Kinotipps 2016

Einfach das Ende der Welt

Ein Schriftsteller kehrt nach langer Abwesenheit zu seiner Familie zurück, um ihr seine tödliche Erkrankung zu eröffnen. Als er zum Spielball zänkischer Streitereien wird, muss er seine Mitteilung allerdings aufschieben. Auf wenige Stunden konzentriertes Drama, das sich am innerfamiliären Konfliktpotenzial abarbeitet und die hitzigen Dialogwechsel in fragmentarische Einstellungen auflöst. Die Wucht der Auseinandersetzungen bewirkt eine mitunter anstrengende Seherfahrung, hält aber durch die Intensität von Inszenierung und Darstellern auch Momente der Entspannung und des Trostes bereit. - Sehenswert ab 16.

Kanada/Frankreich 2016
Regie: Xavier Dolan

Länge: 99 Min.
Verleih: Weltkino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 326/Dezember 2016


Das unbekannte Mädchen

Eine junge, emphatische Ärztin aus der belgischen Provinz fühlt sich am Tod eines schwarzafrikanischen Mädchens mitschuldig und schenkt der Toten ihre ganze Aufmerksamkeit. Zumindest will sie deren Namen erfahren, doch als die Behörden den Fall allzu routiniert abwickeln, gerät sie zunehmend in die Rolle einer Ermittlerin. Mit großer Meisterschaft verknüpft das hochkonzentrierte, in der Hauptrolle glänzend gespielte Drama die individuelle Geschichte mit der Erkundung eines sozialen Panoramas. Dabei aktualisiert der Film die Instanz des Gewissens und erzählt exemplarisch von moralischer Integrität und der schwierigen Suche nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit. - Sehenswert ab 12.

Belgien/Frankreich 2016
Regie: Jean-Pierre & Luc Dardenne

Länge: 106 Min.
Verleih: Temperclayfilm
Kinotipp der katholischen Filmkritik 325/Dezember 2016


Arrival

Nach der Landung von zwölf ellipsenförmigen Alien-Raumschiffen an unterschiedlichen Orten der Erde scheitern die ersten Versuche, die Signale der fremden Wesen zu entschlüsseln. Die US-Regierung schickt ein Team um eine Sprachwissenschaftlerin und einen Physiker nach Montana, das Kontakt zu den Außerirdischen herstellen und deren Absichten in Erfahrung bringen soll. Der mit großer Behutsamkeit inszenierte Science-Fiction-Film konzentriert sich ganz auf die Figurenpsychologie und erkundet stilistisch elegant erkenntnistheoretische Fragen. - Sehenswert ab 14.

USA 2016
Regie: Denis Villeneuve

Länge: 116 Min.
Verleih: Sony
Kinotipp der katholischen Filmkritik 324/November 2016


Les Sauteurs - Those Who Jump

Bilder aus den Lagern afrikanischer Flüchtlinge, die vor der spanischen Enklave im nordafrikanischen Melilla darauf hoffen, die Sperranlagen zu überwinden und Asyl zu beantragen. Die Aufnahmen stammen von einem der Migranten und dokumentieren die Selbstwahrnehmung der Menschen und ihre Sicht auf Europa. Der Film macht sich die Träume, Hoffnungen und Ängste der jungen Männer zu eigen, fängt aber auch die brutalen Bedingungen und die gnadenlose Hackordnung ein, die nur dem Stärksten den Sprung nach Europa ermöglicht. Eine bestürzende, ungeschönte Innensicht, die die Menschen ins Zentrum stellt und sich nicht um politische Fragestellungen kümmert. (O.m.e.U.) - Sehenswert ab 14.

Dänemark 2016
Regie: Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé

Länge: 83 Min.
Verleih: Arsenal Institut
Kinotipp der katholischen Filmkritik 323/November 2016


Haymatloz - Exil in der Türkei

Dokumentarfilm über die Familien von deutschen Wissenschaftlern, die in den 1930er-Jahren auf der Flucht vor den Nazis in die Türkei emigrierten, ermutigt von Kemal Atatürk, der gezielt Wissenschaftler aus dem Ausland anwarb, um mit ihrer Hilfe einen modernen Wissenschaftsbetrieb nach europäischem Vorbild einzurichten. Der Film zeichnet die Lebenswege der Emigranten und ihrer Nachfahren nach und rollt dabei nicht nur ein vergessenes Kapitel deutsch-türkischer Geschichte auf, sondern geht auf das Thema Flucht und Vertreibung und das Leben zwischen verschiedenen Kulturen ein. Zugleich hinterfragt er kritisch die gegenwärtigen politischen Entwicklungen in der Türkei. - Sehenswert ab 14.

