Ein extremes Glückskind

Spielwütig (V): Die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer

Alexandra Wach, FILM-DIENST 24/2013


Manche Rollen kann man sich nicht aussuchen, zumal wenn sie einem auf den Leib geschrieben sind. Jasna Fritzi Bauer kann eigentlich nicht klagen. Sie ist gefragt und zugleich ein wandelndes Paradoxon. Einerseits ist die in Wiesbaden geborene Schweizerin mit 24 Jahren immer noch auf Rollen von Teenagern abonniert, die zwischen Weltverachtung und frühreifer Abgeklärtheit schwanken. Andererseits hat die Abgängerin der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bereits Karrieresprünge hinter sich gebracht, die manch einem noch eine Generation später nicht vergönnt sind. Sie gehört zum festen Ensemble des Wiener Burgtheaters und schaut auf mehrere Jahre Bühnenerfahrung zurück – darunter finden sich Häuser wie die Berliner Schaubühne und das Hessische Staatstheater Wiesbaden.

Auf der Kinoleinwand absolvierte sie ihre erste Nebenrolle noch während des Studiums bei Pia Marais in deren ebenso brillantem wie eigenwilligem Frauenporträt „Im Alter von Ellen“. Ein Jahr später folgte die Hauptrolle in der Komödie „Ein Tick anders“, ein dankbares Terrain, auf dem sie als ein vom Tourette-Syndrom gequältes Landmädchen ihren Mut zur grobmotorischen Verwandlung unter Beweis stellen konnte. Kein Wunder, dass Christian Petzold nach diesem gewagten Himmelfahrtskommando zugriff und sie in „Barbara“ besetzte. Darin übernahm sie den Part der schwangeren Heimausreißerin, die sich von Nina Hoss nicht nur ihre Gehirnentzündung auskurieren lässt. Mit sensiblen Extremrollen ging es weiter. Zeitgleich entstand das Mutter-Tochter-Drama „Für Elise“. Erneut spielte sie darin einen unberechenbaren Charakter, eine in einem thüringischen Plattenbau lebende 15-Jährige, die an der Unreife ihrer Erziehungsberechtigten zu zerbrechen droht. Während sich die Rechnungen und Mahnungen nach dem Unfalltod des Vaters im Wohnzimmerschrank stapeln, flüchtet sich die Mutter ins exzessive Partyleben zwischen Alkohol und wechselnden Partnern. Ihrer verträumten wie auch willensstarken Tochter bleibt nichts anderes übrig, als die Rollen zu wechseln und, statt sich ihrem Alter entsprechend abzugrenzen, die täglichen Entgleisungen ihres selbstbezogenen Gegenübers abzufedern. Jasna Fritzi Bauer stattet ihre um Ruhe und Geborgenheit kämpfende Figur mit erfrischend aggressiven Volten aus und bleibt dabei doch stets auch das Kind, dem man sogleich seine Hilfe anbieten möchte.

Von hier ist der Weg nicht mehr weit zu der Literaturadaption „Scherbenpark“ (Kritik in dieser Ausgabe) – ihrem bisher stärksten Auftritt. Es ist verblüffend, wie sie in diesem Ausflug in die Vorstadtwelt der russischen Aussiedler die Kunst der nachdenklichen Untertöne beherrscht, nur um unvermittelt genau den ordinären Ghetto-Tonfall zu treffen, den ihre konfliktgeladene Sascha beherrschen muss, um den Hass um sie herum abzuwehren. Was sie nicht daran hindert, die Widersprüche von gut situierten Kreativen zu durchschauen, die der vom Leben gebeutelten Überlebenskämpferin nichts vormachen können. Unvergesslich ihre massive Körperlichkeit während der Randale vor dem Hochhaus-Kiosk, als sie mit Flaschen und Steinen um sich wirft und erst nach einem Gegenwurf vom Balkon im ersten Stock den Mund hält. Ein Orkan, der auch in dem gerade abgedrehten Kinofilm „Charleen macht Schluss“ von Mark Monheim weiter toben darf. Die Rolle einer verhinderten Selbstmörderin, die mit knapp 16 Jahren das Durcheinander der deprimierenden Adoleszenz zu genießen beginnt, hört sich vielversprechend an, auch wenn man spätestens jetzt das Oskar-Matzerath-Syndrom wittert. Wehrt sich da jemand dagegen, erwachsen zu werden, oder ist die Fantasie der Regisseure mal wieder begrenzt? Es wird Zeit, umzusatteln und den Einsatz zu erhöhen.

Jasna Fritzi Bauer, geb. am 20.2.1989. Begann ihre Karriere als Ensemble-Mitglied im Jugendclub des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. 2012 Abschluss ihres Schauspielstudiums an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Für ihre Nebenrolle in „Barbara“ nominiert in der Kategorie „Beste Weibliche Nebenrolle“ für den Deutschen Schauspielerpreis. Lebt in Berlin und Wien; seit Juli 2012 festes Ensemble-Mitglied am Wiener Burgtheater. 2013 wurde sie in der Kategorie „Bester Nachwuchs” für den „Nestroy“-Theaterpreis nominiert.