Die sensible Kämpferin

Spielwütig (XIX): Die Schauspielerin Katharina Schüttler

Alexandra Wach, FILM-DIENST 6/2015


Seit ihrem elften Lebensjahr sammelt die 1979 geborene Mimin Schauspielerfahrungen und hat sich mittlerweile ein erstaunlich vielseitiges Oeuvre erarbeitet. Mit ihrer zwischen Fragilität und Widerborstigkeit vermittelnden Präsenz hat sie das Zeug zu einer deutschen Isabelle Huppert.

In einer Szene aus „Zeit der Kannibalen“, der erstaunlich intelligenten Abrechnung mit der gnadenlosen Welt der Wirtschaftsberater, liegt sie erschöpft auf einem Hotelteppich und brüllt sich die Wut aus dem Bauch. Nicht nur, dass ihr der Chef gerade per Video-Konferenz verkündet hat, ihre „Company“ sei verkauft worden und sie zum Abschied mit sexistischen Zumutungen erniedrigt; auch die Berichte über ihre zwei vor Ehrgeiz und Gier für jedes unmoralische Angebot empfänglichen Teamkollegen würden ihr jetzt nichts mehr nützen. Das Spiel scheint aus, das Denunzieren bringt keine Pluspunkte mehr. Umso mehr versetzt es die politisch korrekte Grünen-Anhängerin in Rage, als das Duo in ihr Zimmer eindringt und sie mit einer Wodka-Flasche erwischt. Die „Affen“, wie sie angeekelt meint, bedrängen sie amüsiert darüber, eine Schwäche entdeckt zu haben. Das Lachen vergeht ihnen schnell, als sie von ihrem eigenen Rauswurf erfahren.

Katharina Schüttler, Jahrgang 1979, spielt diesen grandiosen Kammerspieluntergang mit all dem widersprüchlichen Gefühlsreservoir, der ihr nicht zuletzt wegen ihrer jahrelangen Bühnenerfahrung zur Verfügung steht. Enttäuschung, Verletzung, Restbestände eines ethischen Codex und die Ungeduld darüber, dem eigenen heroischen Bild nicht zu entsprechen, bewegen sich über ihr derangiertes Gesicht wie Schatten einer griechischen Tragödie. Sie kennt genau die Mechanismen der Machtzirkel, möchte mitmischen und droht doch an dem Preis zu zerbrechen, den sie für ihre Abgeklärtheit zahlen muss.

Die bisherige Laufbahn der nur 1,61 Meter großen Tochter eines Schauspielers und einer Theaterautorin, die nicht nur wegen ihrer Größe und zierlichen Erscheinung das Zeug zu einer deutschen Isabelle Huppert hat, liest sich selbst wie die Visitenkarte für einen Spitzenjob. Ab dem elften Lebensjahr ging es bereits mit der Schauspielerei los. Nach dem Abitur folgte das Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Mit 23 Jahren dann die Titelrolle in dem Stück „Lolita“, die nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von körperlich und psychisch fordernden Extremeinsätzen war. Parallel zu den ersten Kinonebenrollen bei Hans Weingartner und Christian Petzold folgte 2003 der mitreißende Auftritt in der Hauptrolle der „Sophiiiie!“, ein exzessives Drama um eine ungewollt schwangere 20-Jährige, die sich ziellos ins Nachtleben stürzt, um in der Selbstzerstörung die anstehenden Entscheidungen zu vergessen. Weil Katharina Schüttler in dem Fach der unberechenbaren Rebellin perfekt aufgeht, bekam sie im Kino und Fernsehen – von „Wahrheit oder Pflicht“ bis zu „Es kommt der Tag“ – noch mehrfach die Gelegenheit, diesem Rollenmodell neue Facetten hinzuzufügen. Der Anzahl der bisher absolvierten Produktionen nach gehört Katharina Schüttler ohnehin zu der Spezies Schauspielerin, die das Spielen wie Atmen braucht. Keine Rolle ist ihr zu gering, wenn sie denn, wie zuletzt in „Oh Boy“, „Carlos – Der Schakal“, „Elser“ oder „Amour Fou“, einen herausfordernden Höhenflug verspricht. Fernseh-Großproduktionen vom Schlage des Biopics „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ oder des umstrittenen, aber auch „Emmy“-würdigen Serien-Epos „Unsere Mütter, unsere Väter“ profitierten von ihrer fragilen Präsenz, die unversehens in die Demonstration eines energiegeladenen Überlebenswillens umkippen kann. Die 35-Jährige ist längst eine feste Größe im deutschen Film, aber auch immer noch unter ihrem Potenzial geblieben. Höchste Zeit für die ultimative Hauptrolle!

Katharina Schüttler in „Grzimek“

Am 3. April ist Katharina in einem aufwändigen TV-Film von Roland Suso Richter zu sehen, der dem berühmten Verhaltensforscher und Tier-Dokumentaristen Bernhard Grzimek gewidmet ist. Im Biopic „Grzimek“ schlüpft Ulrich Tukur in die Rolle der Titelfigur, Katharina Schüttler spielt Erika Grzimek, die Witwe von Grzimeks Sohn Michael, der während der Dreharbeiten zu „Serengeti darf nicht sterben“, dem wohl berühmtesten Film seines Vaters, im Alter von 24 Jahren ums Leben kam. Später begann die junge Frau eine Liebesbeziehung mit ihrem Schwiegervater und wurde schließlich nach dessen Scheidung seine zweite Ehefrau. (Ausstrahlung: 3.4., 20.15, Das Erste. Länge: 165 Min., vgl. Kritik S. 64)