Deutschland 2016
Regie: Eren Önsöz

Länge: 95 Min.
Verleih: mindjazz
Kinotipp der katholischen Filmkritik 322/Oktober 2016


Schwester Weiß

Nach einem Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter getötet wurden, erwacht eine Frau ohne Gedächtnis. Ihre Schwester, eine Ordensfrau, nimmt sie bei sich im Kloster auf. Doch ihre Hoffnung, dass sich die Amnesie überwinden lässt, scheint vergeblich. Darüber gerät die Nonne zunehmend in eine tiefe Glaubens- und Identitätskrise, in der sie ihr ganzes Leben hinterfragt. Das tragikomische Ringen der beiden ungleichen Schwestern ist mit irritierender Leichtigkeit in Szene gesetzt, wobei die geschliffenen Wortgefechte im schwäbischen Dialekt, subtile Bedeutungsverschiebungen und Kippmomente auf einem schmalen Grat zwischen Tragik und Satire balancieren. Glänzend gespielt und kunstsinnig inszeniert, haftet dem winterlichen Drama dennoch etwas Künstliches an. - Sehenswert ab 14.

Deutschland 2016
Regie: Dennis Todorovic
Länge: 97 Min.

Verleih: W-film
Kinotipp der katholischen Filmkritik 321/Oktober 2016


Nebel im August

Ein als schwer erziehbar geltender Junge aus einer jenischen Familie wird während des Nationalsozialismus seinem Vater weggenommen und in Erziehungsheime gesteckt, bis er 1942 in einer Pflege- und Heilanstalt landet. Dort wird er Zeuge der Euthanasie und stellt sich ihr entgegen, bis er selbst zum Opfer wird. Das auf der gleichnamigen Romanbiografie über Ernst Lossa (1929-1944) fußende Drama setzt den Glücksanspruch und den Widerstand des Protagonisten gegen die Verbrechen der Täter mit einer dramatischen Lichtführung eindrucksvoll ins Bild. Der Film vermittelt eindringlich, was passiert, wenn sich das Leben nach Kriterien der Nützlichkeit für eine Gesellschaft bestimmt. - Sehenswert ab 14.

Deutschland 2016
Regie: Kai Wessel
Länge: 126 Min.

Verleih: StudioCanal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 320/September 2016


Auf Augenhöhe

Ein selbstbewusster zehnjähriger Waisenjunge stößt zufällig auf seinen ihm unbekannten Vater, muss aber enttäuscht erkennen, dass dieser kleinwüchsig und sogar noch etwas kleiner als er selbst ist. Die Annäherung der beiden ist schmerzhaft und kompliziert, erweist sich aber als erkenntnisreich und gewinnbringend, weil Freundschaft und Respekt ein tragfähiges Fundament bilden. Vitaler Jugendfilm mit einem nuanciert aufspielenden jungen Hauptdarsteller, der die Entbehrungen und Enttäuschungen, vor allem auch die Hoffnungen und Sehnsüchte glaubwürdig vermittelt. Insgesamt lebt der Film von seiner impulsiven Direktheit, mit der er sein alles andere als leichtes Thema mal dramatisch, mal komisch angeht. - Sehenswert ab 10.

Deutschland 2016
Regie: Evi Goldbrunner, Joachim Dollhopf
Länge: 99 Min.

Verleih: Tobis
Kinotipp der katholischen Filmkritik 319/September 2016


Der Landarzt von Chaussy

Als bei einem Landarzt ein Tumor entdeckt wird, weigert sich dieser starrsinnig, beruflich kürzerzutreten. Auch eine zur Unterstützung eingestellte Ärztin lehnt er zunächst ab und macht ihr das Leben schwer, bis sich die unerfahrene Frau im Umgang mit den alltäglichen Herausforderungen als kompetente Medizinerin erweist. Lebensnahes, oft dokumentarisch anmutendes Drama, das dem aussterbenden Beruf des Landarztes Reverenz erweist. Getragen von sensiblen Figuren und guten Schauspielern, thematisiert der Film unaufdringlich die Mängel des französischen Gesundheitssystems. - Sehenswert ab 14.

