nehmen rasch überhand. Zunächst sind es nur die Folgen der Strahlen- und Chemotherapie, doch schon bald vergisst Frank Begriffe, Sätze oder wo sich das Klo befindet; später kann er sich nicht mehr auf den Beinen halten, wird ein Pflegefall, brüllt seine Umwelt zusammen, braucht ständig Morphium. 

Andreas Dresen lässt nichts aus: medizinische Details, emotionale Wechselbäder zwischen Hoffen, Bangen, Wut und Verzweiflung, die psychische Belastung der Umwelt, Ausbruchsversuche, die Gewöhnung ans Unausweichliche. Dabei gelingt ihm eine bravouröse Gratwanderung, die am langsamen Sterben seines Protagonisten Anteil nehmen lässt. Souverän weiß die Inszenierung mit der extremen Gefühlspalette umzugehen, weshalb der Film keine Sekunde larmoyant oder sentimental noch distanziert oder gar zynisch ist. Im Gegenteil: Menschlicher ist vom Sterben und Leben im Kino schon lange nicht mehr erzählt worden. Insbesondere die von den Schauspielern improvisierten Dialoge tragen dazu bei, dass ein breitgefächertes Panorama unterschiedlichster Wahrnehmungen und Reaktionen erwächst, in dem das Sterben ins Dasein eingebunden ist 

Deutschland 2011
Regie: Andreas Dresen
Länge: 110 Min.
Verleih: Pandora
Kinotipp der katholischen Filmkritik 216/November 2011

 

Le Havre

Marcel, ein alt gewordener Bohémien, schlägt sich in Le Havre als Schuhputzer durch. Sein Leben teilt er mit einer geliebten Frau, die schwer erkrankt, und doch wird er zum „Schutzengel“ für einen, dem es noch schlechter geht. Davon erzählt Aki Kaurismäki ohne eskapistisch-schönfärberische Augenwischerei in einem schönen (Sozial-)„Märchen“ als ein utopischer Entwurf gelebter Solidarität. Dabei arbeitet er sich am Verhältnis der „Festung Europa“ zu den Flüchtlingen ab, die täglich aus ärmeren Ländern kommen und sich eine neue Perspektive aufbauen wollen: Es ist ein kleiner „Illegaler“, ein afrikanischer Junge, dessen sich der Schuhputzer und bald auch seine Freunde annehmen, um ihm zu helfen, zu seiner Mutter nach England zu gelangen. 

Souverän spielt Kaurismäki auf der Klaviatur seines gänzlich eigenen filmischen Stils: Seine Szenengestaltungen sind visuelle Meisterwerke – von der Farbdramaturgie bis zu jedem noch so nebensächlich scheinenden Requisit –, die Dialoge von spröder, zugleich hochartifizieller Lakonik. So „unrealistisch“ Kaurismäkis Stil auch ist und so wenig sein Film konkrete strukturelle Lösungen des Flüchtlingsproblems ins Auge fasst, so glaubwürdig gelingt ihm ein Hohelied gegenseitiger Verantwortung und Nächstenliebe, das sich über ethnische Grenzen hinwegsetzt und für die Unentäußerbarkeit der Menschenwürde plädiert. Ebenso unterhaltsam wie ästhetisch-moralisch ausgereift, ist „Le Havre“ ein zutiefst humanistischer Film.  

Finnland/Frankreich/Deutschland 2011
Regie: Aki Kaurismäki
Länge: 93 Min.
Verleih: Pandora
Kinotipp der katholischen Filmkritik 215/September 2011

 

 

Nader und Simin - Eine Trennung

Simin will sich von ihrem Mann Nader trennen. Er sei zwar eine guter Ehemann, torpediere aber die geplante Übersiedlung ins Ausland, da er seinen kranken Vater nicht allein in Teheran zurücklassen will. Als das Gericht eine Scheidung ablehnt, zieht Simin aus. Für die Betreuung des Vaters wird eine Frau aus armen, religiös orthodoxen Verhältnissen angestellt. Bald aber führen Missverständnisse und kleine Unwahrheiten zu einer immer unübersichtlicheren Situation, die eine dramatische Wendung nimmt, sodass sich bald die Pflegekraft und Nader vor Gericht gegenüberstehen. 

