Den Schmerz weggespielt

Spielwütig (XXVI): Der junge Schauspieler Joel Basman

Alexandra Wach, FILM-DIENST 7/2016


Mal als Neonazi, mal als Drogenabhängiger ist der 26-jährige Schweizer Joel Basman zum vielseitigen Hoffnungsträger des deutschen Films aufgestiegen. Man traut ihm offenbar alles zu, selbst in Hollywood hat er sich bereits an der Seite von George Clooney bemerkbar gemacht. Dabei versprüht sein Gesicht immer noch die Jugendfrische eines verletzlichen Filous. In seinem neuesten Film, dem Kriegsthriller »Unter dem Sand« (Kritik), schlüpft Basman in die Rolle eines jungen Wehrmachtsoldaten, der nach Kriegsende in Dänemark zu einem Minenräumkommando beordert wird.

Die erste Chance kam früh. Das Schweizer Fernsehen SRF entdeckte den 14-Jährigen für seine Soap »Lüthi und Blanc«. Es folgten der Schulabbruch, erste Kinofilme, eine Ausbildung an der European Film Actor School in Zürich, und bald standen auch deutsche Produzenten vor Joel Basmans Tür, vielleicht weil er bereits in diesen jungen Jahren keine noch so schwierige Rolle scheute. Mit 17 spielte er im Fernsehfilm »Jimmie« einen Autisten, der sich als Schwimmtalent entpuppt. Drei Jahre später gab er in dem deutschen Spielfilm »Picco« einen Häftling in einer Jugendvollzugsanstalt, der in einem unmenschlichen System zwischen der Opfer- und Täterrolle zerrieben wird.

In Krimis der Fernsehreihen »Tatort« und »Polizeiruf« besetzte man ihn anschließend mit Vorliebe als misshandeltes Pflegekind oder verschlossener Kumpel eines Schul-Amokläufers. Etwas Zwielichtiges schien ihn zu umgeben, ein innerer Vulkan, der trotz der zarten Oberfläche jeden Moment erbeben kann. Zwischendurch tauchte Basman schon mal in einer internationalen Produktion wie »Wer ist Hanna?« in der Nebenrolle eines brutalen Skinheads auf und schockte damit seine Kolleginnen vom Schlage einer Cate Blanchett. Kein Einzelfall, denn auch die Auftritte in George Clooneys »Monuments Men« oder der US-Serie »Homeland« bewiesen, dass selbst die Traumfabrik etwas mit den Albträumen anzufangen wusste, die Basman in seine Parts einzustreuen vermochte. Es überrascht nicht wirklich, dass der Preisregen bald einsetzte.

Im Jahr 2008 erhält der Sohn eines Israeli und einer Schweizerin, die ein Modegeschäft in Zürich betreiben, auf der »Berlinale« den »Shooting Star«-Award. Für seine Nebenrolle in Burhan Qurbanis verstörendem Drama »Wir sind jung. Wir sind stark«, das sich der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen annimmt, wird er mit einer »Lola«, dem deutschen Filmpreis, ausgezeichnet. »Wir machen einfach alles kaputt«, sagt sein drahtiger Robbie einmal, ein unberechenbarer Randalierer, der nicht weiß, was er tut, und doch auch wütend genug ist, um hinter sich eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen.

Ähnlich besetzt ist Joel Basman in Andreas Dresens »Als wir träumten« (2015), nur dass er diesmal nach der Wende in einer Clique landet, die sich mit Autodiebstählen, Drogen und Techno-Tanz-Rausch zufriedengibt. Auch hier spielt er den Schmerz seiner Figur weg, als gelte es den letzten Tag in der Freiheit zu feiern. Dass er als veritabler Freiheitskämpfer in dem Schweizer Film »Dawn« eine gute Figur macht, versteht sich da von selbst. 1947 bekommt der eingewanderte Israeli den Auftrag, einen britischen Offizier zu erschießen. Für Basman bedeutet die Zionisten-Rolle kein Nachsitzen, denn dank seines Vaters ist er des Hebräischen mächtig, wenn auch mit Akzent. Sein Großvater flüchtete einst vor den Nazis aus Lettland nach Palästina.

Den Wandel zum Hitler-Anhänger schafft Basman in seinem neuesten Film »Unter dem Sand« trotzdem mühelos. In dem Fach des »angry young man« hat er immerhin längst ausreichend Erfahrung. Er spielt einen fanatisierten Jugendlichen, den selbst seine hoffnungslose Situation als Kriegsgefangener nur schwer erschüttern kann. Damit die Rollenwahl (inzwischen sind in der Schweiz auch noch ein missbrauchter Bauer und ein querschnittsgelähmter Räuber dazu gekommen) doch nicht zu monoton gerät, entwirft Basman im Zweitberuf seine eigene Mode-Linie. Und er verkörpert demnächst Rainer Maria Rilke: In Christian Schwochows Biopic über die Malerin Paula Modersohn-Becker trifft er, bewaffnet mit Kontaktlinsen und Klebebart, auf seine Landsfrau Carla Juri. Was für ein Paar! Schade nur, dass Paula mit Rainer nichts anzufangen wusste. Aber auch diese Demütigung wird Joel Basman mit flirrender Energie wegspielen. Schließlich ist er ein mit allen Kostümen gewaschener Überlebenskämpfer, mit dem noch lange zu rechnen ist.

Filmografie

2006 Cannabis – Probieren geht über Regieren, Breakout

2007 Jimmie

2008 Happy New Year, Luftbusiness, Mein Schüler, seine Mutter und ich, Rosa Roth - Das Mädchen aus Sumy, Tausend Ozeane

2009 Picco

2010 Rosannas Tochter, Sennentuntschi, Songs of Love and Hate

2011 Löwenzahn – Das Kinoabenteuer, Wer ist Hanna?

2012 Draußen ist Sommer, Unsere Mütter, unsere Väter

2013 Vielen Dank für nichts, Wir sind jung. Wir sind stark., Puppylove

2014 Ziellos, Tatort – Borowski und der Himmel über Kiel, Dawn

2015 Als wir träumten, Amnesia, Unter dem Sand, Nussknacker und Mausekönig