Das Wolfsmädchen

Spielwütig (XXIV): Lilith Stangenberg

Alexandra Wach, FILM-DIENST 2/2016


Mit 27 Jahren hat Lilith Stangenberg ohne Schauspielausbildung eine beachtliche Theaterkarriere hingelegt. Begonnen hat sie am P 14 Jugendtheater der Volksbühne Berlin. 2010 kürte sie „Theater heute“ wegen ihrer flirrend-expressiven Auftritte unter der Regie von Frank Castorf zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres. Auch beim Film muss man inzwischen mit ihr rechnen: In Christoph Hochhäuslers Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“ spielte sie eine vor Ehrgeiz strotzende Zeitungsvolontärin, in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ trat sie an der Seite von Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld und Laura Tonke auf. In Nicolette Krebitz’ neuem Film „WILD“ (Kinostart: April 2016; Kritik) spielt sie eine junge Frau, die sich eine Hochhauswohnung mit einem wilden Wolf teilt.

Wer mit sieben Geschwistern aufwächst, kann gar nicht erst vor lauter Reibungsflächen Marotten entwickeln, könnte man denken. Für Lilith Stangenberg trifft das Gegenteil zu. An ihre eigenwillige Präsenz in Christoph Hochhäuslers „Die Lügen der Sieger“ musste man sich erst gewöhnen. Schon die angespannten Mundwinkel, der angestrengt verhuschte Blick und die rauchig-mädchenhafte Stimme hielt man zuerst für aufgesetzt, dann für eine geniale Irritation angesichts einer Physiognomie à la Audrey Hepburn und einer Leidenschaftslosigkeit, für die elfenhafte Romantik ein Fremdwort ist.

Vielleicht war diese Figurenzeichnung einer unterschätzten Sirene allzu klischeehaft und lediglich die Kopfgeburt eines in Klassiker-Zitaten irrlichternden Regisseurs, aber Lilith Stangenberg schaffte es trotzdem zu zeigen, was in ihr steckt. Schließlich hatte sie auf dem Theater schon manch eine ambivalente Rolle von Lulu bis zu Lady Macbeth gemeistert. Die letztere an der Berliner Volksbühne als Verfolgerin und Verfolgte, gespalten zwischen Himmel und Hölle in einem überbeanspruchten Nervenkostüm. In Hochhäuslers Welt geht es natürlich temperierter zu. Wenn sich Lilith Stangenberg scheinbar verlegen hinter einer Sonnenbrille versteckte, dann nur, um den Gegner unbeobachtet analysieren zu können. Da huschte dann schon so etwas wie gelangweilte Arroganz über ihre Mundwinkel, gefolgt von der Überlegenheit einer femme fatale. Die blieb aber nur wenige Sekunden am Leben: Die misstrauische Nachwuchsjournalistin, das Ziel der Festanstellung in Sichtweite, gewann sogleich die Oberhand. Die Zigarette entglitt ihr fast unbeholfen zwischen den Fingern, als gelte es, bei Männern die Beschützerinstinkte für eigene Zwecke zu mobilisieren.

Trotzdem reduzierte Lilith Stangenberg ihre Figur nicht nur auf kühles Kalkül. Sie kannte durchaus Wutausbrüche, Unsicherheiten oder einen routinierten Schlagabtausch mit dem sie betreuenden Reporter in Gestalt von Florian David Fitz. Zu schön, zu perfekt, um wahr zu sein? Eher ein erfreuliches Ausnahmetalent mit Mut zur Überschärfe ihrer weit gedehnten Ausdrucksskala, energisch und sanft zugleich, mit schon in der Körpersprache verankerten Widersprüchen, die demnächst hoffentlich dankbar angenommen werden. Aber bitte nicht als kuriose Fehlbesetzung, wie in Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“, wo sie in dem Part eines hübsch-lasziv anzusehenden Transvestiten zur Erpressungsfalle gegen missliebige Widersacher degradiert wurde.

Die Rolle in Nicolette Krebitz’ neuem Film „WILD“ scheint dagegen wie gemacht für ihre betörenden Manierismen. Der Weg vom dahinsiechenden Enthüllungsjournalismus zum animalischen Rückwärtsgang in die Utopie der unverfälschten Wildnis ist auch nicht allzu weit. Nach Bastian Günthers „Houston“ und David F. Wnendts „Feuchtgebiete“ schaffte es „WILD“ in den Sundance Spielfilmwettbewerb. Lilith Stangenberg begegnet darin auf dem Weg zur Arbeit in einem Park einem Wolf, den sie fortan nicht missen möchte. Sie sucht und jagt, quartiert ihn in ihrer Wohnung ein und richtet ihren Alltag nach dem Tier aus. Ihre Umgebung reagiert nicht etwa mit Entsetzen. Sie fühlt sich von dieser Amour fou magisch angezogen. Von Misstrauen und Gewalt keine Spur. Das Wilde ist das neue, schmerzlich ersehnte Menschliche. Und Lilith Stangenberg das Wolfsmädchen, das man sich schon immer gewünscht hat. Nur dass sie in dieser zeitgemäßen Antwort auf Truffauts Klassiker „Der Wolfsjunge“ wohl die Schülerin einer archaischen Botschaft und nicht die zivilisierende Lehrerin sein dürfte.

Filmografie Lilith Stangenberg

2008 In Tirana (Kurzfilm)

2009 Lenny (Kurzfilm)

Rosa Roth – Das Mädchen aus Sumy

2010 Das blaue Licht

2011 Blitzeis (Kurzfilm)

2012 Incubo (Kurzfilm)

Polizeiruf 110: Stillschweigen

Diaz – Don’t Clean Up This Blood

2013 Scherbengericht

2014 Die Lügen der Sieger

Lügen und andere Wahrheiten

2015 Mondo Americana

Buddha’s Little Finger

Der Staat gegen Fritz Bauer

2016 WILD