Ehrlich und gefährlich

Spielwütig (XXIX): Beeindruckes Kino-Potenzial: Golo Euler

Alexandra Wach, FILM-DIENST 23/2016


Golo Euler wechselte von der Lehrzeit bei der Telenovela »Sturm der Liebe« mühelos aufs Set von Wes Andersons »Grand Budapest Hotel«. Einen »Tatort« mit Ulrich Tukur kann er ebenso vorweisen wie Ausflüge in die Vorabend-Fernsehserie »Die Rosenheim-Cops«. Eine konsequent anspruchsvolle Rollen­auswahl sieht anders aus – und doch besitzt der 34-Jährige eine entwaffnend unverstellte Präsenz vor der Kamera, die ihn noch in die erste Liga katapultieren könnte.

Wie spielt man einen von Verlust­ängsten gepeinigten Mittdreißiger? Als ­enthemmten Stalker? Zu jeder Grenzüberschreitung bereiten Intriganten? Oder in sich gekehrt und erdrückt von der eigenen Unberechenbarkeit? In »Fado« von Jonas Rothlaender bekam Golo Euler in diesem Jahr die Chance zu zeigen, was in ihm steckt. Zwar fiel er bereits 2006 in dem naturalistischen Debütfilm »Auftauchen« mit dem Mut zu freizügigen Sexszenen auf und durfte sich 2011 in »Westwind« von Robert Thalheim in einer Mini-Rolle an seinen Generationsgenossen Volker Bruch oder Franz Dinda messen; aber so recht in Fahrt kam seine Leinwand-Karriere bis dahin nicht.

Die Hauptrolle in »Fado« war da nach dem Kurzauftritt in Wes Andersons »Grand Budapest Hotel« ein Geschenk, denn nichts deutet am Anfang des Eifersuchtsdramas darauf hin, dass der junge Arzt am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht. Man erlebt ihn zunächst als kompetenten Mediziner, der auf der Notfall­station vielleicht einen Tick zu lange um das Leben einer jungen Frau kämpft. Erst als er nach Lissabon aufbricht, um seine der Verstorbenen frappierend ähnelnde Ex-Freundin zu treffen, ahnt man, dass hinter dem übertriebenen Hilfseifer ein Abgrund stecken könnte. Das Paar nähert sich wieder an. Es scheint, als seien die einstigen Streitigkeiten dem natürlichen Charme des Ankömmlings gewichen. Bei einem Projekt für Obdachlose und Junkies, die auf der Straße medizinischer Hilfe bedürfen, scheint er mit seiner ruhigen, aber bestimmten Art gut anzukommen. Als aber Konkurrenten auf den Plan treten und seine neu erwachte Liebe bedrohen, wittert er sogleich Lügen und Verrat. Vor seinem inneren Auge ziehen ganze Filmepen vorbei, in denen die Freundin die Hauptrolle einer promisken Nymphomanin übernimmt. Eulers Gesicht verkrampft sich dann zu einer Fratze, er kämpft mit Wut, Angst und Selbsthass. Sein Widerstand gegen die ihn überrollenden destruktiven Gefühle macht aus dem sympathischen Helfer einen gereizten Tyrannen, der sich mit allen und jedem anlegt – eine tickende Bombe, die im Finale, geplagt von den inneren Schreckensbildern, implodiert.

Hatte man sich nach diesem bemerkenswerten Psycho-Porträt bereits ein Bild von dem Münchner als sensiblen Melancholiker gemacht, enttäuschte er mit dem nachfolgenden zweiten Kinowurf »Die letzte Sau« im besten Sinne alle Erwartungen. Als wortkarger Schweinebauer mit unvorteilhafter Langfrisur, der unfreiwillig zum Desperado gegen die Übermacht der Agrarindustrie aufsteigt, bewies Euler im märchenhaften Kolorit eine Wandlungsfähigkeit zum grob getakteten Komödianten, die man ihm nicht zugetraut hätte. Störrisch richtete er diesmal seine Raserei gegen reale und keineswegs eingebildete Feinde. Ein kauziger Kämpfer, der eher seinem Instinkt folgt als einer wohl durchdachten Robin-Hood-Strategie, der mit schwäbischem Dialekt nicht geizt und den Stress erst in kantigen Bewegungen kanalisiert, um schließlich mit ganzem Körpereinsatz seiner Lebenskrise einen kollektiven Sinn zu geben. Mit so viel ehrlichem Spieltrieb sollte Euler der nächste Kino-Coup gelingen. Denn auf der Fernsehmattscheibe ist er mit seinem flirrenden Potenzial aus Leichtsinn und Verzweiflung, Humor und Existenzangst einfach eine Verschwendung.

Golo Euler, geb. 8.9.1982

Filmografie (Auswahl)

2016

Die letzte Sau

Ferien

2015

Fado

Lotta & das ewige Warum

2014

Anderswo

Die Fischerin

Opa, ledig, jung

Tatort – Im Schmerz geboren

2013

Katie Fforde: Wie Feuer und Wasser

Weiter als der Ozean

2012

Hattinger und die kalte Hand

2011

Kasimir und Karoline

Westwind

2010

Unter Verdacht - Laufen und Schießen

2006

Auftauchen

Theater (Auswahl)

2010 Cosmic Basebal – Das Blut des Poeten Jack Kerouac. Gostner Hoftheater

2007 Neue Vahr Süd. Gostner Hoftheater

2006 Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte. Staatstheater Braunschweig

2005 Trainspotting

Hamlet

Jesus von Texas

Alle Metropoltheater München