Der Spieltrieb einer Schneekönigin

Spielwütig (VI): Die Schauspielerin Anne Ratte-Polle

Alexandra Wach, FILM-DIENST 26/2013


Der Ritterschlag auf der großen Leinwand lässt noch auf sich warten – und das bei einer Schauspielerin, die irgendwo zwischen Charlotte Rampling und Isabelle Huppert alle physischen Attribute zu einer überdurchschnittlichen Präsenz besitzt. Unterbeschäftigt ist sie trotzdem nicht. Auf den deutschen Bühnen, vor allem in Berlin, ist Anne Ratte-Polle, Jahrgang 1974, dank ihrer großen Wandlungsfähigkeit nicht wegzudenken. Die Liste der Regisseure, die sich für ihre zwischen entrückter Grandezza und kühler Intelligenz oszillierende Erscheinung begeistern konnten, bewegt sich auf gehobenem Niveau und reicht von Werner Schroeter über Frank Castorf bis zu René Pollesch und Dimiter Gotscheff. Im Fernsehen hat sie seit der Jahrtausendwende zumeist Nebenrollen in sämtlichen Krimi-Aushängeschildern absolviert, mal war es das Ruhrpott-Unikat Schimanski, dem sie mit fragiler Entschiedenheit entgegentrat, mal folgte sie dem „Polizeiruf 110“ unter der Regie von Andreas Kleinert.

Mit Anfang 30, nach dem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock, bot ihr das deutsche Autorenkino Rollen an, die hellhörig machten. Romuald Karmakar besetzte Anne Ratte-Polle 2004 in der Theateradaption „Die Nacht singt ihre Lieder“ als den Prototyp jener unzähligen jungen Frauen, die in den 1990er-Jahren in die aufwachende Hauptstadt zogen, um sich am kreativ alternativen Lebensmodell zu versuchen, und die wenig später trotzdem in den Untiefen einer Zweierbeziehung landeten, samt chronischem Ausharren am Existenzminimum und einer Kinderschar, die den Party-Lifestyle stört. Auf dem Plakat erschien sie im schönen Profil mit Pelzkragen als grau-weiße Schneekönigin der „Generation Golf“, wie hinter einer vakuumverpackten Glasbarriere und mit Augen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie tränen oder vereisen sollten.

Zwei Jahre später dann der Wechsel ins Universum von Andreas Dresen: In „Willenbrock“ mimte sie eine zarte Literaturstudentin, die ihrer proletarischen Herkunft entkommen möchte und sich trotzdem erst von einem Gebrauchtwagenhändler in Gestalt von Axel Prahl umwerben lässt, nur um ihn umso eisiger in seiner größten Krise abzuweisen. Kurzauftritte in dem vielbeachteten Ehedrama „Gegenüber“, dem Migranten-Episodenfilm „Shahada“ oder dem Culture-Clash-Familienduell „Die feinen Unterschiede“ bewiesen ein ausgeprägtes Gespür für gesellschaftsnahe Stoffe jenseits des gefälligen Massengeschmacks. Schade, dass Anne Ratte-Polle darin nur am Rande vorkam.

Generationsgenosse Nicolas Wackerbarth erlöste sie 2013 mit dem im besten Sinne phlegmatischen Frauenporträt „Halbschatten“ endlich aus dem Schattendasein – und siehe da, sie erwies sich als die perfekte Besetzung für einen Ausflug der Berliner Schule in das sommerlich spröde Südfrankreich. Eine ehemalige Kulturwissenschaftlerin in ihren späten Dreißigern, ohne Familie, mit einem vagen Buchprojekt und dem Gefühl, abkömmlich zu sein. Ihr latent verlöschendes Gesicht verriet nichts von der Sehnsucht nach einem anderen Leben, nur von der stillen Tristesse nicht zu wissen, worin eine erstrebenswerte Erfüllung überhaupt bestünde. Ein grandioser Auftritt, der in der Branche aber nicht etwa eine Lawine von Anfragen auslöste.

Auf die mutig aufgeweckten Debütanten von heute ist immerhin noch Verlass. Jens Wischnewski konnte Anne Ratte-Polle ein Jahr später für seinen Abschlusskurzfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg gewinnen. In „Die Welt danach“ spielt sie eine Strahlenschützerin, die während der Bergungsarbeiten von Atommüllfässern in einem vom Grundwasser überschwemmten Zwischenlager an ihrer Erschöpfung zu zerbrechen droht und nichts lieber täte, als sich mit ihrer Familie in die Berliner Parallelwelt abzuseilen, wäre da nicht das Dilemma, die drohende Umweltkatastrophe nicht verhindert zu haben. Ein so intim konfliktreicher wie brisanter Stoff, dem man die Langdisziplin auf den Spuren von „Silkwood“ gewünscht hätte. Vielleicht wäre dann auch in der funktionsmüden Heldin die Kämpferin à la Jodie Foster erwacht, die in Anne Ratte-Polles Rollenspektrum sträflich unterrepräsentiert ist. Eine investigative Amazone würde ihrem betörenden Underacting mehr als gut stehen.