Die Erste ihrer Art

Spielwütig (I): Anne Müller

Alexandra Wach, FILM-DIENST 18/2013


Die Schauspielerin Anne Müller taucht im Kino bislang nur in Nebenrollen auf. Das sollte sich schleunigst ändern. Das Ausnahmetalent könnte eine deutsche Tilda Swinton werden.

Die undankbare Tochter von heute ist Ende 20 und sieht aus, als hätte sie bereits eine Karriere hinter sich, die ihre Gesichtszüge auf Eis gelegt hat. In ihren Augen brennt die Verachtung für alle Leistungsverweigerer. Das gilt selbst für ihren vom Gewinnerglück verlassenen Vater, der trotz jahrzehntelanger Schufterei seine Firma an die Konkurrenz verkaufen musste. Ihre sorgfältig ausgewählte Kleidung imitiert den Geschmack einer Schicht, in die sie erst noch aufsteigen muss. Die Wahl des drei Jahrzehnte älteren Lebenspartners verspricht aber ein beschleunigtes Fortkommen. Wenn es von Vorteil ist, würde sie ihn bedenkenlos opfern. Für den Moment weiß der Professor ihrer teuren Privatschule sie nicht nur sexuell zu führen. Er gibt ihr allerlei Psychotechniken mit auf den Weg, die sie später in den Haifischbecken der Vorstadt gut gebrauchen kann. Ihr Blick kennt nur Spott und Überlegenheitsfunken, aus ihrem Mund kommen nur neoliberale Floskeln. Hin und wieder schleicht sich Angst ein, Versagensangst, die der sofortigen Kontrolle bedarf. Sonni aus „Die Besucher“, der klugen zeitdiagnostischen Familiendystopie von Constanze Knoche, ist eines der abstoßendsten Ego-Monster, das der junge deutsche Film seit der Jahrtausendwende hervorgebracht hat. Und dieses Ekelpaket ist nicht zuletzt das Werk von Anne Müller.

Eigentlich ist diese Rolle nichts für die mit einer atemberaubend von der Norm abweichenden Physiognomie à la Tilda Swinton oder Milla Jovovich gesegnete Schauspielerin, ein Terrain, das bisher im deutschen Film unbesetzt war. Ein klassisches Exemplar vom Typ „Sonni“ würde femininer daherkommen, im Panzer eines vermeintlich hilfsbedürftigen Frauentyps, der seine äußeren Reize als Waffe einzusetzen weiß. Doch wie Anne Müller die charakterlichen Nuancen ihrer bis in die Fußspitzen kalt kalkulierenden Figur ausspielt, macht ihre erotischen Manöver mehr als glaubwürdig. Dass sie vor den Geschwistern die Maske fallen lässt und fast schon kindlich ungeschützt um eine leistungsunabhängige Nähe wirbt, deutet ihr enormes Wandlungsspektrum an, das die junge Aktrice bisher nur auf der Bühne zeigen durfte, von Lady Macbeth bis zur Abigail aus Arthur Müllers „Hexenjagd“.

„Riot Girl, androgyner Knabe, Fantasy-Prinzessin aus den wilden Landen des Nordens“, wurde sie bereits 2008 etikettiert, als sie von „Theater heute“ zur „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“ gewählt wurde. Es ist beinahe schon ein Skandal, dass die 1981 in Sachsen geborene strohblonde Ausnahmeerscheinung seitdem vom Kino nur mit Nebenrollen bedacht wurde, immerhin bei Detlev Buck und Nicolas Wackerbarth, oder zuletzt bei Jan Bonny in dessen viel gelobtem Fernsehserien-Beitrag „Polizeiruf 110 – Der Tod macht Engel aus uns allen“ an der Seite von Matthias Brandt und Lars Eidinger. Nach Ensemble-Parts in Frankfurt und zuletzt beim Berliner Maxim-Gorki-Theater holte Karin Beier die Absolventin der Hochschule für Musik und Theater Hannover für die Spielzeit 2013/14 an das Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Wo bleibt die große Solo-Kinorolle, die ihr internationales Potential jenseits aller Kategorisierung ausschöpfen würde? Eine unkonventionelle Science-Fiction-Heldin etwa? Müller beherrscht diverse Kampfsportarten und fährt Rennrad.

Oder ein Auftritt im abweichenden Fach intelligenter, eigenwilliger und vor allem extremer Frauenfiguren, in dem inzwischen mehrere ihrer Kolleginnen unterwegs sind, von Sandra Hüller über Julia Hummer bis zu Julia Jentsch. Warum nicht einen jungen Mann verkörpern, selbstsicher und zugleich fragil? Auf der Bühne sind geschlechtswidrige Besetzungen an der Tagesordnung. Selbst die Modewelt ist schon weiter. Das Kino, zumal das deutsche, lässt sich immer noch nur ungern auf risikoreiche Flirts mit ungewohnten Konstellationen ein. Es wäre ein Jammer, wenn auch dieses Talent seinen entwicklungswilligen Arbeitsplatz nur am Theater fände.

Hinweis
Hinweis: Die DVD zu „Die Besucher“ ist am 14.8. erschienen (Anbieter: Basis Film)

Porträts in den kommenden Ausgaben
Ronald Zehrfeld, Nora von Waldstätten, Mark Waschke, Anne Ratte-Polle und Jakob Diehl