Betörend & Widerspenstig

Spielwütig (X): Die Schauspielerin Julia Hummer

Alexandra Wach, FILM-DIENST 9/2014


Auf einmal war sie da, die Chance, sich von einem alarmierend festgezurrten Image zu befreien. 2010 kehrte Julia Hummer nach fünf Jahren Pause, Mutterschaft und Ausflügen in die Indie-Musik auf die Leinwand zurück. Der notorisch problembeladene, in sich gekehrte Teenager aus Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“ hatte sich zur ideologisch verblendeten Furie gewandelt. Olivier Assayas besetzte die damals 30-jährige Autodidaktin in seinem Terroristen-Biopic „Carlos – Der Schakal“ gegen den Strich. Und fuhr damit sein episches Polit-Drama trotzdem nicht gegen die Wand. Ein Glücksfall, denn zu sehen gab es eine Metamorphose der seltenen Art. Getrieben statt nachdenklich, impulsiv statt rebellisch gehemmt. Selbstzweifel, Zögern oder gar Skrupel waren Hummers Figur unbekannt. In der Rolle der mitunter unmotiviert um sich schießenden RAF-Aktivistin Gabriele Kröcher-Tiedemann agierte sie mit einer derart kaltblütigen Unberechenbarkeit, dass man unentwegt jede ihrer Entscheidungen als russisches Roulette wahrnahm.

Die Wut, die sich in ihr aufgestaut hatte, ließ ihr von schwarzen Haaren umrandetes Gesicht zu einer verkrampften Maske erstarren. Einmal war sie dann doch den Tränen nahe, als sie während einer Flugzeugentführung in der Falle steckte. Sie weinte nicht etwa aus Angst vor dem drohenden eigenen Tod, sondern weil sie sich darüber ärgerte, ihre Mission nicht zu Ende bringen zu können. Ein ebenso zierliches wie weltverachtendes Energiebündel, dem man besser aus dem Weg gehen sollte, anstatt es in den Arm nehmen zu wollen, wie noch in ihrem Debüt „Absolute Giganten“ (1999), das sie als feierwütiges Anhängsel einer Jungs-Clique mit Alkoholvergiftung und Atemstillstand absolvierte, oder Hans-Christian Schmids ähnlich prekärem Pubertäts-Drama „Crazy“ (2000).

Dass nach ihrem fulminanten Auftritt in „Carlos“ bis auf eine Nebenrolle in Pia Marais’ „Im Alter von Ellen“ nur das Fernsehen bei Julia Hummer anklopfte, ist als das übliche Los all jener Jung-Schauspieler zu verbuchen, die sich ihre eigen­willige Aura nicht ausreden lassen wollen. Im Kunst-Kontext ist diese eher gefragt, bei dem britischen Medienkünstler Phil Collins etwa, der Julia Hummer an seinen Projekten beteiligt. Oder in österreichischen Abschlussfilmen, die Hummer schon mal als verbissene Internatslehrerin besetzen. Ins Theater, das ihr nicht liegt, möchte sie nicht ausweichen. Ihre durchdringende, ohne Worte auskommende Präsenz gehört bedingungslos der Kamera.

In Tatjana Turanskyjs Zeitporträt „Top Girl oder la déformation professionnelle“, dem zweiten Teil einer Trilogie über Frauen und Arbeit, das auf der diesjährigen „Berlinale“ zu sehen war, kommt diese besondere Ausstrahlung in einer Doppelrolle zur Geltung. Nicht nur als alleinerziehende Mutter und mäßig gefragte Serien­darstellerin. Um das nicht enden wollende Provisorium zu überstehen, verdient sich die zermürbte Heldin den Lebensunterhalt mit Prostitution. Zwischen ­Catwoman-Masken, Umschnall-Dildos und Casting-Terminen kämpft sie sich durch den Berliner Alltag. Der gleicht einer Aneinanderreihung von selbstvermarktenden Bühnenauftritten in einer aus dem Ruder laufenden Dienstleistungswelt. Wahrlich eine Top-Rolle für eine Ausnahmeschauspielerin, die sich ihre betörende Widerspenstigkeit noch lange erhalten möge.

CD-Tipp:

Dass Julia Hummer auch Musik macht, wissen Filmfans seit Felix Randaus „Northern Star“ (2003), in dem sie als aggressiver, frustrierter Teenager zur Gitarre greift und Songs zum Besten gibt, die Hummer mit ihrer damaligen Band Sgt. Hummer entwickelt hat. Das Gitarrespielen und Singen hat sie sich, wie die Schauspielerei, angeblich per „learning by doing“ beigebracht. In den letzten Jahren konzentrierte sie sich verstärkt auf die Musik. Zusammen mit der Band Too Many Boys präsentierte sie 2005 das Album „Downtown Cocoluccia“: Mit nicht gerade voluminöser, zart-rauchiger Stimme gibt sie darauf Songs zwischen Indie-Rock, Pop und Folk zum Besten, mal versponnen, mal auftrumpfend.

Vertrieb: Strange Ways (Indigo)