Frankreich 2016
Regie: Thomas Lilti
Länge: 102 Min.

Verleih: Alamode
Kinotipp der katholischen Filmkritik 318/September 2016


Alles was kommt

Als eine Philosophie-Lehrerin nach 25 Jahren Ehe überraschend von ihrem Mann verlassen wird und wenig später auch noch ihre Mutter stirbt, sieht sie sich einer neuen Freiheit gegenüber. Das mit großer Leichtigkeit, zugleich mit viel Gelassenheit und Klarheit erzählte Porträt einer nicht mehr jungen bürgerlich-intellektuellen Frau, die ihr Leben nicht als Mangel und Kompromiss, sondern als erfüllte, sich stets in Bewegung befindende Gegenwart versteht und es dementsprechend gestaltet. Vorzüglich gespielt, kreist der Film hellsichtig um Spuren der Zeit, ebenso um Abschiede wie auch ums Weitermachen. - Sehenswert ab 16.

Frankreich/Deutschland 2016
Regie: Mia Hansen-Løve
Länge: 98 Min.

Verleih: Weltkino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 317/August 2016


Julieta

Eine Frau um die 50 wirft ihre Pläne um, als sie Neuigkeiten über ihrer Tochter erfährt, die seit ihrem 18. Geburtstag verschwunden ist. In einem schmerzhaften Prozess erinnert sie sich an ihre Familiengeschichte, die mit der Liebe zu einem galizischen Fischer begann und nach dessen Tod in Trauer und Depression versank. In seinem 20. Film entfaltet Pedro Almodóvar ein eindringliches Drama über das unaufhaltsame Verrinnen der Lebenszeit, deren Wunden nicht geheilt, aber mit Geduld und Ehrlichkeit gelindert werden können. Der zurückhaltend inszenierte Film wird von zwei überzeugenden Hauptdarstellerinnen getragen, die gemeinsam die Protagonistin verkörpern. - Sehenswert ab 14.

Spanien 2016
Regie: Pedro Almodóvar
Länge: 100 Min.

Verleih: Tobis
Kinotipp der katholischen Filmkritik 316/August 2016


Seefeuer

Auf der Mittelmeerinsel Lampedusa prallen aktuelle Gegensätze aufeinander: Wo früher einfache Fischer ihrem Alltag nachgingen, stranden in wachsender Zahl Tausende Afrikaner, die sich mit viel Hoffnung auf ein besseres Leben aufs Meer gewagt haben. Ein ruhig erzählter Dokumentarfilm als mutiger Beitrag zum europäischen Umgang mit der Flüchtlingskrise, der facettenreich einen Mikrokosmos beleuchtet, in dem existenzielle Not und bürgerliche Normalität hautnah nebeneinander liegen. Mit ausgesuchten Einstellungen und sinnträchtigen Verdichtungen konfrontiert die filmästhetisch nicht widerspruchsfreie Gestaltung mit einer humanitären Katastrophe, vor der man nicht weiter die Augen schließen kann. - Sehenswert ab 12.

Italien 2016
Regie: Gianfranco Rosi
Länge: 114 Min.

Verleih: Weltkino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 315/Juli 2016


Toni Erdmann

Ein alternder Musiklehrer taucht unangemeldet bei seiner Tochter in Bukarest auf, wo diese für eine Unternehmensberatung an Rationalisierungskonzepten für die Ölindustrie arbeitet. Entsetzt von ihrem freudlosen Manager-Dasein, will er sie in der Gestalt eines kauzigen Alter Egos aus der Reserve locken. Eine souverän zwischen Komik, Tragik und surrealen Momenten wandelnde Dramödie um einen Generationenkonflikt, bei dem sich beide Seiten umkreisen, befehden und doch annähern. Vorzüglich inszeniert und getragen von zwei überragenden Darstellern, entwirft der Film mit großer innerer Wahrhaftigkeit ein vielschichtiges Vater-Tochter-Verhältnis mit zeitkritischen Anklängen. Untergründig kreist er dabei stets auch um die Frage, wie man leben will. - Sehenswert ab 14.

Deutschland 2016
Regie: Maren Ade
Länge: 162 Min.