Was ist wahr? Wann fängt die Lüge an? Gibt es überhaupt Schuldige? Wie schon in seinem Film „Alles über Elly“ beweist der iranische Regisseur Asghar Farhadi seine Meisterschaft darin, im Rahmen eines gut austarierten Ensemblefilms Bruchstellen der iranischen Gesellschaft abzutasten – ohne Polemik, voller Empathie für seine mit verschiedenen Ansprüchen, Interessen und moralischen Normen ringenden Figuren, denen die Scham und das Schweigen zum Verhängnis werden. Das packende, stetig komplexer werdende Drama handelt von Gleichheit, Respekt und Ernsthaftigkeit, wobei es in Gestalt eines klug konstruierten „Krimis“ das Bild einer gespaltenen Gesellschaft zeichnet. Ebenso erzählt das Familien- und Sozialdrama von einem Eltern-Kind-Verhältnis, von Trennungen, ethischen Entscheidungen, Gerechtigkeit und religiösen Übereinkünften, ohne je die Rahmenbedingungen der einzelnen Figuren aus dem Blick zu verlieren. Die Dynamik des Films beruht nicht zuletzt auf dem (nicht aufgelösten) Spiel mit verschiedenen möglichen Lösungen. 

Iran 2011
Regie: Asghar Farhadi
Länge: 123 Min.
Verleih: Alamode
Kinotipp der katholischen Filmkritik 214/Juli 2011

 

The Tree of Life

„The Tree of Life“ ist eine hochambitionierte, bildgewaltige Auseinandersetzung mit Gott und dem Sinn des Lebens. Erinnerungen an das Familienglück in der Idylle einer US-Kleinstadt der 1950er-Jahre sind eingebettet in einen kosmologischen Entwurf, der von Anbeginn der Schöpfung bis zu einer Vision des Jenseits reicht. Die hypnotisch-elegische Traumerzählung ist im Raum der Erinnerung des ältesten Sohns verankert, der in einer seelenlosen modernen Welt inmitten von Wolkenkratzern und sterilen Büroräume über den Sinn des Lebens grübelt. Der Film, der sein Motto aus dem Buch Hiob bezieht, kreist dabei um die Frage nach der Anwesenheit Gottes in der Welt. In grandios komponierten Bildern feiert Terrence Malick die Schönheit und Erhabenheit der Schöpfung, in der die Prinzipien Natur und Gnade wirksam sind, familiär repräsentiert durch die engelgleiche Mutter, die auf Gottes Liebe verweist, und den strengen Vater, der den Söhnen vermittelt, dass im Leben das Recht des Stärkeren gilt. 

Unterstützt durch herausragende Darsteller, insbesondere in den Kinderrollen, und eine meisterhafte Kameraführung verdichtet die Inszenierung archetypische menschliche Erfahrungen, die der junge Jack in der Pubertät macht, wenn er in wachsendem Maße die Brüche in der Familienidylle wahrnimmt und sich gegen den Vater auflehnt. Trotz erkennbarer Schwächen im Detail bietet der Film ein außergewöhnliches Seherlebnis, eine randiose polyphone Komposition aus Bildern und Tönen, die eine mystische Seinsschau eröffnet. 

USA 2011
Regie: Terrence Malick
Länge: 138 Min.
Verleih: Concorde
Kinotipp der katholischen Filmkritik 213/Juli 2011

 

Vier Leben

Ein alter Ziegenhirte treibt seine Herde auf die Weide. Sein Leben zwischen kargen Berghängen und einem einfachen, fast spartanischen Haus im Dorf geht zu Ende. Ein Zicklein wird geboren, wächst auf und darf zum ersten Mal mit auf die Weide, geht aber der Herde verloren. Eine alte Tanne trotzt den wechselnden Jahreszeiten und wird für einen festlichen Anlass gefällt: Bei einem Dorffest steht sie im Mittelpunkt, bevor sie zerhackt und an die Köhler weitergegeben wird. Diese stellen in einem traditionellen Verfahren Holzkohle her. 

Michelangelo Frammartinos Film taucht in die Bergwelt Kalabriens ein und setzt ihr ein eindrucksvolles unprätentiöses Denkmal. Mit dokumentarischem Gestus überlässt er sich seinem Rhythmus und offenbart eine große Ruhe und Schönheit, ohne dass die Härten des naturnahen Daseins verschleiert würden, zu dem Armut und Tod gehören. Dabei kommt der Film nahezu ohne Dialoge aus, kommentiert nichts, sondern setzt den Zuschauer den fremden Existenzen aus. Seine Offenheit lädt zum Philosophieren über das Verhältnis von Mensch und Natur ein, über die Stellung des Individuums im Kreislauf des Lebens – wobei die „Vier Leben“ auf Gedanken von Pythagoras rekurrieren, der das Leben als ein Ineinander von mineralischem, pflanzlichem, tierischem und menschlichem Sein verstand. Gleichwohl ist dies alles andere als ein philosophisches Traktat: Das Schöne und das Hässliche, das Schwache und das Starke, Trauriges, Lustiges, Dramatisches und Unspektakuläres kommen zusammen in einem Film, der das Leben in seiner ganzen Widersprüchlichkeit kontemplativ umkreist.  

Schweiz/Deutschland 2010
Regie: Michelangelo Frammartino
Länge: 88 Min.
Verleih: NFP
Kinotipp der katholischen Filmkritik 212/Juni 2011