Er ist jung. Er ist stark.

Spielwütig (XXIII): Jonas Nay

Alexandra Wach, FILM-DIENST 21/2015


An Jonas Nay kommt man 2015 schlicht nicht vorbei. Der 1990 in Lübeck geborene Schauspieler brilliert gleich in mehreren interessanten Rollen; aktuell läuft im Kino »Unser letzter Sommer« von Michal Rogalski (Kritik), in dem es Nay als jungen Deutschen 1943 in ein Dorf in Polen verschlägt.

Mit 25 Jahren steht Jonas Nay bereits seit einem Jahrzehnt vor der Kamera. 2015 spielt er gleich in mehreren ambitionierten Fernseh- und Kinoproduktionen mit. Ob als mittelloser Berlin-Flüchtling in einem Dorf der Nachkriegszeit (»Tannbach«), DDR-Grenzsoldat mit Spionage-Auftrag (»Deutschland 83«), ostdeutscher Jugendlicher in einer Plattenbausiedlung (»Wir sind jung. Wir sind stark«) oder kriegsmüder Polizist im besetzten Polen von 1943 (»Unser letzter Sommer«) – allen vier Rollen ist gemeinsam: Sie tauchen tief in die deutsche Geschichte ein. Ein Geschenk für einen Jung-Schauspieler, der nicht nur wegen seines derangierten Gesichts Charakter zeigt.

Gegen die umwerfende Überpräsenz eines Tobias Moretti muss man erstmal als ehemaliger Chorknabe ankommen. In dem Filmdrama »Hirngespinster« von 2014 wählte Jonas Nay, der nie eine Schauspielschule besucht hat, dafür aber schon früh in Kinderfilmen mitwirkte, irgendwann doch noch den Nahkampf gegen seinen schizophrenen Filmvater, wenn auch in einer gänzlich anderen Geschwindigkeit. In seinen Augen bald die tiefe Verletzlichkeit eines Kindes, bald der Realitätssinn und die Wut eines zu viel Verantwortung tragenden Beinahe-Erwachsenen. Kein Wunder, dass sich die beiden gegenseitig hochgeschaukelt und im Duett den Bayerischen Filmpreis abgeräumt haben.

Aufmerksam wurde man auf den Jugendlichen mit dem durch einen Autounfall etwas unsymmetrisch geratenen Gesicht 2011 in dem Fernsehfilm »Homevideo«, der sich dem Thema Cyber-Mobbing widmete. Da hatte er bereits diverse TV-Auftritte in »Großstadtrevier« und »Tatort« hinter sich. Nay spielte darin das 15-jährige Opfer einer Erpressung mit einem intimen Handy-Video, das trotz heftiger Gegenwehr depressiv wird und den Selbstmord wählt. Der Grimme-Preis war nur einer von vielen Auszeichnungen, der seine frühreife Leistung belohnte. Und das bei einem vielbegabten Talent, das nebenbei noch Filmmusik und Jazzpiano studiert hat und sein mobiles Tonstudio zu allen Dreharbeiten mitnimmt.

In der mäßig gelungenen Komödie »Dear Courtney« agierte Nay dann als liebesfrustrierter Buster Keaton der Rock-Geschichte, der die Band Nirvana Anfang der 1990er-Jahre von Konzert zu Konzert mit dem Urheberrecht-Vorwurf verfolgte, sie hätte seine Komposition für den Welthit »Smells Like Teen Spirit« verwendet. In »Wir sind jung. Wir sind stark.«, der fiktiven Rekonstruktion der fremdenfeindlichen Exzesse 1992 in Rostock-Lichtenhagen, bei der mehrere Hundert Jugendliche ein Asylbewerberheim in Brand setzten, spielte er ein Jahr später einen sensiblen Täter zwischen Mitgefühl und Gewaltrausch. Eine ambivalente Rolle mit vielen Brechungen und das perfekte Zentrum einer historischen Offensive für das Jahr 2015, in dem an Nay kein Weg mehr vorbeiführt.

Nach dem ZDF-Nachkriegsepos »Tannbach«, das die Folgen des Ost-West-Konflikts anhand eines geteilten Dorfs erzählt, folgt im November die RTL-Serie »Deutschland 83«, die sich ebenfalls um das ideologisch gespaltene Deutschland während des Kalten Krieges dreht. Es will schon etwas heißen, dass Nay darin die Hauptrolle eines im Westen spionierenden DDR-Soldaten zu tragen hat, der bei der Bundeswehr die Stellung der amerika­nischen Pershing-II-Raketen herausfinden soll. Eine Vorstufe zum Agenten-Rollenfach? Der US-amerikanische Kabelsender Sundance TV hat sich die Serie zumindest schon vor dem deutschen Start gesichert. Bevor Hollywood ruft, versucht sich Jonas Nay gerade ein weiteres Mal an einem Kostümfilm aus dem deutschen Geschichtsreservoir. Im deutsch-polnischen Drama »Unser letzter Sommer« spielt er einen deutschen Militärpolizisten im besetzten Polen, der 1943 gegen jede Befehlsgewalt Freundschaft mit gleichaltrigen Polen schließt, in direkter Nähe zu Auschwitz. Ein Fall von political ­correctness? Aber er kann mit seiner intuitiven Vorsicht eben auch das spielen. Und man nimmt es ihm ab.

Jonas Nay in »Deutschland 83«

Jonas Nay spielt eine der Hauptfiguren in der Serie »Deutschland 83«, die auf der »Berlinale« 2015 vorgestellt wurde und ab dem 26. November auf RTL (jeweils donnerstags im Doppelpack) ausgestrahlt wird. Die acht Folgen entwerfen anhand mehrerer Charaktere ein deutsches Zeit-Porträt.