Verleih: NFP
Kinotipp der katholischen Filmkritik 314/Juli 2016


Nur wir drei gemeinsam

Ein iranischer Student, der unter dem Schah im Gefängnis landete, eckt auch mit dem Mullah-Regime an und flieht 1984 mit Frau und Kind nach Frankreich, wo sie in einer Banlieue im Großraum Paris eine neue Heimat finden. Auch hier engagieren sich der Mann und seine Frau gegen Ungerechtigkeit und kämpfen um die Integration von an den Rand gedrängten Menschen. In einem autobiografischen Familiendrama erzählt der Komiker Kheiron mit Witz, Verstand und ironischen Zwischentönen die Geschichte seiner Eltern. Pendelnd zwischen humoristisch gebrochener Historie und optimistischer Sozialutopie, setzt der vorzüglich gespielte Film Themen wie Flucht, Vertreibung, soziales Engagement und familiärer Zusammenhalt und mit großer Leidenschaft um. - Sehenswert ab 12.

Frankreich 2015
Regie: Kheiron
Länge: 102 Min.

Verleih: NFP
Kinotipp der katholischen Filmkritik 313/Juni 2016


Das Talent des Genesis Potini

Ein gutmütiger 40-jähriger Maori mit bipolarer Störung findet nach Jahren in der Psychiatrie Unterschlupf bei seinem Bruder. Während er bei dessen kriminellen Biker-Kumpanen aneckt, findet er Anschluss an einen Schachclub für Jugendliche. Selbst ein hochbegabter Schachspieler, setzt er alles daran, die unterprivilegierten Kinder zur nationalen Meisterschaft zu führen. Der auf dem Leben des Schachgenies Genesis Potini (1963-2011) beruhende Film verbindet Ghetto- und Krankheitsrealität mit einer spannenden Underdog-Geschichte. In der Hauptrolle brillant gespielt, berührt das Drama auch durch seine Anbindung an die Maori-Kultur. - Sehenswert ab 16.

Neuseeland 2014
Regie: James Napier Robertson
Länge: 124 Min.

Verleih: Koch
Kinotipp der katholischen Filmkritik 312/Juni 2016


Vor der Morgenröte

Der österreichisch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) reist 1936 zum PEN-Kongress nach Buenos Aires. Auf der Reise wird der Exilant von vielen Seiten bedrängt, die Barbarei des Nazi-Regimes öffentlich zu verurteilen, was den überzeugten Pazifisten in einen Konflikt stürzt: Weder will er sich für einen Krieg aussprechen noch hält er eine Widerstandsgeste ohne persönliches Risiko für sinnvoll. Detailreiches Biopic, das in epischer Breite die Argumentationslinie der Hauptfigur nachvollziehbar macht. Durch die Last der Dialoge bisweilen eher theaterhaft, gelingt es vor allem dank des furiosen Hauptdarstellers, Zweig zum Leben zu erwecken. - Sehenswert ab 14.

Deutschland/Frankreich/Österreich 2016
Regie: Maria Schrader
Länge: 106 Min.

Verleih: X-Verleih
Kinotipp der katholischen Filmkritik 311/Juni 2016


Junges Licht

Anfang der 1960er-Jahre durchlebt ein sensibler zwölfjähriger Bergmannssohn im Ruhrgebiet Höhen und Tiefen seines beengenden Familien- und Alltagslebens, wobei ihn vor allem seine aufkeimende Sexualität ebenso neugierig wie ratlos macht. Einfühlsame Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ralf Rothmann, in der sich mehr oder weniger normale Alltagskatstrophen zu mal komödiantisch-amüsanten, mal anrührend-melodramatischen Momentaufnahmen verdichten. Getragen von vorzüglichen Darstellern, reich an subtilen Ausstattungsdetails, entwickelt sich im Wechsel des Bildformats sowie von farbigen und schwarz-weißen Szenen eine Ruhrgebietschronik, die als Mentalitätsbeschreibung einer Region, aber auch als sensible Leidens- und Aufbruchsgeschichte einer Kindheit überzeugt. - Sehenswert ab 14.

Deutschland 2016
Regie: Adolf Winkelmann
Länge: 122 Min.

