Kinotipps 2017

Die andere Seite der Hoffnung

Ein junger Syrer, dessen Familie im Bürgerkrieg fast komplett getötet wurde, kommt nach seiner Flucht quer durch Europa nach Finnland, wo er Asyl beantragt, dann aber untertaucht, als man ihm dies verwehrt. In dem wortkargen Neubesitzer eines schäbigen Restaurants findet er einen unerwarteten Beschützer, der ihn in seine exzentrische Belegschaft aufnimmt. Eine mitunter märchenhaft anmutende Tragikomödie, in der Aki Kaurismäki das mit viel Respekt behandelte Flüchtlingsschicksal meisterhaft mit grandiosen Szenen seines lakonischen Humors verknüpft. In der Zeichnung der politischen Hintergründe erhebt sein Film keine Anklage, spricht sich dafür aber nachdrücklich für Mitgefühl, Solidarität und Humanismus aus. - Sehenswert ab 12.

Finnland/Deutschland 2017
Regie: Aki Kaurismäki

Länge: 98 Min.
Verleih: Pandora
Kinotipp der katholischen Filmkritik 333/März 2017


Die rote Schildkröte

Eine riesige rote Schildkröte hindert einen Schiffbrüchigen daran, eine einsame Insel zu verlassen. Nachdem er das Tier wutentbrannt tötet, verwandelt es sich in eine junge Frau, mit der ein neues Leben beginnt. Der melancholisch-poetische Zeichentrickfilm verzichtet vollständig auf Dialoge und erzählt in betörend schönen Bildern eine vielschichtige Geschichte über den Kreislauf des Lebens sowie über Schuld und Vergebung. Die universale Parabel spielt mit poetischen Bildern, bleibt dabei konfliktarm und wirkt mitunter etwas unverbindlich, lässt aber viel Raum für eigene Gedanken. - Sehenswert ab 12.

Frankreich/Belgien/Japan 2016
Regie: Michael Dudok de Wit

Länge: 81 Min.
Verleih: Universum
Kinotipp der katholischen Filmkritik 332/März 2017


Moonlight

Ein sensibler afroamerikanischer Junge wächst in Liberty City auf, einem „Problembezirk“ Miamis, wobei die Crack-Sucht seiner Mutter und die Schikanen von Gleichalterigen, die ihn mobben, sein Leben überschatten. Ein Dealer nimmt sich seiner an und wird zum Vaterersatz, doch die demonstrative Männlichkeit, die er dem Jungen vorlebt, bringt weitere Konflikte, vor allem auch mit der eigenen homosexuellen Identität. Der bildgewaltige, herausragend gespielte Film wird als Triptychon unterschiedlicher Lebensphasen erzählt. Er besticht durch seine Sensibilität gegenüber den Gefühlen der Figuren ebenso wie durch sein Gespür für ihre Lebenswelt, wobei er präzise Milieuschilderung mit dem Sinn für die Schönheit des Lebens verbindet. - Sehenswert ab 16.

USA 2016
Regie: Barry Jenkins

Länge: 111 Min.
Verleih: DCM
Kinotipp der katholischen Filmkritik 331/März 2017


Mein Leben als Zucchini

Nach dem Unfalltod seiner alkoholkranken Mutter landet ein neunjähriger Junge im Kinderheim, wo er sich mit anderen Kindern anfreundet, die ebenfalls Vernachlässigung und Missbrauch erfahren haben. Solidarisch bemühen sie sich darum, ein neu hinzugekommenes Mädchen vor ihrer egoistischen Tante zu schützen. Der bemerkenswert zurückhaltend inszenierte Stop-Motion-Animationsfilm erzählt ebenso berührend wie angemessen optimistisch von traumatisierten Kindern, wobei die Handlung durchgängig auf Augenhöhe seiner jungen Protagonisten bleibt. Die Inszenierung lässt Poesie, Realismus und Fiktion mustergültig ineinanderfließen und schafft so für ein breites Publikum Zugänge zu einem schwierigen Thema. - Sehenswert ab 10.

Schweiz/Frankreich 2016
Regie: Claude Barras

Länge: 66 Min.
Verleih: Polyband
Kinotipp der katholischen Filmkritik 330/Februar 2017


The Salesman

Ein Ehepaar in Teheran, das an einer Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mitwirkt, muss Hals über Kopf seine Wohnung verlassen und findet Unterschlupf in Räumen, die zuvor einer als Prostituierte diskreditierten Mieterin gehörten. Als die Ehefrau abends die Wohnungstür offen lässt und von den Nachbarn bewusstlos vorgefunden wird, gerät die Ehe in eine schwere Krise. Das von subtilen Metaphern durchwebte Beziehungsdrama reflektiert die Probleme eines gebildeten Paars aus dem iranischen Mittelstand, das mit Fragen um Scham, Bloßstellung und Ehrgefühlen konfrontiert wird. Der fantastisch gespielte und elegant inszenierte Film spiegelt kunstvoll das Scheitern an den Geschlechterrollen; die packende Tätersuche entlarvt er als zweiten Akt einer Entmachtung im Ringen um Wahrheit, Rache und Vergebung. - Sehenswert ab 14.

Iran/Frankreich 2016
Regie: Asghar Farhadi

Länge: 123 Min.
Verleih: Prokino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 329/Februar 2017


Manchester by the Sea

Ein schweigsamer Einzelgänger, der als Hausmeister in Boston arbeitet, kehrt anlässlich des Todes seines Bruders in seine kleine Heimatstadt an der US-amerikanischen Ostküste zurück. Als er die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen muss und es zum Wiedersehen mit seiner Ex-Frau kommt, brechen tiefe seelische Wunden wieder auf. Packendes, komplex konstruiertes Drama um Schuld und Erlösung, das in intensiven Rückblenden die ganze Tragik, Verletztheit und Schuld der Hauptfigur enthüllt. Die emotional und psychologisch genau gezeichneten, grandios gespielten Figuren halten stets die innere Spannung aufrecht. - Sehenswert ab 16.

USA 2016
Regie: Kenneth Lonergan

Länge: 138 Min.
Verleih: UPI
Kinotipp der katholischen Filmkritik 328/Januar 2017


Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki

Ein talentierter finnischer Boxer soll 1962 zum nationalen Shooting-Star aufgebaut werden und gegen den amtierenden Weltmeister antreten. Dazu verordnet ihm sein Manager eine Rosskur, bestehend aus intensivem Training, Gewichtsverlust und PR-Auftritten, doch der gelernte Bäcker ist frisch verliebt und in Gedanken meist bei seiner Freundin. Ein in wunderschönem Schwarz-Weiß fotografiertes, umwerfend lebensnah gespieltes Boxerdrama, das die üblichen maskulinen Gewaltexzesse der Sportart zugunsten seines wortkargen Anti-Helden vernachlässigt. Zugleich entwirft die märchenhafte filmische Kostbarkeit mit viel Jazz und lakonischem Humor ein optimistisches Stimmungsbild der Epoche. - Sehenswert ab 14.

Finnnland/Schweden/Deutschland 2016
Regie: Juho Kuosmanen

Länge: 93 Min.
Verleih: Camino
Kinotipp der katholischen Filmkritik 327/Januar 2017