Das Lächeln der Hundertleben

Spielwütig (IX): Der Schauspieler Jacob Matschenz

Alexandra Wach, FILM-DIENST 5/2014


Die Liste der absolvierten Produktionen ist beachtlich: Seit 2001 reiht Jacob Matschenz einen Film an den anderen, mitunter schon mal mehr als sechs in einem Jahr. Vielleicht gerade weil der 1984 in Ost-Berlin geborene Autodidakt keine klassische Ausbildung absolviert hat, holt er das Defizit durch exzessive Praxis nach. Ob auf der Mattscheibe oder der großen Leinwand: Seine entwaffnend natürliche Präsenz, der Verzicht auf angestrengte Oberflächeneffekte und der ewige Charme eines unverbrauchten Jung­talents bleiben ihm trotzdem auf wundersame Weise erhalten. Und haben den inzwischen fast 30-Jährigen zu einem Lichtblick in manch einem von Til Schweiger produzierten Desaster-Ausflug gekürt.

Jacob Matschenz schafft es mühelos, vom Dreh eines Kinderfilms wie „Vorstadtkrokodile“ in das vergrübelte Universum von Christian Petzold zu gleiten, auch wenn er in dessen „Dreileben – Etwas Besseres als den Tod“ einmal mehr den Jüngling auf der Schwelle zum Erwachsensein mimte, einen lethar­gischen Zivildienstleistenden, der sich zwischen zwei Frauen entscheiden muss, bevor er mit einem Medizinstudium die Weichen stellt. Spätestens seit „Das Lächeln der Tiefseefische“ (2005) haftet diese Rollenzuweisung an ihm, kein Wunder, hat er doch die Tragikomödie um einen frustrierten 17-jährigen Schulabbrecher, der alles dafür tut, um seinem vermeintlich idyllischen Heimatort Ahlbeck zu entkommen, gemeinsam mit Alice Dwyer zu einer sommerlich leichten und zugleich zaghaft sozialkritischen Emanzipations­romanze v­eredelt.

In Ingo Haebs Debüt „Neandertal“ bewies er ein Jahr später den Mut zur charakterfachrelevanten Leidensfähigkeit, als er den Part eines Jugendlichen übernahm, der sich mit der Diagnose Neurodermitis herumschlägt. In der fein dosierten Mischung aus westdeutschem Kleinstadtporträt, 1980er-Jahre-Flair und brachialem Coming-of-Age-Modell lieferte Matschenz mit seiner wütend konstruktiven Handhabung der eigenen emotionalen und physischen Unzulänglichkeiten einen ansteckenden Befreiungsschlag ab, der angesichts der schwer verdaulichen Thematik nachhaltig Respekt einflößt. Nach Nebenrollen in „Die Welle“, „Im Winter ein Jahr“ und der wunderbaren 68er-Familienstudie „Rose“ schloss er sich den Geschwistern Brüggemann an. Ein Glücksfall, war er doch in den Generationsporträts „Renn, wenn du kannst“ und „3 Zimmer/Küche/Bad“ erneut der sensibel-pragmatische Jugendliche vom Dienst, schien aber in dem familiär wiederkehrenden Ensemble derart gut aufgehoben, dass man ihn in „Kreuzweg“, Dietrich Brüggemanns aktuellem Spielfilm, sogleich schmerzlich vermisste.

Bereits in Volker Schlöndorffs französisch-deutschem Widerstandsfilm „Das Meer am Morgen“ (2011), in dem ­Matschenz einen jungen, in Frankreich stationierten Wehrmachtssoldaten spielte, der im Rahmen einer Straf­aktion einem Erschießungskommando zugeteilt wird, kam sein längst noch nicht ausgeschöpftes Potenzial zur Geltung. Aktuell in Edward Bergers „Jack“ (2013) ist er nun an vorderster Front mit von der Partie: In dem Berlin-Film um einen zehnjährigen Jungen, der gegenüber seinem kleinen Bruder in die Rolle des Ersatzvaters schlüpft, weil seine chronisch abwesende Mutter mit der Erziehung überfordert ist, gehört Matschenz zu den Erwach­senen, die dem kindlichen Drama nur wenig abgewinnen können. Das Schicksal, selbst ignoriert zu werden, dürfte ihn nicht mehr ereilen. Jacob Matschenz hat mit seiner Skala von „adoleszent gefährdet“ bis zu „rebellisch unberechenbar“ mindestens noch 100 Filmrollen vor sich.