Verleih: Weltkino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 310/Mai 2016


Chrieg

Nach unterschwelligen Konflikten mit seinen Eltern wird ein Schweizer Teenager in ein Erziehungscamp in den Alpen gesteckt, das seinen eigenen Gesetzen folgt, bis es zu offener Gewalt und einer Katastrophe kommt. Das bildgewaltige Jugenddrama räumt den abgeschobenen Jugendlichen und ihrer ungestümen Wut viel Platz ein. Mit ungebremster Roheit, einer rastlos-rasanten Kamera und wild-enthemmter Musik zeichnet er die zerstörerische Gruppendynamik zwischen den von Laien gespielten Jugendlichen nach und konfrontiert mit einer Härte, die sich in den schroffen Bergpanoramen krude widerspiegelt. - Sehenswert ab 16.

Schweiz 2015
Regie: Simon Jaquemet
Länge: 114 Min.

Verleih: Picture Tree International
Kinotipp der katholischen Filmkritik 309/April 2016


A War

Während eines Afghanistan-Einsatzes will ein dänischer ISAF-Kommandant in einer Kampfsituation seine Soldaten schützen und ordnet das Bombardement eines Gebäudes an, in dem dann elf Frauen und Kinder umkommen. Dafür wird er in Dänemark vor Gericht gestellt. Vielschichtiges Kriegs- und Gerichtsdrama über die „Kollateralschäden“ des Krieges, das zwischen Kampfeinsatz und der in der Heimat zurückgelassenen Familie des Kommandanten wechselt und dabei Fragen nach Schuld, Recht und Gerechtigkeit aufwirft. Die Inszenierung stellt sorgsam entwickelte Standpunkte einander gegenüber, ohne selbst Partei zu nehmen, was die Dilemmata der Figuren sowie der Situation nachhaltig veranschaulicht. - Sehenswert ab 14.

Dänemark 2015
Regie: Tobias Lindholm
Länge: 120 Min.

Verleih: StudioCanal
Kinotipp der katholischen Filmkritik 308/April 2016


Ixcanul - Träume am Fuße des Vulkans

Ein Maya-Mädchen, das mit seiner Familie auf einer Kaffeeplantage im Hochland von Guatemala lebt, sieht einer arrangierten Ehe mit dem Vorarbeiter entgegen. Als sich die junge Frau mit einem Jungen einlässt, der sie schwängert und danach in die USA emigriert, droht ihr Leben ebenso wie das ihrer Familie aus den Fugen zu geraten. Der betont ruhig erzählte Film begeistert als vielschichtiger Einblick in die Lebenswelt der Indios. Das Regiedebüt bemüht sich um eine ausgewogene Darstellung des sozialen Geflechts, aus dem die liebevoll gezeichnete Beziehung der jungen Frau zu ihrer Mutter hervorsticht. - Sehenswert ab 14.

Guatemala/Frankreich 2015
Regie: Jayro Bustamante
Länge: 92 Min.

Verleih: Kairos
Kinotipp der katholischen Filmkritik 307/März 2016


Der Wert des Menschen

Ein gelernter Maschinist Anfang 50 hat seit eineinhalb Jahren keinen Job mehr. Obwohl er vom Arbeitsamt zu Fortbildungen genötigt und in zahllosen Kursen für alles Mögliche trainiert wird, findet er keine Anstellung. Erst als er sich mit einer einfacheren Tätigkeit zufriedengibt, wird er als Kaufhausdetektiv eingestellt. Mit geradezu ethnologischem Interesse seziert das in ruhigen, beobachtenden Cinemascope-Bildern fotografierte Drama die Demontage eines starken Charakters, der die vielen Demütigungen stoisch-demütig über sich ergehen lässt, ohne seine Würde zu verlieren. Die dokumentarisch anmutende Kamera fokussiert dabei durchgängig auf das verwitterte Gesicht des großartigen Hauptdarstellers, das ohne viele Worte von seinen inneren Kämpfen und Verletzungen erzählt. Eine formal strenge, fast philosophische Mediation über menschlich-moralische Kosten unseres Wirtschaftssystems. - Sehenswert ab 14.

Frankreich 2015
Regie: Stéphane Brizé
Länge: 91 Min.

Verleih: Temperclayfilm
Kinotipp der katholischen Filmkritik 306/März 2016


Das Tagebuch der Anne Frank

Mehr als zwei Jahre lang verstecken sich ab 1942 acht Menschen im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263, um der Deportation nach Auschwitz zu entkommen. In warmen Sepia-Tönen entfaltet der empathische Film das Schicksal von Anne Frank, die an ihrem 13. Geburtstag ein Tagebuch geschenkt bekommt und darin ihre Erlebnisse und Gefühle notiert. Mit einer höchst eindrucksvollen Hauptdarstellerin zeichnet der Film eine lebenshungrige, schlagfertige Jugendliche, die mit sich und anderen ringt und trotz aller Anspannung und Gefahr auf die Versprechungen der Liebe hofft. Dabei findet er einen respektvollen Umgang mit dem weltbekannten Tagebuch, das er dezent aktualisiert, ohne seine Authentizität zu schmälern. - Sehenswert ab 12.

Deutschland 2016
Regie: Hans Steinbichler
Länge: 128 Min.

Verleih: UPI
Kinotipp der katholischen Filmkritik 305/Februar 2016


Spotlight

Ein Reporter-Team der US-amerikanischen Tageszeitung „The Boston Globe“ wird von seinem neuen Chefredakteur auf Missbrauchsfälle durch katholische Priester in der Erzdiözese Boston gestoßen und deckt deren jahrzehntelange Vertuschung durch den verantwortlichen Kardinal auf. Der an tatsächlichen Vorgängen orientierte, brillant gespielte Film arbeitet detailliert den Skandal auf, wobei er inszenatorisch sensibel die Nähe zu Dokumentarfilmen sucht, ohne dadurch an Spannung und Anteilnahme zu verlieren. Vor allem ist er auch ein leidenschaftliches Plädoyer für den investigativen Printjournalismus. - Sehenswert ab 16.

USA 2015
Regie: Tom McCarthy
Länge: 128 Min.

Verleih: Paramount
Kinotipp der katholischen Filmkritik 304/Februar 2016


Suffragette

Die mit historischen Ereignissen unterfütterte Geschichte einer Londoner Wäscherin, die 1912 mit der Bewegung zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts in Berührung kommt. Das politische Engagement der Suffragetten bildet den Kern des überzeugend gespielten Films, der inszenatorisch geschickt die Auswirkungen der gesellschaftlichen Benachteiligung wie des militanten Aktivismus auf Individualität und Privatleben der unterdrückten Frauen in den Mittelpunkt rückt. - Sehenswert ab 14.

Großbritannien 2015
Regie: Sarah Gavron
Länge: 107 Min.

Verleih: Concorde
Kinotipp der katholischen Filmkritik 303/Februar 2016


Anomalisa

Ein ausgebrannter Motivationstrainer nimmt seine Umwelt nur noch als zähen Brei und die Mitmenschen als gleichförmige Masse wahr. Während einer Vortragsreise lernt er in einem Hotel in Cincinnati eine schüchterne Frau kennen, die sich von den anderen unterscheidet. Der außergewöhnliche Puppenfilm entwirft mit im 3D-Drucker produzierten Figuren und altmodischer Stop-Motion-Animation einen Albtraum, in dem alle Menschen identisch aussehen und gleich sprechen. Das Hotel wird zum Ort existenzieller Leere, bei dem Individualität keine Rolle spielt, während der Liebe eine besondere Bedeutung zukommt, weil sie den Einzelnen aus der Masse hervorhebt. Ein eigenwillig schöner, in jeder Hinsicht besonderer Film. - Sehenswert ab 14.

USA 2015
Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson
Länge: 91 Min.

Verleih: Paramount
Kinotipp der katholischen Filmkritik 302/Januar 2016


Iraqi Odyssey

Der Schweizer Filmemacher Samir spürt seinen irakischen Wurzeln nach und zeichnet anhand der Lebensgeschichten seiner über den ganzen Erdball verstreuten Familie den Niedergang des einst blühenden Irak nach. Die in 3D gefilmten Erzählungen seiner intellektuellen Verwandtschaft sind mit einer großen Fülle an historischem Material hinterlegt. Obwohl innerfamiliäre Konflikte, aber auch die langwierige Recherche und Produktion des Films sichtbare Brüche in dem prallen Geschichtenteppich hinterlassen haben, wirkt das Mammutprojekt wie aus einem Guss. (Der Film wurde für die Kinoauswertung gekürzt und auf 2D reduziert, liegt aber auch in seiner ursprünglichen Fassung vor.) - Sehenswert ab 12.

Irak/Schweiz/Deutschland/Vereinigte Arabische Emirate 2015
Regie: Samir
Länge: 162 Min. (gekürzt 90)

Verleih: NFP
Kinotipp der katholischen Filmkritik 301/Januar 2016